Bahnverkehr

Oft umsteigen macht krank: Pendler erkranken häufiger an Grippe

Die Urheberin der Studie konnte die Reisewege von Pendlern präzis rekonstruieren. (Archivbild)

Die Urheberin der Studie konnte die Reisewege von Pendlern präzis rekonstruieren. (Archivbild)

Pendler im Zug oder Bus leben gesund, sicher und ökologisch: Sie bewegen sich mehr als Autofahrer, das Risiko zu verunfallen ist massiv kleiner und sie belasten die Umwelt nur gering. Und doch gibt es jetzt – am Ende der Grippesaison – schlechte Nachrichten-.

Pendler im Zug sind tatsächlich häufiger krank: Beim Zugfahren schnappt man nicht nur die Gespräche anderer Leute auf, sondern auch ihre Keime. Das zeigt eine neue Studie aus England.

Die Mathematikerin Lara Goscé konnte mit ihrer Forschung einen direkten Zusammenhang zwischen Bahnnutzung und vermehrtem Grippeleiden nachweisen. Ihre gross angelegte Studie profitierte von der aussergewöhnlich guten Qualität der britischen U-Bahn-Daten. Passagiere müssen ihr Billett in London nicht nur beim Einsteigen, sondern auch beim Verlassen der Bahnhofstation entwerten. Die Forscherin konnte die Reisewege von Pendlern deshalb präzis rekonstruieren.

Goscé erstellte ein mathematisches Modell, das die Reisewege aller Pendler simuliert. Sie verglich dieses mit den gemeldeten Infektionskrankheiten in den unterschiedlichen Stadtbezirken und stellte ein regelmässiges Muster fest: «Höhere Gripperaten können vor allem in Stadtteilen mit wenigen U-Bahn-Linien beobachtet werden. Passagiere, die ihre Reise in solchen Bezirken starten, müssen die Züge mehrmals wechseln, um ihr Ziel zu erreichen.»

Weniger Grippefälle fand Goscé dagegen in Bezirken, in welchen die Stadtbewohner die Bahn nicht als Hauptverkehrsmittel nutzen. Auch Reisende, die auf direktem Weg zur Arbeit fahren, waren weniger krank als Pendler, die mehrmals umsteigen.

Neuer Notfallplan gefordert

Diesen Umstand erklärt die Forscherin mit der hohen Zahl an Menschen, mit denen solche Pendler in Kontakt kommen. Je mehr Leute ein Pendler trifft, desto grösser ist die Gefahr einer Grippeinfektion. Längere Reisezeiten und mehrmaliges Umsteigen erhöhen die Anzahl Kontakte und damit das Infektionsrisiko.

Mit ihrer Studie will Lara Goscé die britische Notfallstrategie bei einer Influenza-Pandemie ändern. Bisher sind im Notfallplan keine Verbote von Massenveranstaltungen und Bahnverkehrseinschränkungen enthalten. In der Schweiz ist das schon lange anders. Das Bundesamt für Gesundheit führt Veranstaltungsverbote und Bewegungseinschränkungen ausdrücklich als mögliche Schutzmassnahmen bei einer Influenza-Pandemie auf.

Adrian Egli, Mikrobiologe am Universitätsspital Basel, arbeitet gerade an einer Studie, welche die Übertragung und Veränderung von Grippeviren im Raum Basel untersucht. Er bestätigt, dass Personen, welche täglich öffentliche Verkehrsmittel in Basel verwenden, häufiger krank sind. Neben den Erkenntnissen aus Goscés Studie gibt es laut ihm noch andere Faktoren, welche die Infektionsgefahr in Zügen erhöhen.

Egli: «Gerade in den Wintermonaten können die niedrige Luftfeuchtigkeit und die schwankenden Temperaturen in Zügen die Übertragung von Viren begünstigen. Bei solchen Verhältnissen ist das Übertragungsrisiko erhöht.» Die Keime überleben laut Egli auch mehrere Stunden an einer Metallstange.

Pendler müssen sich für die nächste Zugfahrt trotzdem nicht mit Schutzhandschuhen und Atemmaske bewaffnen. Es ist nicht so, dass die Infektionsgefahr in Zügen zehnmal grösser ist als anderswo. Für den Raum Basel hat Mikrobiologe Egli konkrete Zahlen: Dort ist das Infektionsrisiko von Pendlern etwa 1,5-mal so gross wie von Nichtpendlern. Ähnlich hohe Risiken sind von anderen Studien zum Beispiel für Angestellte nachgewiesen, welche in Grossraumbüros arbeiten.

Der beste Schutz gegen die Viren ist laut Egli die Grippeimpfung, das zeigt auch seine Studie. Das Risiko einer Erkrankung verkleinerte sich bei Geimpften um 60 Prozent. Wenn jemand trotzdem einmal krank wird, kann es auch helfen, das Positive an der Erkrankung zu sehen: Nach einer erfolgreich überstandenen Grippe kennt das Immunsystem den spezifischen Erreger und man ist immun.

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