Forschung

Schweizer Forschungserfolg: Ein Rätsel um den plötzlichen Tod gelöst

Der kamerunische Nationalspieler Marc-Vivien Foé starb im Jahr 2003 während eines Fussballspiels. Todesursache war ein verdickter Herzmuskel, der eine Spätfolge einer Herzmuskelentzündung sein könnte.

Der kamerunische Nationalspieler Marc-Vivien Foé starb im Jahr 2003 während eines Fussballspiels. Todesursache war ein verdickter Herzmuskel, der eine Spätfolge einer Herzmuskelentzündung sein könnte.

Im «Science» haben Schweizer Forscher publiziert, wie ein harmloses Darmbakterium zu plötzlichem Herztod führen kann. Bei Sportlern ist die Herzmuskelentzündung die zweithäufigste Ursache für den schnellen Herztod.

Es ist ein Tod ohne Vorwarnung. Plötzlich werden junge Menschen aus dem Leben gerissen. Eine Ursache davon ist eine Entzündung des Herzmuskels. Bei Sportlern ist diese Herzmuskelentzündung, von den Medizinern Myokarditis genannt, die zweithäufigste Ursache für einen plötzlichen Herztod.

Junge Fussballer und Handballer sind mitten auf dem Spielfeld zusammengebrochen, häufig hat man diese Krankheit bei Triathleten und Läufern festgestellt. Athleten, die Sport am Limit betreiben und immer hochtourig laufen und sich auch nicht die Zeit geben, einen Infekt auszuheilen.

Denn bei Myokarditis greift eine Infektion auf den Herzmuskel und schwächt diesen. Die Folge ist Kammerflimmern, eine Herzrhythmusstörung, die im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Nicht nur bei Sportlern. Schlagzeilen machte vor sechs Jahren der Tod des aus dem Sender Vox bekannten Casting-Models Jennifer Scherman. Die 20-jährige als gesund geltende Frau starb plötzlich an einer durch eine Virus-Infektion hervorgerufene Herzmuskelentzündung.

Meist zwischen November und März

Dieser im ersten Moment unerklärliche Tod betrifft nicht nur junge Menschen. Betroffene fühlen sich zuvor nicht gut, haben grosse Mühe beim Treppensteigen, atmen schwer. Das Herz mag nicht mehr pumpen. Erst wird von einem Herzinfarkt gesprochen, ist dieser medizinisch ausgeschlossen, wird dann oft eine Myokarditis diagnostiziert. «Typischerweise kommt diese Erkrankung vor allem in den Monaten November bis März vor, wenn Erkältungen häufig sind», sagt Professor Burkhard Ludewig, Leiter des Medizinischen Forschungszentrum am Kantonsspital St.Gallen.

Burkhard Ludewig, Studienleiter und Leiter des Medizinischen Forschungszentrum am Kantonsspital St.Gallen

Burkhard Ludewig, Studienleiter und Leiter des Medizinischen Forschungszentrum am Kantonsspital St.Gallen

Allerdings muss die Herzmuskelentzündung nicht gleich zum Tod führen. Bei 80 Prozent der Betroffenen heilt sie von selbst aus. Viele bemerken gar nicht, dass sie an einer Myokarditis leiden, die mit der dafür nötigen Ruhe wieder ausheilt.

sagt Professor Ludewig. Oder es entsteht ein dermassen grosser Herzschaden, dass nur noch eine Herztransplantation hilft. Die Krankheit bleibt aber oft unentdeckt und ist unterdiagnostiziert. Am Kantonsspital St.Gallen werden pro Jahr etwa 20 bis 50 Fälle diagnostiziert. Gesamt spricht Ludewig von bis zu 50 Fällen auf 100000 Menschen.

Den Forschern am Kantonsspital St.Gallen fiel allerdings auf, das nicht in jedem Fall die Infektion Auslöser der Herzmuskelentzündung ist. «Viren spielen zwar eine Rolle, was die saisonalen Höhepunkte der Erkrankung zeigt, aber er ist nicht in jedem Fall ausreichend für eine Myokarditis», sagt der St.Galler Forscher.

Darmbakterium trägt die Hälfte der Bevölkerung

«Was ist es dann?», fragten sich Ludewig und sein Team und begannen im Jahr 2012 mit einer Myokarditis-Studie. Mit grossem Erfolg, wie die aktuelle Publikation ihrer Studie im renommierten US-Fachmagazin «Science» zeigt. Eine Ehre, die Schweizer Forschern nicht sehr oft zuteil wird. «Mir in 25 Jahren Forschung zum ersten Mal», sagt Ludewig lächelnd.

Die Forscher entdeckten, dass bei Myokarditis-Patienten ein bestimmtes Darmbakterium recht häufig ist. Kein ungewöhnliches Bakterium, sondern ein eigentlich harmloses, das 50 Prozent der Bevölkerung mit sich herumträgt. Aber ein Bakterium, das gefährliche Entzündungsprozesse im Herz verstärken kann und damit eine wichtige Rolle in der Entstehung der Myokarditis und der daraus folgenden Herzschwäche spielt, wie die St.Galler Forscher feststellten.

In Zusammenarbeit mit Forschern der ETH Zürich und der Universität Calgary in Kanada, fanden die Wissenschafter unter Leitung von Ludewig heraus, dass bei einem Teil der Patienten nicht eine Virusinfektion allein zur Herzmuskelentzündung führt, sondern ein Virus zusammen mit einem Darmbakterium und einer bestimmten genetischen Empfänglichkeit.

Getestet hatte man das in Kanada am Mausmodell mit an der ETH Zürich genetisch veränderten Darmbakterien. Später konnten die Forscher die Zusammenhänge zwischen den Darmbakterien und der genetischen Veranlagung bei Myokarditis-Patienten aus der Ostschweiz bestätigen.

Darmmilieu verändern

Aus dieser Erkenntnis wollen die Forscher nun zeigen, dass mit einer gezielten Veränderung des Darmmilieus bei Patienten mit Myokarditis die schwerwiegenden Folgen der Krankheit verhindert oder zumindest gelindert werden können. So könnten die Resultate im Klinikalltag umgesetzt werden. Im Vordergrund steht dabei der Einsatz von bestimmten Antibiotika. Bereits bei den Mäusen wurden mit solchen Medikamenten erfolgreiche Testergebnisse erzielt.

In Zukunft gehe die Forschung in Richtung personalisierte Medizin. Menschen, die aufgrund des in der Science-Studie beschriebenen Darmbakteriums und ihrer genetischen Veranlagung ein höheres Myokarditis-Risiko haben, könnten dann aufgrund ihres genetischen Profils sofort mit dem richtigen Medikament behandelt werden. Um den plötzlichen Tod zu vermeiden.

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Autor

Bruno Knellwolf

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