Spass vorbei

Nirgends zeigt sich die Coronaverwirrung deutlicher als am Frühstücksbuffet im Hotel

Das Coronavirus hat das Hotelfrühstück entzaubert. Uns ist die Lust darauf vergangen. Nichts wird mehr sein wie zuvor.

Im Hotel Krafft in Basel darf man sich trotz Corona noch selbst am Buffet das Frühstück zusammenstellen.

Im Hotel Krafft in Basel darf man sich trotz Corona noch selbst am Buffet das Frühstück zusammenstellen.

Das Hotelfrühstück ist die nebensächlichste Wichtigkeit der Welt. Nicht nur Kinder fühlen sich dabei wie im Schlaraffenland. Später im Leben erhält das Frühstück gar eine erotische Komponente. Gewisse Menschen träumen auch davon, das Frühstück im Hotelzimmer serviert zu erhalten. Zweimal kam ich nicht drum herum.

Im Februar 2019 musste ich früh von London nach Nizza fliegen, ging um 6.30 Uhr runter in die Lobby, wo man mir sagte: «Im Frühstücksraum erst ab 7.15 Uhr, aber im Zimmer ist es möglich.» Also liess ich mir Schinken, Spiegeleier, Porridge sowie Kaffee hoch­bringen und checkte um 7.30 Uhr aus. Das zweite Mal geschah es vor einem Monat in Genf: Das Hotel war halb so fürstlich, aber als Coronaschutzmassnahme wurde das Frühstück jedem Gast aufs Zimmer gebracht. Das war kein Zuckerschlecken, ja, nehmen wir es vorweg: Dieses Virus hat dem Hotelfrühstück den Zauber genommen.

In Genf sollte der Gast beim hastigen Einchecken am Vorabend aufs Geratewohl sagen, was man serviert haben möchte. Doch wer weiss am Abend schon, ob er am Morgen ein Stück Käse oder eine Scheibe Rohschinken essen will? Birne oder Apfel?

6.55 Uhr kam aus der Lobby ein Anruf, ob ich bereit sei. Ich hatte sogar gelüftet! Eine Minute später nahm ich das Tablett entgegen, stellte es neben den Computer, ass hastig alles auf und sass um 7.15 im Zug. Im Speisewagen.

© bez

Jeder Mensch kennt seine Frühstückspräferenzen, die er aber an einem Hotelbuffet mit einer revolutionären «Jetzt mal alles anders!»-Geste über den Haufen wirft: Statt Espresso gibt es Grüntee, statt geräucherte Sprotten Ananas. Der Gang zum Hotelfrühstück lehrte uns, dass es nie zu spät ist, das Leben neu zu beginnen.

Auch nach meiner tausendsten Nacht in einem Hotel ist der Gang in den Frühstücksraum wie die erste Begegnung mit einem Menschen, von dem man weiss, dass man ihn gerne haben möchte: Es gilt zu schauen, zu prüfen, zu riechen, sich kennen zu lernen. Das ist in der kleinen Pension in Catania oder im Palasthotel zu Moskau, auf Businesstrip oder im romantischen Wochenende genau gleich. Die wahren weltbewegenden Fragen sind: Ist der Orangensaft frisch gepresst? Gibt es Beeren? Hat es Schwarzbrot? Sind die Croissants frisch? Ist der Lachs fettig? Gibt es guten Tee? Sind frische Eierspeisen inbegriffen?

Sechs Gipfeli beim ersten Mal – und alle haben Freude

Als ich mit 11 Jahren zum ersten Mal an einem Frühstücksbuffet stand, ass ich sechs Croissants. Das Tollste: Alle hatten Freude. Heute begreife ich mein Glück im Gipfelihimmel: Wie fast alle Gäste hatten meine Eltern Halbpension gebucht, und es galt, nicht gerade ohne Mahlzeit, aber ohne Einkehr in ein Restaurant über den Tag zu kommen. Da war es ihnen gerade recht, stopfen sich die Kinder am Buffet voll.

Als Geschenk soll das Hotelfrühstück aber keiner ansehen, selbst in der billigen Pension im 3. Stock in Lissabon soll man Anforderungen stellen, denn man hat schliesslich dafür bezahlt. Heute zeigen uns Buchungsplattformen sehr genau an, was unser Frühstück wert ist. Richtig so, denn schliesslich findet sich an jedem Hotelfrühstücksbuffet irgendetwas Gutes. In Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist es das Schwarzbrot, manchmal auch die gekochten Kartoffeln. Mit (guter) Butter wird man davon satt. Nicht nur in Kazan.

In Salzburg wohnte ich jahraus, jahrein in einer Pension, die von den Amerikanern auf Trip Advisor dafür gelobt wurde, wie riesig das Buffet sei: Es gab eine billige Schrecklichkeit neben der anderen. Oft lagen sie tagelang da. Ich ass jahrelang jeden Morgen leckeres Schwarzbrot mit Butter. Die Pensionswirtin, die ich gut kannte, tat so, als sähe sie es nicht. Beim Frühstück lernt man die Menschen, ja auch den Partner richtig kennen, nicht beim ­Candle-Light-Dinner.

Umso schlimmer waren die letzten fünf Monate: Nirgends zeigt sich die Coronaverwirrung deutlicher als am Frühstücksbuffet. Keiner weiss, was er machen soll: Da und dort soll man sich noch selbst bedienen, anderswo gibt es eine bediente Auslage. Vielerorts aber ist das Buffet abgeschafft, es wird à la carte am Tisch serviert. Besser so?

Das erste Frühstück nach dem Frühlingslockdown erlebte ich an Pfingsten in Brissago. Das Tessin war damals nicht «the place to be». Kaum hatte es 8 Uhr geschlagen, war die Schlacht am Buffet eröffnet. Alles trat sich, damals noch maskenfrei, vor der Kaffeemaschine auf die Füsse, schöpfte Joghurt mit demselben Löffel, Kinder legten wie eh und je Brötchen zurück. Die Schmierinfektion feierte Weihnachten und Ostern zusammen.

Nur wenige Tage später in Ravenna war alles anders. Am Vorabend galt es, an der Rezeption einen passenden Frühstück-Slot zu erwischen: 7.30 oder 9.30 Uhr waren noch frei. Mal am Tisch, sagte man dem Personal, auf eine Liste schielend, was man haben wollte. Und dann kam jeder Apfel, jedes Stück Käse und jedes Brötchen im Plastik oder in einer Tüte auf den Tisch. Einmal nachbestellen? Schwierig, denn bis das Bestellte da war, brauchte das überforderte Personal 15 Minuten. Am zweiten Morgen dauerte alles so lange, dass wir in die nächste Bar schlichen.

Kurz darauf in Ernen stand ein «normales» Frühstück ganz einfach auf dem Tisch: Trockenfleisch, lokaler Käse, Joghurt, Marmelade, Brot. Zugegeben, das Stibitzen, das Törtchen oder die Laugenstange zu viel fielen weg, aber es war gemütlich.

© Keystone

Ganz anders ein paar Tage später – und ja, der Festivalsommer war im vollen Gang – in einem paradiesischen Luxushotel in Andermatt. Beim Frühstück waren die Ausgabestellen gut verteilt – und gut «bewacht»: Da gab’s auf Anfrage tolle Käse, bestes Fleisch und frischen Fisch, hier Früchte und Müesli.

Aber Paradies funktioniert so nicht! Dort nimmt man vom Baum, so viel man will, selbst wenn es verboten ist, niemand will betteln: «Noch ein Stück bitte.» Eva hätte doch nie gesagt: «Bitte den ganz roten Apfel oben links.» Sie nahm ihn einfach und packte zwei für Adam in eine Tüte. Der Sündenfall gehörte zum Frühstücksbuffet wie das Pain au Chocolat. In einem Paradies-Hotel wie in Andermatt ereigneten sich vor März 2020 mehr als zwölf Sündenfälle pro Tisch. Nun waren alle Freude und jeder Reiz verflogen.

Ich blieb Optimist, buchte im Oktober ein Zimmer in einem Traumhotel am Gardasee, dachte: Pool&SPA, Frühstück und der ganze Fünf-Sterne-Zauber waren im Preis inbegriffen. Das Restaurant am Mittag konnten wir uns sparen, da wir uns bei einem späten Frühstück mit Leckereien vom Buffet den Bauch vollschlagen würden.

Hungrig nach dem Fünf-Sterne-Frühstücksbuffet

Um 9.30 Uhr stand ich vor dem Buffet. Genauer: Ich stand vor dem Buffet an. Wer vorne dran war, durfte mit Personal von Auslage zu Auslage schreiten. Ich hoffte, dass die zwei Angestellten vorher eine psychologische Schulung erhalten hatten, entblössten die Hotelgäste doch ihr Innerstes, waren bereit zur Todsünde, zur Völlerei: «Sieben Scheiben Lachs!», «Neun Scheiben Parmaschinken!», «Vier Croissants!», «Drei Erdbeertörtchen und vier Pain au Chocolat!» So hätte es getönt, wenn alle ehrlich gewesen wären.

Bei meiner ersten Auslage juchzte ich fast auf, stand da doch eine Schale mit frischen sizilianischen Erdbeeren. Die Angestellte legte den Boden der kleinen Schale mit Erdbeeren aus und füllte mit Joghurt auf. Ich hingegen hätte die grosse Schale mit Erdbeeren bis an den Rand gefüllt und mit Joghurt bezuckert.

Beim Käse wurde ich mutiger: «Von allen, ausser Blauschimmel.» Die Kellnerin schaute mich an, als ob ich gesagt hätte: «Sie stinken nach Vacherin.» Dabei musste sie bloss vier Käsetranchen auf meinem Teller legen – Minitranchen. Sie schnitt sich fast die Finger ab, so sparsam war diese Frau.

All der Zauber von einst ist verflogen, Corona hat das Hotelfrühstück entzaubert, es ist ein Scherbengericht. Um 13 Uhr sassen wir in einer Osteria.

Ein Tipp noch. Zurzeit sind Appartements noch günstiger als Hotels: Anbieter mit wenigen luxuriösen Zimmern und einer knapp besetzten Rezeption. In Mailand wohnte ich, damals als man noch durfte, gleich hinter dem Dom, in Venedig neben der Rialto-Brücke – für ein Schnäppchen. Der Vorteil: Es gibt kein Frühstück.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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