Jede Familie kennt – bezogen auf Kleidung – einen Shopping-Graben. Diese für einmal durch keine Studie bewiesene Behauptung dürfte trotzdem zutreffen, wohl gerade deswegen. Der Shopping-Graben bedeutet Folgendes: Ein Teil der Familie verliert liebend gern Zeit in Kleiderläden; der andere Teil hasst jede darin vergeudete Minute. Dieser Riss verläuft nicht unbedingt parallel zum Gendergraben, sondern kann meiner Erfahrung nach nur individuell-genetisch bedingt sein.

Männer wie Frauen habe ich mit Lust durch Kleiderläden wandeln sehen. Und Männer wie Frauen haben den Einkauf höchst widerwillig, also möglichst rasch erledigt, um befreit davon wieder Land oder Strasse zu gewinnen. Wenn nun stets mehr Leute im Internet Kleider bestellen, ist möglicherweise nicht der böse Online-Handel daran schuld. Sondern jene, die den Aufenthalt in Kleiderläden immer schon gehasst haben, sind inzwischen einfach froh, den quälenden Gang nicht mehr antreten zu müssen.

Zu Letzteren gehöre auch ich. Zu jenen, die tausend Stunden mit Unsinn vergeuden können, aber jede Sekunde bitterlich beklagen, die sie im Kleiderladen vertrödeln. Muss ich ein neues Hemd haben, reichen im Laden jeweils zwei schweifende Blicke und zwanzig Sekunden – leider dann aber kaum zweihundert Franken. Ich bin mit dem Fluch geschlagen, dass mir immer das am besten gefällt, was auch am meisten kostet – notabene: ohne das Preisschild konsultiert zu haben.

Folge eins: Als Vertreter der unteren Mittelklasse gehe ich nicht mehr in Kleiderläden. Folge zwei: Das treibt mich auch nicht ins Online-Geschäft. Der Grund ist simpel – und heute allgemein verbreitet: Der Kleiderkasten ist voll. Ich brauche bis zur Konfirmation im neuen Leben schlicht keine neuen Hemden mehr.

Nun gibt es Damen, die sagen, sogar öffentlich: «Ich bringe es nicht übers Herz, zweimal im gleichen Kleid auszugehen.» Ein schwer verständlicher Notstand, aber wir müssen ja nicht alles verstehen. Hochrechnen hingegen dürfen wir. Wenn die besagte Gesellschaftsdame jeden dritten Tag ausgeht, braucht sie im Jahr rund 120 Roben; immer noch weniger als das, was die Gute herzeigt in ihrem «begehbaren Wandschrank».

Übrigens gab es mal Zeiten, da wandelten Besitzer stolz für die Kamera durch ihre Hausbibliothek. Heute geniert sich niemand, vor allen Leuten durch den eigenen «begehbaren Schrank» zu stöckeln. Auch das ist ein Grund für die Krise: Die Mode ist wirklich auf den Protz gekommen.

Einerseits teures Bling-Bling – anderseits Grabbelware, sogenannte Fast Fashion. Es ist bizarr, wenn ein Fachorgan («FashionUnited») schreibt: «Immer mehr Produkte werden in immer kürzeren Zeitabständen auf den Markt geworfen». Das allein ist noch nicht frappierend, aber jetzt: «Immer mehr Textilien erreichen erst gar nicht den Verbraucher, sondern werden direkt nach der Produktion entsorgt.»

Das Perpetuum Mobile der Industrie: Man produziert Ware, die nicht mehr verbraucht werden muss. Steht so auf Dauer eine Firma nicht ganz ohne Hosen da? Die Konsumenten kann man dafür jedenfalls nicht verantwortlich machen; die sind bei diesem Businessmodell gar nicht mehr im Spiel.

Die Leute haben möglicherweise genug Klamotten – ist doch denkbar? Und das moderne Leben ist nicht so wild, um eine Hose in einer halben Saison zu verschleissen. Ausserdem: schon ein Vierteljahrhundert Soldat aD – und das Gnägihemd tut bei Bise seinen Dienst immer noch. Diese Auffassung setzt sich vielleicht wieder durch, nicht bloss beim Plastik: Statt fortzuwerfen, könnte man etwas auch wieder mal länger behalten.

Die Branche erlebt eine allgemeingültige Kulmination: mehr, mehr, immer schneller mehr ... irgendwo hat das eine natürliche Grenze. Ausser in China, wo das Kleidergeschäft einzig noch brummt; da müssen zwei Milliarden Mao-Lumpen ersetzt werden. Der nicht chinesische Kalender aber hat nur 365 Abende, um jedes Mal mit einem anderen Kleid auszugehen.

Nicht nach jedem Ausgang reisst einem jemand die Kleider vom Leib – zum Segen der Branche. Und ein T-Shirt an ein Hemd zu nähen, um zwei Fliegen auf einen Tätsch zu verkaufen, wie diese Woche, ist albern, trotz aller Verzweiflung. Und das Preisschild dafür unverschämt.

Wie Kleiderläden gibt’s auch zu viele Shopping-Center. Trotzdem werden wie trunken neue gebaut. Bleiben sie leer, ist sicher der Konsument wieder der Blödmann. Sein Shopping-Tourismus. Oder der starke Franken.

Die Klage über die Ursachen der Krise erschöpft sich in folgender Trinität: starker Franken, Einkaufstourismus, Online-Shopping. Deutsche Kleiderketten aber kämpfen auch. «FashionUnited» nennt eine andere Dreifaltigkeit: Siegeszug der Fast Fashion, Ausbau des Online-Geschäfts und Verdrängung kleiner Händler durch Marken-Flaggschiff-Läden. Und hält fest: «Für alle drei Entwicklungen ist die Mode-Industrie selber verantwortlich.»