Anfang Jahr ging ein Aufschrei durch die Branche. Eine vom Börsenverein, dem deutschen Verband der Buchbranche, in Auftrag gegebene Studie veröffentlichte im Januar beunruhigende Resultate. 6,1 Millionen Buchkäufer seien gemäss Marktforschungsunternehmen GfK zwischen 2012 und 2016 dem Buchhandel verloren gegangen.

Der Anteil der Bevölkerung, der Bücher kauft, sei innert vier Jahren um knapp 9 Punkte auf 45,5 Prozent gesunken. Noch seien die Umsätze relativ stabil. Dies, weil die verbliebenen gut 30 Millionen Deutschen mehr oder auch teurere Bücher als bisher gekauft hätten. Aber: Die Leser brechen weg, so die alarmierende Botschaft. Vor allem die Leser der mittleren und jüngeren Generation.

Dani Landolf vom Schweizerischen Buch- und Verlegerverband SBVV versucht zu relativieren. Eine vergleichbare Studie für die Schweiz gebe es nicht. Aber der Blick auf die Absatzzahlen der letzten zehn Jahre zeige ein differenziertes Bild. Netto liege die Zahl der verkauften Bücher heute knapp 5 Prozentpunkte tiefer als 2008. Allerdings brach der Absatz nach einem Anstieg in den ersten fünf Jahren seit 2014 um zehn Prozent ein.

Das erste Quartal 2018 weist aber gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr wieder ein knappes Prozent Zuwachs aus. Gründe für den Einbruch nach 2014 sieht Dani Landolf vor allem im Massenmarkt. Er sagt: «Der Bestsellermarkt spürt die Konkurrenz von Netflix und Handy stärker.»

Positive Schweizer Zahlen

Allein: Die Zahl der verkauften Bücher sagt noch nichts über die Zahl der Leser. Die aktuellsten Zahlen dazu gibt es aus dem Jahr 2014. Das Bundesamt für Statistik hat sie im vergangenen Jahr publiziert. Die zentrale Aussage darin lautet: Ja, ein Grossteil der Bevölkerung in der Schweiz liest Bücher. Über 80 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen 12 Monaten mindesten ein Buch gelesen zu haben.

2014 wurde deutlich häufiger gelesen als etwa Musik via Download oder Streaming gehört, und Bücher waren beliebter als Video- und Computerspiele. Gemäss Studie lesen rund 60 Prozent zwischen drei und zwölf Bücher pro Jahr und jede fünfte Person liest mehr als ein Buch pro Monat aus privatem Interesse, ist also eine eigentliche Leseratte.

Dass unter diesen Leseratten deutlich mehr Frauen als Männer sind, erstaunt kaum. Überraschend ist dagegen der Befund, die 15- bis 29-Jährigen würden mehr als die anderen Altersgruppen lesen. Ausschlaggebend dafür ist allerdings der Lesestoff im Rahmen von Arbeit und Ausbildung.

Ein nicht so düsteres Bild also, wenn man diese Studie anschaut. Allerdings: Die Digitalisierung bringt eine rasante Beschleunigung mit sich. Es ist durchaus möglich, dass sich das Leseverhalten innerhalb der letzten Jahre verändert hat. Nicht zuletzt stammen die alarmierenden Zahlen aus Deutschland ja aus dieser Zeitspanne. Doch auch Christine Tresch vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM relativiert.

1988 habe das Institut eine Studie über die Leselandschaft Schweiz erarbeitet. Damals habe man befürchtet, das Fernsehen würde das Lesen verdrängen. Und auch aus den 1920er-Jahren kursiert ein Zitat von Samuel Fischer, dem Gründer des S. Fischer Verlags. Er fand: «Das Buch gehört augenblicklich zu den entbehrlichsten Gegenständen des täglichen Lebens. Man treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abende am Radio oder im Kino.»

Interessant für die künftige Entwicklung ist vor allem das Leseverhalten der heranwachsenden Generation. In der Schweiz gebe es keine Langzeitbeobachtung von Kindern und Jugendlichen, sagt Christine Tresch. Laut Studien aus Deutschland, die seit den 1990er-Jahren durchgeführt werden, würden die Heranwachsenden heute aber nicht weniger lesen.

Dies seien allerdings Selbstaussagen. Eine Studie aus England zeigt, dass – vor allem Jungs – weniger genau lesen. Auf dem Buchmarkt gibt es eine Tendenz, die diesem Leseverhalten entgegenkommt. Neben dicken Schmökern, vor allem im Fantasybereich, gibt es Bücher mit einem hohen Anteil Bilder, kurzen Kapiteln und comicartigem Erzählstil, als Reaktion auf eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne.

Und wenn man Kinder nach ihren Lieblingsbüchern frage, sind Bücher, die den Stoff multimodal in verschiedenen Medien aufbereiten, in ihren Top Ten — Bücher wie «Harry Potter» von J. K. Rowling oder «Gregs Tagebuch» von Jeff Kinney, bei denen die Geschichte in Computerspielen, Film oder in einem Hörspiel weiterlebt. «Die Wege, zum Text zu kommen, sind heute weitaus vielfältiger als früher», sagt Christine Tresch.

Florierender Kinderbuchmarkt

Insgesamt scheint der Medienkonsum zuzunehmen. Denn: «Der Kinderbuchmarkt floriert», so Christine Tresch. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Neuerscheinungen im deutschsprachigen Markt auf heute 9000 pro Jahr verdoppelt. Ein starkes Argument gegen den angeblich schwindenden Stellenwert des Buches. Es scheint einen gesellschaftlichen Konsens zu geben, dass zumindest Kinderbücher wichtig sind.

Wie also kann man den Konsens ins Erwachsenenalter hinüberretten? In der Leselaufbahn von Heranwachsenden gebe es zwei sogenannte Leseknicks, sagt Christine Tresch. Der erste trete in der Unterstufe auf, wenn die Kinder das Lesen erlernt haben und die anfängliche Begeisterung bei rund einem Drittel gefährdet sei, in Desinteresse abzudriften.

Der zweite Leseknick tauche beim Übergang ins Jugendalter auf, wenn die Orientierung zu Gleichaltrigen, sportliche Aktivitäten oder ganz allgemein die Orientierung nach aussen zunimmt. «Das ist seit den 1980er- und 90er-Jahren feststellbar, als man begonnen hat, darüber zu forschen.» Hier sind in erster Linie die Schulen gefordert. Sie müssen den Jugendlichen positive Leseerlebnisse ermöglichen.

Schule in der Verantwortung

Tut die Schule das, oder hat sich der Fokus im Unterricht zur immer wieder geforderten digitalen Kompetenz hin verschoben? «Überhaupt nicht», sagt die Fachfrau. In den letzten 15 Jahren habe sich viel bewegt. In Anlehnung an den angelsächsischen Raum werde der Literaturbegriff heute breiter gefasst. Zeitung, Comic, Sachbücher, Liebesromane und Trivialliteratur gehören zum Unterricht.

Das bildungsbürgerliche Erarbeiten von Textinterpretationen stehe nicht mehr im Vordergrund. Der Fokus liege viel stärker darauf, was die Schülerinnen und Schüler mit dem gelesenen Text anfangen können. Es werden zum Beispiel Buchtrailer erstellt oder Blogs geschrieben.

«Der Lehrplan 21 stärkt den ganzheitlichen Lese- und Literaturunterricht weiter» sagt Christine Tresch. In den meisten Kantonen wird der neue Lehrplan im Sommer eingeführt. Die Arbeit mit Literatur erstreckt sich dabei über alle Stufen. In den neun obligatorischen Schuljahren sollen aufeinander aufbauende Kompetenzen erworben werden, wodurch vor allem die Lehrpersonen gefordert sein dürften.

«Lesen ist wichtig, als Grundlage für die anderen Fächer und später als Grundlage für die gesellschaftliche Gemeinschaft», so Christine Tresch. «Das literarisches Lesen schult dabei Erfahrungen, die mit anderen Medien nicht gemacht werden können: die Vorstellugskraft beispielsweise, das Einfühlungsvermögen in Figuren und das Spiel mit Sprache.» Die Leser brechen nicht weg, ist die Fachfrau überzeugt. «Es gibt immer noch Jugendliche, die eine gewohnheitsmässige Haltung zum Bücherlesen entwickeln.»