Trotz seines Einflusses und seines spitzfindigen Geistes bleibt der Jeanskenner, was er immer war: der gute Kumpel von nebenan. Obwohl der Mann mit dem zottigen Bart und dem eifrigen Blick sein Leben lang über den Atlantischen Ozean gependelt ist und heute in Los Angeles wohnt, spricht er noch immer im blumigen Akzent aus Frankreichs Südwesten.

Dort ist François Girbaud in den 1940er-Jahren in Mazamet aufgewachsen – eine Kleinstadt, in der Leder verarbeitet wurde. Dort hat er sein erstes Geld als Koffermacher verdient und in einer Rock-’n’-Roll-Band gespielt.

Die Bekleidungsindustrie und der Traum der unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas sollten sein Leben prägen. «Wir sind die letzten Zeugen», meint er staunend nur einige Wochen nach Johnny Hallydays Tod, mit dem er die Jugend geteilt und den er noch vor kurzem in L. A. besucht hat. Die letzten Zeugen der Babyboomer, die sich einst in die Jeans verliebt haben, um sie nie mehr loszulassen.

François Girbaud und seine Kollektion Closed X.

François Girbaud und seine Kollektion Closed X.

Denn es handelt sich dabei nicht um irgendeine Hose, sondern um ein Kultstück, mit dem der Träger oder die Trägerin verschmilzt. Eine regelrechte zweite Haut, in die man sich während der frühen Siebziger zwängte, so hart war der Denim damals noch.

Heute feiert das deutsche Label Closed sein vierzigjähriges Bestehen mit einer von François Girbaud entworfenen Kollektion – alles lockere Teile mit Workwear-Einfluss für das moderne Stadtleben zu Fuss, auf dem Skateboard oder auf dem Fahrrad. Einst Erfinder der Stonewashed- und der Baggy-Jeans, lässt sich der Techniker Girbaud weiterhin von der Strasse inspirieren. Auch das Label Closed hat er 1978 mit seiner Partnerin Marithé Bachellerie gegründet und später an die heutigen Besitzer in Hamburg verkauft.

Erfinder des «Stonewashed»

Noch immer wollen die beiden über Siebzigjährigen keine Modedesigner, sondern Forscher und Erfinder sein. «Bildhauer», sagt François Girbaud. Schliesslich gehe es darum, dem Körper mit der Bekleidung zu schmeicheln, ihm geschwungene Formen einzuverleiben. Immer mit Jeans.

Als Marithé mit ihren selbst gestrickten Ponchos im Saint-Tropez der Brigitte Bardot grossen Erfolg hatte, gab es auf der ganzen Welt nur drei Jeans: Die Levi’s für Cowboys und Goldjäger, die Lee für die Baumwollfelder der Südstaaten und die Wrangler der Rodeos. Bald würde sich die Girbaud dazugesellen.

Während François begann, Johnny und die halbe nach swingender Leichtigkeit suchende Yéyé-Generation zu beraten und einzukleiden, wusch und wusch Marithé ihre Wranglers zuerst in einem kleinen Pariser Waschsalon von Saint-Germain-des-Prés, um sie geschmeidiger zu machen.

Während andere Chlor und Säuren einsetzten, um den bockigen Denim zu bändigen, suchten die Girbauds nach einer ökologischeren Prozedur. Sie erfanden das «Stonewashed», indem sie die Stoffe in riesigen Becken mit Vulkansteinen badeten. Diese bimsten die Jeans. Damit schufen sie zwar die bleichenden Substanzen ab.

Doch: «Wir sind damit in ein grosses Fettnäpfchen getreten», bekennt François. «Wir waren uns des enormen Wasserverschleisses nicht bewusst, sondern wollten einfach das Bürgertum foppen.» Dass man heute Jeans trägt, ohne damit ein Statement abgeben zu wollen, findet der Designer lächerlich. Er demonstrierte in Jeans mit Jane Fonda gegen den Krieg im Vietnam oder mit den Punkern gegen die Konsumgesellschaft.

Fair und nachhaltig produzieren

Dass Marithé Tochter eines Radrennfahrers ist, schlug sich in ihren Jeans-Kreationen nieder. Ihre «Pedal Pusher» aus dem Jahre 1981 mit verkürztem Knöchel und Verstärkung im Sattelbereich wurde inzwischen dreissig Millionen Mal verkauft. Vor einigen Jahren hat sich François nach Los Angeles zurückgezogen, Marithé blieb in Paris. «Wir telefonieren dennoch täglich», sagt die 73-Jährige.

Zu reden gibt es viel, denn er hat sich der Entwicklung einer Denimindustrie ohne riesigen Wasserverbrauch und mit sozial fairen Bedingungen in Bangladesch, Pakistan oder Mexiko verschrieben. Nachdem die beiden ab den den Nullerjahren einen Laser zum Bleichen und Strukturieren der Jeans einsetzten, um Wasser zu sparen, tüftelt François weiter mit Sauerstoff und Zellulose an neuen schonenden Techniken. «Die Bio-Baumwolle macht nur einen kleinen Prozentsatz der gesamten Baumwollproduktion aus, die extrem umweltbelastend ist.»

Der Jeanserfinder mit der Kinderseele, der sich bei der Arbeit vergnügt, hält bereits stolz einen neuen Jeansstoff in der Hand und drängt einen, ihn zu berühren: Ein geschmeidiger Stretchdenim, in den er den dehnbaren Faden vertikal und nicht horizontal einweben lässt. «Für einen besseren Sitzkomfort dank einem elastischen Knie.»

Die Kollektion Closed and F. Girbaud ist in der Schweiz nur im Tessin bei Shuga, Lugano, sowie Lock Trand und Moda in Chiasso erhältlich.