Schicksal
Schlaganfall mit 35: Wie ein junger Familienvater wieder ins Leben zurückfindet

Ein Hirnschlag kann auch junge Menschen treffen. Von der Suche nach einem Leben danach.

Vanessa Eugster
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Mit 35 wurde Sten Smola durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt. Chris Iseli

Mit 35 wurde Sten Smola durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt. Chris Iseli

Chris Iseli

Heftige Kopfschmerzen reissen den 35-jährigen Sten Smola im Dezember 2015 aus dem Schlaf. Er möchte aufstehen, doch er sackt zusammen. Die Beine tragen ihn nicht und er kann sich aus eigener Kraft nicht mehr vom Fussboden erheben. Die Diagnose im Spital ist niederschmetternd: Hirnblutung.

Smola hatte keinerlei Risikofaktoren: Er rauchte nicht, war äusserst sportlich, ernährte sich gesund. Bei einer Einblutung ins Gehirn, wie dies bei Sten Smola der Fall war, sprechen Ärzte von einem hämorrhagischen Schlaganfall. Das kann verschiedene Ursachen haben. Doch beide Formen des Schlaganfalls zerstören Nervenzellen und verletzen das Gehirn. Gemäss Fragile Suisse, der Schweizerischen Vereinigung für Menschen mit Hirnverletzung, sind in der Schweiz jährlich 16 000 Personen davon betroffen, darunter eben auch junge. Rund 4500 Menschen zwischen 20 und 40 Jahren erleiden pro Jahr eine Hirnverletzung wie einen Hirnschlag, ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine Hirnerkrankung. Und viele kämpfen danach mit lebenslangen Folgen.

Genesungsprognosen bleiben vage

Die Hirnblutung richtet bei Smola viel Schaden an. Die Erinnerungen an die ersten Tage im Spital sind ausgelöscht. Erst Wochen später realisiert der junge Familienvater die tragische Wendung, die sein Leben genommen hat. Er ist halbseitig gelähmt. Eine Genesung brauche viel Zeit und kein Arzt kann ihm voraussagen, wie gut sich sein Körper überhaupt wieder von der Verletzung erholen kann. «Aussagen zum Genesungsverlauf sind immer sehr vage, das schürt grosse Unsicherheit», sagt Lia Wittwer, Psychologin in der Abteilung Neuropsychologie der Klinik Bethesda in Tschugg. Als Betroffener und auch als Therapeut sei es schwierig, mit dieser Unsicherheit umzugehen.

Aussenstehende können nur erahnen, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich nicht mehr gehen oder sprechen kann. Wenn man seinen Körper nicht mehr spürt, ihn nicht mehr steuern kann oder nur noch eingeschränkt sieht. Wenn einfach nichts mehr so ist, wie es einmal war. «Ich konnte nicht einmal mehr selbstständig meine Socken anziehen, geschweige denn meine Schuhe binden», sagt Smola. Der Demütigung standzuhalten, sei sehr schwierig. Betroffene brauchen vor allem zu Beginn häufig Hilfe für alltägliche Dinge wie Anziehen, Körperpflege und Essen. Sie fühlen sich nicht selten erniedrigt, blossgestellt, entwürdigt.

Nach dem verhängnisvollen Ereignis folgen für Smola mehrere Wochen Spitalaufenthalt, gefolgt von sechs Monaten Neuro-Rehabilitation. Diese Phase beschreibt er als «schlimmste Zeit meines Lebens». Weg von zu Hause und der Familie, täglich konfrontiert mit den eigenen körperlichen Defiziten. Doch die Hoffnung treibt ihn an, jeden Tag aufzustehen und an den Therapiestunden teilzunehmen.

Zu Beginn einer Rehabilitation hoffen Betroffene und ihre Angehörigen auf Besserung. Das Gehirn ist plastisch, das heisst, es kann ein Leben lang Neues lernen, sich neu organisieren und sich neu modellieren. Doch irgendwann wackelt die Säule der Hoffnung und Bedenken machen sich breit. Die Angst, dass das Verbesserungspotenzial bereits ausgeschöpft ist, wächst. Die grössten Fortschritte in der Neuro-Rehabilitation können in den ersten Monaten erwartet werden. Deshalb setzten sich viele Betroffene vor allem in dieser Zeit extrem unter Druck.

Betroffene erleben oft ein Wechselbad der Gefühle, berichtet Psychologin Wittwer. «Hoffnung und Frust wechseln sich im Verlauf einer Rehabilitation ab», so Wittwer weiter. Sie stellen hohe Ansprüche an sich selbst. Sie kämpfen, damit sie sich schnellstmöglich erholen, unter anderem nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen sind, wieder laufen oder arbeiten gehen können. Doch nebst der physischen Ziele, die zu Beginn oftmals im Vordergrund stehen, brauche auch die Psyche viel Zeit, um sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen.

Den ersten depressiven Tiefpunkt erlebte Smola ein paar Wochen nach der Hirnblutung. Er sah keine Zukunft mehr, wollte nicht mehr weiterkämpfen, dachte an Suizid. Die Vorstellung, sein Leben mit einer körperlichen Beeinträchtigung weiterzuleben, liess den ehemaligen Sportler verzweifeln. Er verlor den Lebensmut. Am schlimmsten sei es gewesen, die Pläne, die er als Vater mit seinen Söhnen hatte, untergehen zu sehen. Smola erzählt: «Ich war nicht einmal mehr in der Lage, meinem Kind aufzuhelfen, wenn es hingefallen war.» Die Spaziergänge im Wald, das Flanieren durch Städte, das gemeinsame Wandern in den Bergen: Unzählige Tätigkeiten, die Smolas Leben ausmachten, waren nicht mehr möglich.

Betroffene leiden nicht ausschliesslich an den körperlichen und sichtbaren Folgen einer Hirnverletzung. Bei vielen kommen unsichtbare Beeinträchtigungen wie Müdigkeit, Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten oder Schmerzen dazu. Häufig schämen sich Betroffene auch für ihre Behinderung, sind ungern unter Menschen und ziehen sich zurück.

Die Stütze in Smolas Leben ist seine Familie. Die Kinder erinnern ihn täglich daran, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Die Psychologin Wittwer bestätigt die Wichtigkeit der Angehörigen, um wieder im Leben Fuss zu fassen. «Häufig braucht es viel Geduld. Nicht nur vom Betroffenen, auch von seinen Angehörigen», sagt sie. Schier Unmögliches zu forcieren sei kontraproduktiv, es gehe darum, den Betroffenen in seinen realistischen Zielen zu unterstützen und zu motivieren. «Früher oder später kommt bei beiden Seiten Frust auf. Diese Gefühle gemeinsam auszuhalten, ist die Herausforderung.»

Velofahren trotz Stürzen

Mit Ehrgeiz und Disziplin führt Smola auch zu Hause fast täglich ein Physio-Training durch. Hinzu kommt wöchentliche Ergotherapie. Er hat es heute sogar so weit gebracht, dass er wieder Fahrrad fahren kann. «Das Bike ist mein Schlüssel zur Freiheit und ein Schritt zurück in die Normalität», sagt Smola. Es ermöglicht ihm, selbstständig unterwegs sein zu können. Er sei zwar schon mehrmals hingefallen, einmal sogar so heftig, dass er sich den Finger gebrochen habe. Aber diese Rückschritte halten ihn nicht davon ab, es wieder zu probieren. «Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück», so die nüchterne Bilanz nach zwei Jahren Hirnverletzung. Denn Aufgeben sei keine Option.

Smola führt ein weitgehend selbstständiges Leben. In seinen vier Wänden kann er trotz der Halbseitenlähmung viele Alltagsaktivitäten selber erledigen, braucht keine Hilfe beim Anziehen oder der Körperpflege mehr. Er kocht oft für seine Familie, spielt mit den Kindern und arbeitet – meist von zu Hause aus – in einem reduzierten Pensum als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bund. Doch das Haus verlässt er meist nur in Begleitung seiner Lebenspartnerin oder von Freunden. Kurze Strecken kann er ohne Hilfsmittel zu Fuss meistern, für längere Wege nimmt er das Fahrrad oder muss sich gar mit dem Auto fahren lassen. Die meisten Freizeitbeschäftigungen musste er aufgeben, dafür liest er heute viele Bücher, Magazine und Tageszeitungen oder spielt Schach.

Jeder Betroffene braucht seine eigenen Strategien, um den Weg in ein neues Leben zu meistern. So individuell wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Hirnverletzungen und ihre Folgen. Doch eines haben die Betroffenen gemeinsam: Sie brauchen unendlich viel Geduld, Kraft und Mut, um wieder im Leben Fuss zu fassen.