Konsum
Reinheitsgebot vor 500 Jahren erlassen: «Beim Biertrinken macht die Dosis das Gift»

Vor 500 Jahren erliessen bayrische Herzöge das Reinheitsgebot. 95 Prozent der deutschen Brauer halten sich daran. Doch just im Jubiläumsjahr kämpfen die Bierproduzenten gegen schwindenden Absatz.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Reinheitsgebot-Jubiläum: Just im Jubiläumsjahr kämpfen die Bierproduzenten gegen schwindenden Absatz. (Symbolbild)

Reinheitsgebot-Jubiläum: Just im Jubiläumsjahr kämpfen die Bierproduzenten gegen schwindenden Absatz. (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/ETIENNE LAURENT

Ob uns das Bier heute schmecken würde, das sie damals im späten Mittelalter gebraut haben? Sein Geschmack war rauchig, ziemlich süsslich, es war nahrhafter und weniger süffig als die heutigen Biere – und mit 2 bis 3 Prozent Alkoholgehalt deutlich schwächer.

Die Kunst der Braumeister hat sich über die Jahrhunderte verfeinert, die Grundrezeptur des deutschen Bieres ist seit 500 Jahren die gleiche geblieben.

Am 23. April 1516 verfügten die bayrischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt das deutsche Reinheitsgebot.

«Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet und gebraut werden sollen», hiess es im damaligen Erlass, der vorerst nur für die Brauer im Herzogtum Bayern galt. Hefe war damals nicht als Mikroorganismus bekannt und wurde daher nicht erwähnt, ist heute aber Teil des Reinheitsgebotes.

1 Liter Bier pro Tag...

...sei für einen Mann gesund, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund.

Hungersnöten vorbeugen

1871 übernahmen weitere deutsche Staaten das Gebot, 1906 galt es im gesamten Reichsgebiet.

Die Herzöge hatten 1516 gleich mehrere Gründe, das Reinheitsgebot zu erlassen. Bis zu diesem Datum verwendeten die Brauer für ihr Bier so ziemlich alles, was ihnen gefiel: Hafer, Gerste, Weizen, allerlei Kräuter mit berauschender Wirkung, selbst vor Zutaten wie Russ, Kreide und Ochsengalle schreckten sie nicht zurück.

Das Bier war oft so unbekömmlich, dass es die Gesundheit des Volkes schädigte. Der Erlass war also gewissermassen auch eine Art Verbraucherschutz.

In erster Linie allerdings wollten die Herzöge Hungersnöten vorbeugen, indem Weizen oder Roggen fortan nicht mehr fürs Bier verwendet werden durften.

Mit dem Gebot wurde zudem ein fester Preis fürs Bier festgelegt. Die Biersteuern, die die Herzöge erhoben, waren eine der Haupteinnahmequellen für das Herrscherhaus in Bayern.

Auch wenn in 15 Bundesländern inzwischen Ausnahmen gestattet sind, halten sich noch immer 98 Prozent der deutschen Brauer an das 500-jährige Gebot – am strengsten werden die Regeln in Bayern befolgt.

Trotz lediglich vier zugelassenen Zutaten schmecken die deutschen Biere nach wie vor sehr unterschiedlich – immerhin stehen den Brauern 180 Hopfensorten, mehr als 40 Malzsorten und etwa 200 Hefesorten zur Verfügung.

Vor allem im Freistaat wird das 500-Jahr-Jubiläum des Reinheitsgebotes während mehrerer Anlässe in diesem Jahr gefeiert, morgen wird auch Kanzlerin Angela Merkel zu einem Festakt in Ingolstadt erwartet.

Fitnessstudio statt Stammtisch

Doch die Feierlaune trübt der sinkende Bierkonsum der Deutschen. Bis Mitte der 1970er-Jahre tranken die deutschen pro Kopf jährlich 150 Liter Bier, heute liegt der Verbrauch bei gerade einmal noch 106 Litern – Tendenz weiter sinkend.

Spitzenreiter sind mit 143 Litern je Einwohner die Tschechen, weit abgeschlagen sind mit 55,8 Litern pro Kopf die Schweizer.

Mitverantwortlich für den sinkenden Konsum sind veränderte gesellschaftliche Trends.

Die Leute trinken generell weniger und leben körperbewusster, das Bier am Mittagstisch in der Betriebskantine ist heute verpönt.

«Wo früher ein Stammtisch war, ist heute ein Fitnessstudio. Die Freizeit wird anders verbracht. Im Chatroom gibt keiner eine Runde aus», sagt Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes.

Zudem machen ausländische Bierbrauer, die sich nicht an das Gebot zu halten haben und kreative Lifestyle-Biere mit allerlei Geschmacksrichtungen brauen, den deutschen Kollegen das Leben zusätzlich schwer.

Stark zugelegt hat hingegen der Absatz von alkoholfreien Bieren, er liegt bei 5,6 Prozent des gesamten Bierabsatzes. Alkoholfreie Biere gelten als kalorienarm und gesund.

Nach 30 Jahren Grösse 48

Dennoch: Von Katerstimmung bei den Bierbrauern will Walter König, Ebbertz’ Kollege beim Bayerischen Brauerbund, nicht sprechen.

«Die Bayern trinken mit 125 bis 130 Litern pro Kopf glücklicherweise deutlich mehr als der Durchschnittsdeutsche. Zudem können wir den sinkenden Inland-Konsum durch Exporte mehr als wettmachen.» Jedes fünfte baerische Bier wird heute exportiert.

König selbst braut seit 30 Jahren Bier. Das Getränk ist in richtigen Massen gesund – und macht auch nicht dick. Nur übertreiben dürfe man es nicht. «Die Dosis macht das Gift», sagt König.

Es sei besser, täglich vom Gerstensaft zu geniessen, als fünf Tage abstinent zu leben, um dann am Wochenende kräftig auf den Putz zu hauen und literweise Bier zu trinken. Wer sich an die Faustregel halte, lebe gesund – und nehme auch nicht zu.

«Ein Mann darf pro Tag einen Liter Bier trinken, für eine Frau gelten 0,5 Liter täglich als gesund», rechnet König vor. «Das Problem ist, dass Bier sehr appetitanregend wirkt. Viele konsumieren zum Bier ungesundes Essen. Das setzt natürlich an», meint König und fügt an: «Ich habe mich an die Regeln gehalten und trage nach 30 Jahren als Brauer heute noch Kleidergrösse 48.»

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