Reportage
Leere Strände wegen Corona – wo Spanierinnen jetzt ohne schlechtes Gewissen Ferien machen

Auf den Kanarischen Inseln sind die Strände immer noch leer, die Infektionszahlen weiterhin tief. Drei Freundinnen waren da.

Manuel Meyer
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Die Dünen in Maspalomas auf Gran Canaria.

Die Dünen in Maspalomas auf Gran Canaria.

Bild: Getty Images

«Wahnsinn! Wir haben die ganzen Dünen für uns allein.» Elena Rodríguez kann es kaum fassen. Auch Susana und Marina sind überrascht. Zwar wussten die drei Freundinnen aus Madrid, dass wegen der Pandemie und internationalen Reisewarnungen auch auf Gran Canaria derzeit wenige Feriengäste sind. Doch mit so einem Panorama haben sie nicht gerechnet. Ganz allein sitzen sie auf einer der höchsten Sanddünen in Maspalomas im Süden der spanischen Ferieninsel und schauen zu, wie die Sonne blutrot im blauen Atlantik versinkt.

Normalerweise ist es unmöglich, dieses Postkartenmotiv einsam zu geniessen. Erst recht nicht zum Sonnenuntergang, wenn Hunderte Touristen das gewaltige Dünenmeer besuchen. «So entspannt und ruhig habe ich die Kanaren noch nie erlebt», sagt Elena. Ob an den langen Sandstränden im Süden Gran Canarias, in der Altstadt von Las Palmas oder auf der «Route der schönsten Dörfer» im Inselinneren: «Fast überall waren wir allein. Das war manchmal ein wenig gespenstisch», meint die 48-jährige Versicherungsangestellte.

Von links nach rechts: die drei Madriderinnen Marina, Susana und Elena auf Gran Canaria.

Von links nach rechts: die drei Madriderinnen Marina, Susana und Elena auf Gran Canaria.

Bild: zvg

Sogar zum Roque Nublo, dem berühmten Felsmonolithen und Wahrzeichen der Insel, verlieren sich nur wenige Urlauber. Dabei kann man vom «Wolkenfelsen» die wohl magischsten Sonnenuntergänge mit Blick auf Teneriffas Teide-Vulkan und die umliegende Bergwelt geniessen.

Auf den anderen sechs Kanaren-Inseln ist die Lage ähnlich. Selbst die beliebten Kunst- und Kulturstätten von César Manrique auf Lanzarote haben freie Parkplätze. Eine Angestellte am Eingang zu Manriques berühmter Lavahöhlenlandschaft Jameos del Agua berichtet:

«Normalweise herrscht hier um diese Zeit Hochbetrieb. Doch heute hatten wir gerade einmal 30 Besucher.»

Auch im Kaktus-Park des bekannten Inselkünstlers ist kaum etwas los. Die «Feuerberge» im Timanfaya-Vulkan-Nationalpark im Süden der Insel haben die wenigen Besucher derzeit für sich allein.

Kein Anstehen vor dem Kaktusgarten von César Manrique auf Lanzarote.

Kein Anstehen vor dem Kaktusgarten von César Manrique auf Lanzarote.

Bild: Getty Images

Nichts mit Anstehen vor Museen oder Restaurants

Von Manriques Aussichtspunkt Mirador del Río schweift der Blick aus 470 Metern Höhe vom Famara-Massiv auf die Lanzarote vorgelagerte Insel La Graciosa.

Die Meeresluft in der Nase: Famara-Cliff auf Lanzarote.

Die Meeresluft in der Nase: Famara-Cliff auf Lanzarote.

Bild: Getty Images

Wer zum Eiland übersetzt, verfällt fast in ein Robinson-Crusoe-Feeling. Mit dem Mountainbike geht es quer über die wüstenhafte Insel zur Playa de las Conchas. Gerade einmal 50 Menschen geniessen hier am breiten «Muschelstrand» die warme Frühlingssonne.

Elena Rodríguez und ihre Freundinnen sind begeistert. Selbst bei den in Tripadvisor angesagtesten Restaurants brauchten sie nicht einmal am Wochenende eine Reservierung. Schlangen vor Museen, Freizeitparks oder Sehenswürdigkeiten? Fehlanzeige! Und obwohl die Insel unter den ausbleibenden Touristen leidet, sind die Preise so günstig wie nie.

Das Apartment der Freundinnen in erster Strandreihe an der Playa de las Burras kostet für fünf Nächte ganze 549 Franken. Den Mietwagen bekamen sie für die Woche für rund 54 Franken. «Das ist alles schon fast surreal», meint Elena. Gewissensbisse, weil sie trotz der Pandemie reisen, haben sie nicht, doch die Freunde waren neidisch.

Die drei Frauen hatten sich für die Kanaren entschieden, weil die «Insel des ewigen Frühlings» spanien- und europaweit die geringsten Corona-Fallzahlen hatte. Zwar sind die Inzidenzwerte auf den grossen Hauptinseln Gran Canaria, Teneriffa und Lanzarote mit 59 Fällen pro 100000 Einwohner derzeit wieder knapp über den Grenzwert gestiegen. Doch vor allem die kleinen Wanderinseln La Gomera, La Palma und El Hierro liegen teils weit unter 10 Fällen. Entsprechend lax sind die Regeln, wobei es von Insel zu Insel Unterschiede gibt. Geschäfte und Restaurants sind aber überall offen.

Alles leer: Die Kirche San Antonio Abad in der Altstadt von Gran Canaria.

Alles leer: Die Kirche San Antonio Abad in der Altstadt von Gran Canaria.

Bild: Getty Images

«Wahrscheinlich sind die Kanaren aus epidemiologischer Sicht derzeit tatsächlich einer der sichersten Orte in ganz Europa», stellt der spanische Epidemiologe Lluis Serra klar. «Durch die Lage vor der Küste Westafrikas haben wir das ganze Jahr über warme Temperaturen um die 25 Grad, wodurch das Leben sich selbst im Winter im Freien abspielen kann. Das begünstigt niedrige Infektionsraten», so Serra.

Rücktransportversicherung im Krankheitsfall inklusive

Damit das auch so bleibt, werden seit Mitte November die Einreisenden getestet. Viele europäischen Länder geben Reiserestriktionen unabhängig von Spanien an, wo die Fallzahlen oft hoch waren. Die Inselregierung richtete sogar für alle Besucher automatisch eine Covid-Versicherung ein, welche die Folgekosten und den Rücktransport bei einer allfälligen Corona-Erkrankung abdeckt. Die Hotels haben hohe Sicherheitsstandards. Die Branche weiss, welche wirtschaftliche Katastrophe steigende Infektionszahlen für die komplett vom Tourismus abhängigen Inseln bedeuten würde.

Sonne tanken, im Meer schwimmen, Gebirgswanderungen im T-Shirt, auf Restaurantterrassen frischen Fisch essen. Halb Europa träumt davon. Deshalb wundert sich Björn Dunkerbeck umso mehr, dass erst so wenige Ausländer da sind.

An der Playa del Inglés im Süden von Gran Canaria unterhält der 42-fache Windsurf-Weltmeister eine Surfschule. Fünf Gäste hat er im Schnitt pro Tag. Vor der Pandemie waren es bis zu 25. Die vergangenen Monate hat er sich vor allem mit Surfkursen für Kinder und mit Ansässigen über Wasser gehalten. Die Touristenhochburg ist kaum wiederzuerkennen. Die meisten Strassencafés, Hotels und Restaurants haben zu – nicht wegen Covid-Beschränkungen, sondern wegen fehlender Gäste.

Dunkerbeck gibt sich aber positiv: «Die Menschen wollen raus an die frische Luft, und die Kanaren sind der perfekte Ort für Outdoor-Aktivitäten, vom Surfen auf Gran Canaria und Fuerteventura bis hin zum Biken und Wandern auf La Palma oder La Gomera. Einen Covid-19-freundlicheren Ort wird man in Europa derzeit kaum finden», versichert Dunkerbeck.

Nun liegt seine Hoffnung vor allem auf der baldigen Einführung der Impfpässe. Spaniens Tourismusministerin Reyes Maroto verhandelt bereits mit der Europäischen Union, Spanien soll das erste Land sein, in das man ab Juni mit dem digitalen EU-Impfpass reisen kann.

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