Es hat viele Diplomaten im Raum, aber nur wenige Krawatten. «Daran merkt man, dass sie es wirklich ernst meinen», sagt ein Zuschauer und lacht. Hier in San Francisco, wo selbst die Gründer von Milliardenkonzernen häufig im legeren Kapuzenpullover auftreten, gilt eine andere Kleiderordnung, als es sich die meisten Politiker gewohnt sind.

Aber wer mit den Anführern der Tech-Industrie in Kontakt kommen will, mit den Visionären und Weltverbesserern, der muss sich anpassen. Nachdem sich Politiker lange Zeit nur beiläufig mit den technologischen Entwicklungen im Silicon Valley beschäftigt hatten, suchen sie jetzt immer häufiger den Kontakt.

Denn dort verwandelten sich in den vergangenen Jahren Start-ups in riesige Konzerne, die unseren Alltag fundamental prägen: Uber und AirBnB beispielsweise verändern das Leben in den Grossstädten, Facebook ist zur wichtigsten Medienplattform der Welt geworden und einzelne Tech-Firmen haben mehr finanzielle Mittel zur Verfügung als ganze Länder.

Private Firmen helfen Staaten schon jetzt bei der Abwehr von Cyberangriffen und spielen dank detaillierter Nutzerdaten auf ihren Servern mittlerweile auch eine Rolle bei der Verbrechensbekämpfung. Und die neue Datenschutzgrundverordnung der EU, welche am 25. Mai in Kraft treten wird und die Daten von Nutzern besser schützen soll, beschäftigt derzeit jedes Tech-Unternehmen.

Dänemark als Vorreiter

Politiker und Programmierer nähern sich an. Zu diesem Schluss kommt auch ein neuer Report der DiploFoundation, welche die diplomatischen Initiativen verschiedener Länder im Silicon Valley untersucht hat. Vor kurzem wurde der Schweizer Bericht in San Francisco öffentlich vorgestellt.

Während die Diplomaten-Gäste dort mit lockeren Outfits überraschten, hatte sich Facebook-CEO Mark Zuckerberg einige Tage zuvor in Washington D. C. ausnahmsweise mit Anzug und Krawatte gezeigt. Zehn Stunden lang wurde er vom amerikanischen Kongress in die Mangel genommen und musste Stellung nehmen zum Datenmissbrauch der Firma Cambridge Analytica und zur russischen Einflussnahme auf die US-Präsidentschaftswahl. Es war ein symbolischer Moment, der aufzeigte, dass Tech-Unternehmen und Regierungen nicht mehr länger unabhängig voneinander wirken.

«Die Diskussionen um Cambridge Analytica zeigen einmal mehr, wieso heute der Dialog zwischen Regierungen und Tech-Firmen zwingend nötig ist», sagt Mikael Ekman. Er amtet als Stellvertreter des weltweit ersten «Tech-Botschafters», Casper Klynge, der Dänemark seit bald zwei Jahren im Silicon Valley vertritt. Was diese Rolle genau beinhalte, das hätten der Botschafter und er anfangs auch nicht genau gewusst, gibt Ekman zu.

Grundsätzlich gehe es darum, dass man neue digitale Trends nicht verpasse und rechtzeitig die nötigen Vorkehrungen treffen könne. Vom Taxi-Dienst Uber beispielsweise sei die Regierung in Dänemark regelrecht überrollt worden; dank der Präsenz im Silicon Valley soll so etwas in Zukunft nicht mehr passieren. «Es ist sehr selten, dass man in der Diplomatie mal etwas wirklich Neues starten kann – etwas, das es so noch nicht gegeben hat. Wir führen eine Art Start-up und probieren noch immer herauszufinden, was wir hier im Silicon Valley alles bewirken können.»

Immer mehr Staaten kommen mit offiziellen Vertretungen nach Kalifornien. In der Privatwirtschaft ist diese Entwicklung schon seit längerem zu beobachten: Etablierte Grosskonzerne merkten früh, dass junge Tech-Firmen mit ihrer Disruptions-Lust zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz werden dürften – und das in fast jeder Branche.

Seither reisen Manager aus der ganzen Welt für «Study Tours» ins Silicon Valley und viele Firmen eröffnen dort sogar «Innovation-Outposts». Regierungen machen es jetzt ähnlich: Politiker ziehen entweder permanent ins Silicon Valley, wie der dänische Tech-Botschafter Klynge, oder sie reisen für einige Tage an, um sich mit Repräsentanten der Tech-Konzerne zu treffen.

Vor zwei Wochen besuchte Bundesrat Ueli Maurer zwei Tage lang das Silicon Valley. Mehrere Länder bauten jüngst auch ihr Konsulat aus – «wir mussten einfach aufrüsten», sagt die mexikanische Konsulin – oder richteten gar separate Innovations-Zentren ein. Die Schweiz ist diesbezüglich eine Vorreiterin, hat sie doch mit Swissnex, wo auch die Schweizer Studie präsentiert wurde, seit 15 Jahren eine starke Präsenz in San Francisco (siehe nachfolgende Box). Viele andere Länder, darunter Ungarn, Italien und Österreich, liessen sich von diesem Modell inspirieren.

Ist der libertäre Traum vorbei?

«Die Tech-Firmen sind heute offener für Dialoge als früher», sagt Gioia Deucher, CEO von Swissnex San Francisco. Langsam würden die Führungskräfte erkennen, dass es ganz ohne Regierungen eben doch nicht gehe: «Hier in San Francisco sieht man die Konsequenzen der libertären Einstellung, welche viele Tech-Firmen verinnerlicht haben», sagt sie und spricht damit unter anderem die Wohnungsknappheit und die wachsende Schere zwischen Arm und Reich an. «Das passiert, wenn man die Regierungen aussen vor lässt.»

Dass sich das Silicon Valley, welches sich lange konsequent gegen jegliche Regulierungen wehrte, nun offener gegenüber Staatsvertretern zeigt, bestätigen auch andere diplomatische Vertreter. Jovan Kurbalija, Initiant des «TechPlomacy»-Reports, glaubt sogar, dass Tech-Firmen bald aktiv den Kontakt zu Regierungen suchen werden.

Erste Anzeichen dafür gibt es: Mark Zuckerberg erklärte vor kurzem, dass es Facebook vielleicht sogar guttun würde, wenn die Plattform extern reguliert würde; vor einem Jahr wäre eine solche Aussage noch undenkbar gewesen. Microsoft kämpft für eine digitale Genfer Konvention, welche die Zusammenarbeit zwischen Tech-Firmen und Regierungen regeln soll. Und Dara Khosrowshahi, CEO von Uber, sagte dieses Jahr am WEF in Davos, dass Regierungen die Tech-Firmen zur Verantwortung ziehen sollen, wenn etwas schlecht läuft.

«Die wichtigen Leute im Tech-Sektor sind mittlerweile auch wichtig für die Diplomatie – ob einem das gefällt oder nicht», bekräftigte Ayaka Suzuki von der UNO. Bei der Organisation sei man überzeugt, dass Technologie wichtig sei, um die aktuellen Probleme dieser Zeit zu lösen, jedoch müsse das immer im Austausch mit den Regierungen passieren. Dafür ist es wichtig, dass diplomatische Vertreter im Silicon Valley vor Ort sind, dass man eine gemeinsame Sprache findet – und eine gemeinsame Kleiderordnung.