Basel
Patienten als Versuchskaninchen – die Psychiatrische Uniklinik arbeitet die Vergangenheit auf

Ein Bericht über die Psychiatrische Uniklinik Basel zeigt vor allem eines: Früher hatte der Patient zu gehorchen.

Sabine Kuster
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Regale mit Medikamenten in einem Behandlungszimmer der Psychiatrischen Klinik Basel um 1950: Die Wirkungen waren oft noch nicht erforscht. UPK Basel

Regale mit Medikamenten in einem Behandlungszimmer der Psychiatrischen Klinik Basel um 1950: Die Wirkungen waren oft noch nicht erforscht. UPK Basel

UPK Basel

Der Mann fürchtete sich vor Strahlen und Atombomben. In der Angst hatte er versucht, elektrische Geräte in seiner Wohnung zu zerstören. Der 60-Jährige wurde darauf gegen seinen Willen in die Psychiatrische Universitätsklinik Basel gebracht. Die Ärzte versuchten, ihn mit einem Medikament zu beruhigen, das erst seit kurzem verfügbar war: Chlorpromazin. In den Krankenakten steht: «Angesicht der Unruhe des Pat. wird beschlossen, eine Kur mit dem neuen Mittel durchzuführen ...»

Es war das Jahr 1953. Ob der Patient informiert wurde, dass er ein Versuchsmedikament erhält, wird aus den Akten nicht klar. Doch: In der Formulierung «wird beschlossen» spiegle sich ein paternalistisches Arzt-Patienten-Verhältnis, «in dem die Entscheidungsmacht klar dem Arzt zugeordnet war». Zu diesem Schluss kommt der Berner Historiker Urs Germann, der im Rahmen einer Pilotstudie 330 Patientenakten der Psychiatrischen Uniklinik Basel (PUK) untersucht hat.

In Auftrag gegeben haben die Studie die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel – wie sich die Institution heute nennt. Germann sollte untersuchen, ob auch in Basel in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren Patienten Medikamente verabreicht wurden, die noch nicht zugelassen waren. Dies, nachdem in den letzten vier Jahren immer wieder haarsträubende Geschichten von Heimkindern des Klosters Fischingen im Kanton Thurgau ans Tageslicht kamen. Sie wurden nicht nur missbraucht, sondern danach in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen auch noch experimentell mit Medikamenten behandelt.

Auch in Basel ...

«Wir wollten wissen, ob auch unsere Klinik solche Medikamentenprüfungen machte und insbesondere, ob speziell schützenswerte Patientinnen und Patienten wie Zwangseingewiesene und Minderjährige involviert waren», sagt die UPK-Direktorin Anne Lévy. «Als Basler Klinik mussten wir davon ausgehen, dass wir durch die räumliche Nähe zur Pharmaindustrie besonders betroffen waren.»

Nach der Fertigstellung der Studie des Institutes für Medizingeschichte der Universität Bern konnte die Klinikleitung teilweise aufatmen: Der Forscher fand bis jetzt keine Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche in die Versuche involviert gewesen sind. Dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst mangelte es dazu in den Sechziger- und Siebzigerjahren offenbar auch an den nötigen Forschungsressourcen.

Allerdings konnte Germann aus zeitlichen und finanziellen Gründen nur eine Stichprobe von 50 Kinder-Patientenakten auswerten. Zudem konnten die Basler Heime nicht untersucht werden, welche von der Kinder- und Jugendpsychiatrie betreut wurden. «Eine abschliessende Antwort ist derzeit nicht möglich», sagt der Studienautor.

Medikamentenversuche gab es in Basel dennoch – genauso übrigens in anderen Schweizer Kliniken wie in Zürich oder Herisau. Zwischen 1953 und 1980 wurden in Basel knapp 60 Arzneimittel an über 1000 Patienten getestet (az von gestern). Ob Patienten dadurch bleibende Schäden erlitten, ist nicht bekannt. Aus den Akten ist aber ersichtlich, dass mehrere Versuche abgebrochen wurden, weil die Nebenwirkungen zu stark waren. Die Studie berichtet auch von einem Medikament, das «Augenschäden» hervorgerufen habe.

Patienten hatten keine Rechte

In Psychiatrischen Kliniken waren «Patientenrechte» damals noch ein Fremdwort. Wer sich freiwillig in die Klinik einliefern liess, bezeugte auf dem vorgedruckten Formular in der PUK Basel schriftlich, «dass er gewillt ist, den Anordnungen der Ärzte und des Pflegepersonals nachzuleben». Eine Einweisung schloss die therapeutischen Massnahmen gleich mit ein.

Das erfuhr auch der Mann, der sich vor Atombomben fürchtete. «Pat. ist mit der Injektion nicht ganz einverstanden, gibt jedoch freundlich Bescheid, obschon er einen Augenblick gehalten werden musste.» Hat er sich nur gegen die Spritze oder generell gegen das Medikament gesträubt? Das wird aus den Akten nicht klar. «Sicher ist jedoch, dass die Verweigerung nicht ernst genommen wurde», heisst es in der Studie.

«Auch wenn Medikamentenforschung für uns immer noch sehr wichtig ist: Aus heutiger Sicht ist ein solches Vorgehen unvorstellbar», findet Direktorin Lévy. Noch immer werden in einer letzten Phase Medikamente an Menschen getestet, doch eine Ethikkommission überwacht die Tests und die Patienten müssen informiert sein und einwilligen. «Früher war das Verhältnis Arzt-Patient ein ganz anderes», sagt Lévy, «sie waren die Götter in Weiss.»

Das war nicht nur in der Psychiatrie so. Doch insbesondere dort ging man oft von nicht urteilsfähigen Patienten aus, bei denen offener Widerstand als normal galt. Spätestens in den Achtzigerjahren merkte man: Therapien haben bessere Effekte, wenn die Patienten motiviert sind und freiwillig mitmachen. «Heute werden selbst bei fürsorgerischen Unterbringungen Medikamente nur noch äusserst selten zwangsweise verabreicht», sagt Lévy. Es müsse eine massive Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer vorliegen. «Wir haben heute aber auch viel mehr Methoden, um eine extreme Situation zu deeskalieren.» In den UPK Basel sind die Türen nie verschlossen: Wer gehen will, kann das jederzeit tun.

Dass die Patienten bevormundet wurden, überrascht Historiker Germann nicht: «Man muss das im historischen Kontext sehen», sagt er. «Aber mich hat überrascht, wie verbreitet die Medikamentenprüfungen waren und wie viele Medikamente getestet wurden.»

Es gibt diese Medikamente noch

Bemerkenswert ist: Eine Nachfrage der az bei den UPK Basel ergab, dass fast alle der damals 60 getesteten Medikamente bis heute in der Praxis weltweit angewendet werden. Es sind laut der Leiterin der Erwachsenenpsychiatrie, Undine Lang, «sehr gute, wirksame und etablierte Präparate». Citalopram beispielsweise, das 1980/81 in der Klinik getestet und erst 1990 offiziell zugelassen wurde, sei eines der am besten verträglichen Antidepressiva und werde als nebenwirkungsarmes, aber wirksames Präparat sogar häufig als erste Wahl angewendet. Auch Chlorpromazin, das dem 60-Jährigen 1953 in der Klinik verabreicht wurde, wird noch immer verwendet, allerdings nicht in Basel. Am Ende des Pflegerapports wird der Patient zitiert mit: «Der Herr Doktor habe seine Sache wunderbar gemacht, die Behandlung sei für ihn eine Wohltat.»

Es warten 70 Meter Aktenordner

Der Autor der Pilotstudie zu den Medikamentenversuchen in der Psychiatrischen Uniklinik Basel, Urs Germann, verweist darauf, dass genauere Untersuchungen mit einer grösseren Anzahl von Patientenakten nötig sind. Die Klinik selber hat nicht vor, eigene Folgestudien zu finanzieren. Laut Germann wäre es auch nötig, Einblick in die Archive der Pharmafirma Novartis zu erhalten, welche die Dokumente der früheren Geigy AG beinhalten.

Zugang zu diesen Archiven wurde erst den Forschern der Thurgauer Studie von Münsterlingen gewährt. Seitens der Novartis heisst es auf Anfrage der az dazu: Die Suche nach den historischen Informationen sei sehr aufwendig, da die Archive an verschiedenen Standorten und nicht vollständig erschlossen seien. «Unsere Anstrengungen fokussieren sich zurzeit auf das grösste Forschungsprojekt dieser Art – jenes des Kantons Thurgau.» Die Datengrundlage ist massiv: Zehntausende von Krankenakten und 70 Meter Aktenordner aus dem Nachlass von Klinikdirektor Kuhn werden studiert. Das Forschungsprojekt soll im Frühling 2019 fertig sein. (kus)

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