Pandemie
Die Delta-Variante des Coronavirus könnte besonders Kinder betreffen

Die infektiöse Delta-Mutation ist auf dem Vormarsch. Gefährdet sind diejenigen, die noch nicht zweimal geimpft sind – und damit sehr viele junge Menschen. In Israel kam es bereits zu Ausbrüchen an Schulen.

Niklaus Salzmann
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Weil die Delta-Variante besonders stark ansteckend ist, steigt die Gefahr, dass die Maskenpflicht an Schweizer Schulen verlängert oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut eingeführt werden muss.

Weil die Delta-Variante besonders stark ansteckend ist, steigt die Gefahr, dass die Maskenpflicht an Schweizer Schulen verlängert oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut eingeführt werden muss.

Georgios Kefalas / Keystone

Portugals Hauptstadt Lissabon wurde am Wochenende abgeriegelt. Grossbritannien hat geplante Lockerungen der Coronamassnahmen um vier Wochen verschoben. Israel hat in zwei Ortschaften wieder Maskenpflicht verhängt und sogar Geimpfte und Genesene in Quarantäne geschickt. Der Grund ist überall derselbe: die Delta-Variante des neuen Coronavirus. Sie werde weltweit zur dominierenden Variante, sagte Soumya Swaminathan, leitende Wissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation, am Freitag.

Soumya Swaminathan, leitende Wissenschaftlerin der WHO

Soumya Swaminathan, leitende Wissenschaftlerin der WHO

Keystone(3. Juli 2020)

Die Delta-Mutation ist infektiöser als die bisher bei uns vorherrschenden: Das Risiko, Angehörige des eigenen Haushalts anzustecken, ist um 60 Prozent höher. Hinzu kommt, dass die Symptome noch schwieriger von einer Erkältung zu unterscheiden sind – typisch ist eine laufende Nase, nicht aber ein Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Laut dem Bundesamt für Gesundheit ist vermutlich auch das Risiko für eine erneute Infektion höher. Und die Impfungen schützen etwas weniger gut. Insbesondere sind Menschen, die nur einmal geimpft sind, stärker gefährdet. Das ist einer der Gründe, weshalb sich die Delta-Variante in Grossbritannien rasant ausbreitete: Dort setzte die Regierung auf die Strategie, zuerst möglichst viele Menschen einmal zu impfen, bevor die zweiten Impfdosen verabreicht werden.

Schweiz: Delta-Variante bei 10 Prozent

Doch auch in anderen Ländern nimmt der Anteil rasch zu. In Deutschland zum Beispiel ist er innert einer Woche von 3,7 auf 6,2 Prozent gestiegen. Für die Schweiz schätzte das Bundesamt für Gesundheit den Anteil der Delta-Variante am Dienstag auf rund zehn Prozent. Laut einer Hochrechnung der designierten Taskforce-Leiterin Tanja Stadler könnte er im August 50 Prozent übersteigen.

Davon betroffen dürften besonders Kinder sein. Denn die meisten Erwachsenen, die dies wollen, sind bis dahin doppelt geimpft. Kindern ab 12 Jahren wird zwar nun die Impfung ebenfalls empfohlen, aber bis der volle Impfschutz der zweiten Dosis in Kraft tritt, wird es August oder noch später. Für jüngere Kinder ist bis auf weiteres keine Impfung vorgesehen, es mangelt an Studiendaten für eine Zulassung.

Deutschland diskutiert über mehr Impfungen für Kinder

Bisher standen Kinder kaum im Fokus der Pandemiemassnahmen. Dies einerseits, weil sie nicht als Treiber der Epidemie gelten – sie können sich zwar infizieren, geben das Virus aber weniger oft weiter als Erwachsene. Andererseits sind bei Kindern schwere Verläufe seltener als bei älteren Menschen, meist verläuft eine Covid-19-Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen ähnlich mild wie eine gewöhnliche Erkältung. Doch nun stellt sich die Frage, ob sich die Rolle der Kinder – und ihre Gefährdung – verändert.

In Deutschland hat der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bereits gefordert, die Impfung von Kindern und Jugendlichen voranzutreiben. So will er sicherstellen, dass die Kinder ohne Masken und andere Notmassnahmen die Schulen besuchen können. Auftrieb für solche Forderungen gibt es beim Blick nach Israel, wo es kurz nach Aufhebung der Maskenpflicht an zwei Schulen zu Ausbrüchen gekommen ist, die vermutlich der Delta-Variante zuzuschreiben sind. Für Unruhe sorgte zudem eine Aussage eines Ministers aus Schottland von Anfang Juni, wonach viele Kinder wegen des Virus ins Spital eingeliefert worden seien. Schottische Fachleute haben dem aber inzwischen widersprochen.

Letztlich gilt unabhängig vom Alter: Die Delta-Variante infiziert mehr Leute, und je mehr infiziert werden, desto mehr Komplikationen gibt es. Das Risiko ist dabei sehr viel höher für diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht geimpft sind.