Neue Studie
Täglich auf Tiktok und Instagram: Warum Jugendliche lieber konsumieren statt aktiv posten

Videos anschauen, Musikhören, Schlafen: Die Online-Jugend ist überraschend passiv. Ein Grund zur Sorge ist das nicht.

Sharleen Wüest
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67 Prozent der Jugendlichen nutzen die Plattform Tiktok mehrmals wöchentlich oder sogar täglich.

67 Prozent der Jugendlichen nutzen die Plattform Tiktok mehrmals wöchentlich oder sogar täglich.

Petra Orosz/KEYSTONE

Das Handy ist ihr ständiger Begleiter. Tiktok-Tänze, Memes und lustige Videos sind aus dem Leben der Jugendlichen kaum mehr wegzudenken. Doch selber aktiv sind sie in den sozialen Medien überraschend selten. Das zeigt die neuste James-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Swisscom.

Nach der Lieblingsapp gefragt, wird klar, dass Instagram noch immer an erster Stelle kommt: 81 Prozent der Jugendlichen nutzen die App täglich oder mindestens mehrmals pro Woche – vor zwei Jahren waren es sogar noch 88 Prozent. Doch die Videoplattform Tiktok könnte den Favoriten ablösen. Waren es 2018 noch 8 Prozent, die die App täglich oder mehrmals wöchentlich nutzten, sind es heute bereits 67 Prozent. Facebook hingegen ist bei den Teenies ein Ding der Vergangenheit. Nur fünf Prozent geben an, die App regelmässig zu nutzen.

Egal ob auf Tiktok, Instagram oder Pinterest, Teenies schauen vor allem Beiträge anderer an. Über die Hälfte von ihnen macht das täglich – und hinterlässt auch Likes. Selbst werden sie eher selten aktiv. Bloss 28 Prozent der Jugendlichen postet täglich Beiträge, die nur kurze Zeit zu sehen sind, also zum Beispiel eine Instagramstory. Noch zurückhaltender sind sie mit zeitlich unlimitierten sowie öffentlich sichtbaren Beiträgen. Das machen nur fünf Prozent der Jugendlichen täglich, wie die am Donnerstag veröffentlichte Studie, die alle zwei Jahre gemacht wird, angibt.

Soziale Netzwerke bilden reale Persönlichkeit ab

Doch Apps wie Tiktok leben von den Beiträgen der Nutzerinnen und Nutzer – oder etwa nicht? «Klar, aber die 10 bis 15 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, die regelmässig Content liefern, reichen aus», sagt ZHAW-Forscher und Co-Studienleiter Gregor Waller. «Würden alle regelmässig posten, käme man gar nicht mehr nach.»

Vor allem aber würden die sozialen Netzwerke die Persönlichkeit abbilden. Waller sagt:

«Wer auf den sozialen Medien am aktivsten ist, ist oft auch am Tisch am lautesten.»

Es sei selten, dass jemand im realen Leben passiv und auf Instagram zum Beispiel aktiv ist. «Dafür müsste sich die Person sehr stark verbiegen und etwas vorspielen. Das braucht Ressourcen.»

Dass das passive Verfolgen anderer Nutzerinnen und Nutzer auf den sozialen Medien grundsätzlich eine negative Auswirkung auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen haben könnte, verneint Waller. Er erklärt: «Junge Menschen wissen, dass der Inhalt, der veröffentlicht wird, oft verzerrt ist und fast nur Positives geteilt wird.» Dennoch gibt es Studien, die zeigen, dass soziale Medien in spezifischen Situationen Depressionen und Angststörungen fördern können.

Schlafen als Freizeitaktivität

Passiv sind Jugendliche jedoch nicht nur auf den sozialen Netzwerken, das Muster zieht sich durch die Studie hindurch. Musik scheint in ihrem Leben eine zentrale Rolle zu spielen. Beinahe ein Viertel der rund tausend Befragten hat angegeben, in der Freizeit gerne Musik zu hören. Nur knapp sechs Prozent erwähnten das Musikmachen und Singen und rund fünf Prozent haben das Instrumentenspielen genannt. «Musik zu hören, ist niederschwelliger. Kopfhörer, Spotify und schon ist ein ganzer Plattenladen auf dem Smartphone», sagt Waller.

Ihre Freizeit verbringen Jugendliche auch mal gerne im Bett. 11,5 Prozent der Befragten gaben Schlafen als Freizeitaktivität an. Träumen sie gerade nicht oder scrollen auf den sozialen Medien, verbringen 69 Prozent der Jugendlichen mehrmals pro Woche Zeit damit, sich auszuruhen – oder eben nichts zu tun. Ist das ein Grund zur Sorge? Waller sagt:

«Das könnte ein Hinweis auf Stress sein.»

Jugendliche müssten mit den steigenden Anforderungen der Gesellschaft klarkommen und alles unter einen Hut bringen – was nicht immer einfach ist.

Das muss aber nicht der Grund für die Antworten sein. «Junge Menschen nehmen sich heute bewusster Zeit für sich», sagt Waller. Er spricht dabei den Trend zur Achtsamkeit an.

Die Mädchen sind kommunikativer

Geht es um Trends, sind die Augen auf die Girls gerichtet. Sie tummeln sich nämlich früher und auch häufiger auf neuen Netzwerken als Jungs. Mädchen nutzen zum Beispiel Tiktok und Pinterest deutlich stärker. Das war bereits 2014 mit Instagram der Fall.

Die jungen Frauen seien oft kommunikativer und hätten den Wunsch, sich zu vernetzen. Die Tanzchoreografien, die Fotografien, die Mode – alles Themen, die vor allem die Mädchen ansprechen. «Wenn sich dieser Trend fortsetzt, können wir die weibliche Nutzung von sozialen Netzwerken in Zukunft als Indikator für alle Jugendlichen heranziehen», wird ZHAW-Forscher und Co-Studienleiter Gregor Waller in der Medienmitteilung zitiert.

Bei den Jungs hingegen darf nach wie vor das Gamen nicht fehlen. 93 Prozent von ihnen setzen sich dafür vor den Bildschirm. Bei den Mädchen sind es zwar nur 65 Prozent, das sind jedoch schon neun Prozent mehr als im Jahr 2020.

Am beliebtesten sind Gratis-Games. Ein wunder Punkt, der in den nächsten Jahren wohl noch mehr in den Fokus rückt, wie Waller sagt.

«Solche Games verwenden oft Glücksspielkomponenten und haben damit ein gewisses Suchtpotenzial.»

Die Spiele hätten nämlich häufig kein Ende und In-Game-Käufe seien zum Teil unverzichtbar für den weiteren Spiel-Fortschritt. Die Anzahl Jugendlicher, die solche In-Game-Käufe tätigen, hat sich in den vergangenen zwei Jahren von drei Prozent auf acht Prozent mehr als verdoppelt. Ein Anstieg, der Waller bei der Studie überrascht hat. Für ihn ist wichtig, dass Eltern aufgeklärt werden.

Doch, die Jugendlichen verstecken sich nicht nur hinter Bildschirmen. Die Studie hält fest, dass die Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen von Jahr zu Jahr vielfältiger werden. 70 Prozent von ihnen trifft sich regelmässig mit Freundinnen und Freunden. «Die Jungen sind nach wie vor kreativ, einfach so, dass es in ihren Alltag passt», sagt Waller. «Auch passives Zuschauen, zum Beispiel von Filmen, kann die Kreativität anregen.»