«Und wo ist das Dokument, das nachweist, dass Sie der Vater der Kinder sind und dass die Mutter mit der Reise einverstanden ist?», fragt die Dame am Check-in-Schalter. Mir jagen schon Verhörszenen in abgeschotteten Hinterzimmern der Flughafenpolizei durch den Kopf, die eine Kindesentführung vermuten, da antwortet mein Mann neben mir: «Das sieht man ihm vielleicht nicht an, aber die ‹Mutter›, das wäre dieser Herr hier», und zeigt auf mich.

Die Verhörbilder sind blitzartig aus meinem Kopf verschwunden und ich staune einmal mehr über die Schlagfertigkeit der eindeutig besseren Hälfte. Die Dame mustert uns prüfend, schaut auf die beiden Kinder und blickt in ihre Pässe: «Also sind sie Zwillinge?!» Nach wenigen Minuten ist offenbar alles klar und wir dürfen ohne Handschellen und Polizeibegleitung in den Sicherheitscheck; unsere erste Auslandreise. Das war im letzten Oktober.

«Zwillinge?», nun diese Frage wurde uns mittlerweile von unerwarteter Seite beantwortet: Nein, Zwillinge sind sie nicht, weder ein- noch zweieiig, sondern «Halbzwillingsgeschwister». So heisst es jedenfalls im Brief von der Kesb – und die muss es ja wissen. Und der kam gerade rechtzeitig, aber dazu später.

Tatsächlich ist alles viel komplizierter. Rechtlich sind unsere beiden Blondschöpfe an jenem Oktobertag nämlich gar nicht verwandt. Söhnchen ist nur mit meinem Mann verwandt, Töchterchen nur mit mir – und auch das nur in der Schweiz; beziehungsweise wo immer wir sie mit ihren Schweizer Pässen mitnehmen.

Die beiden sind nämlich Weltenbürger – oder zumindest Bürger zweier Länder: der Schweiz und der USA. Reisen sie mit dem US-Pass, sind sie Bruder und Schwester und wir Papa und Papi. Reisen sie mit dem Schweizer , sind sie nicht miteinander verwandt und Papi nur mit Söhnchen und Papa nur mit Töchterchen unterwegs.

Das heisst: waren nicht miteinander verwandt. Jetzt kommt der Brief von der Kesb wieder ins Spiel. Denn seit diesem Brief ist wieder alles anders: Nach Prüfung der beiden je 20 Seiten dicken Dossiers, des Berichts der Sozialarbeiterin, die uns zu Hause besuchte, und der Anhörung auf dem Amt, ist die Kommission zum Entscheid gelangt, dass es im beiderseitigen Interesse unserer Halbzwillingsgeschwister sei, wenn Papi Töchterchen und Papa Söhnchen adoptiere.

So kam der Brief gerade rechtzeitig, um eine Kindsentführung zu verhindern: Wir fahren nämlich demnächst wieder in die Ferien. Und bis zum Kesb-Entscheid hätte es uns tatsächlich passieren können, dass wir statt am Strand auf dem Polizeiposten gelandet wären, weil es den aufmerksamen Gendarmen des französischen Küstenstädtchens dann doch eigenartig vorkam, dass da zwei Männer mit zwei Kindern auf der Hinterbank im Auto herumkurven, und sie die Sache doch lieber einmal genauer abklären wollten.