Leben

«Nachts müssen Eltern ihre Kinder vor Rattenbissen schützen» – eine Pflegefachfrau erzählt von ihrem Einsatz auf Samos

Die Pflegefachfrau Cécile Gretler hat vier Wochen lang in einer Klinik auf der Insel Samos gearbeitet, wo sie Dutzende Flüchtlinge verarztete. An ihren freien Tagen besuchte sie die Menschen im überfüllten Vathy-Camp.

Zuerst stand sie nur am Zaun, warf einen Blick hinein. Zelte, halbfertige Baracken, Wäscheleinen. Dann schloss sie sich dem Strom der Menschen an, die sich ins Lager drängten.

Cécile Gretler wollte sehen, wie die Menschen lebten, die sie täglich im Ambulatorium pflegte. Denen sie Wundverbände anlegte, Medikamente gegen Bronchitis, Mittelohrentzündungen und Magenschmerzen abgab. Sie wollte sehen, wo sie sich die Erkältungen, Abszesse, Krätze, Flöhe und Fussverletzungen zugezogen hatten. Sie wollte sehen, was von den Medien als «Freiluftgefängnis» betitelt worden war, was ein Verantwortlicher von Amnesty International als «Schande von Europa» bezeichnet hatte. «Das Camp war übervoll, kein Platz mehr frei. Und der Dreck überall.» Gretler schüttelt den Kopf.

Bis zu 120 Flüchtlinge pro Tag behandelt

Wenige Tage sind vergangen, seit die Pflegefachfrau von ihrem Aufenthalt auf Samos in die Schweiz zurückgekehrt ist. Auf der griechischen Insel hatte sie ihre vierwöchigen Jubiläumsferien verbracht, die sie von ihrem Arbeitgeber, dem Spital Heiden, nach 30 Jahren im Dienst geschenkt bekommen hatte. Allerdings nicht in Form von Ferien, sondern als Arbeitseinsatz. «Eine befreundete Ärztin sammelte Kleider, Geld und Freiwillige. Ich zögerte keine Sekunde mit der Zusage», sagt Gretler.

So flog sie Anfang März für die NGO Med equali auf die griechische Insel und mietete ein kleines Zimmer mit Kochnische. An neun Stunden pro Tag und sechs Tagen in der Woche arbeitete sie zusammen mit holländischen, kanadischen und englischen Pflegefachfrauen und Ärzten in der Tagesklinik. 80 bis 120 Flüchtlinge behandelten sie täglich. Afghanen, Syrer, Nigerianer, Kongolesen, Palästinenser. Bei manchen lag die Flucht übers Mittelmeer nur wenige Tage zurück, andere harrten seit mehreren Monaten auf Samos aus. «Wir hatten etwa zehn Minuten Zeit pro Patient, viel zu wenig, um auf sie einzugehen.» Gretler sah Menschen mit Folterverletzungen, Wunden, die notdürftig geflickt worden waren, gebrochene Finger, die krumm wieder zusammengewachsen waren.

Gretler erinnert sich etwa an eine Syrerin, die im Camp vergewaltigt worden war und bei der Diagnose Schwangerschaft zusammenbrach.

Die Begegnungen liessen der Pflegefachfrau aus Oberegg keine Ruhe. Sie musste näher ran, mehr Zeit mit den Menschen verbringen. «Ich bin gerne bei den Leuten. Möchte sehen, wie sie funktionieren.» So besuchte sie an ihren freien Tagen das Vathy-Auffanglager. Es ist eines von fünf Lagern, das 2016 auf den Ägäischen Inseln installiert worden war, nachdem die Flüchtlingskrise mit über einer Million Migranten ihren Höhepunkt erreicht hatte. Weitere sogenannte Hotspots wurden auf Lesbos, Kos, Chios und Leros errichtet.

«Viele Kinder sind mangelernährt, weil es kaum Fleisch zu essen gibt»

Allein im Camp in Samos leben derzeit zwischen 3800 und 4700 Personen, wo ursprünglich 650 Platz finden sollten. So ist um das Lager herum, im abschüssigen Olivenhain, ein inoffizielles Zeltlager – der «Jungle» – entstanden. Bis vor kurzem gab es dort weder Toiletten noch fliessendes Wasser oder Strom. Hilfsorganisationen haben Mulden für den Abfall aufgestellt, einen Waschsalon eingerichtet. Ein Tropfen auf den heissen Stein. Gretler spricht von Zuständen, wie man sie aus humanitären Notstandsgebieten kennt.

Dies auch im Winter, wenn der Dauerregen einsetzt und die Temperaturen auf zwei Grad absinken. «Da waren Abfallberge, in denen es vor Ratten wuselte. Nachts müssen Eltern ihre Kinder vor Rattenbissen schützen. Grauenhaft», sagt die 61-Jährige. Gretler sah Menschen, zu Tausenden, in Plastiksandalen, die sich behelfsmässig Hütten aus Seilen, Planen und Holzpflöcken gebaut hatten. Männer, unbegleitete Minderjährige, alleinstehende Frauen. Kinder, die mit Steinchen und Stecken spielten.

«Viele Kinder sind mangelernährt, weil es kaum Fleisch, Gemüse und Eier zu essen gibt.» Die Portionen seien so gross wie bei uns eine Vorspeise. Kartoffeln, Reis, Brot, oft ungesalzen. Dazu eineinhalb Liter Wasser täglich pro Kopf – wenn die Verteilung denn klappt.

«Diese Dankbarkeit, weil ich sie als Menschen wahrnahm»

Gretler bahnte sich einen Weg durch das enge Camp, bepackt mit Früchten, Johanniskrauttee, Salben und ätherischen Ölen. «Das war mein Beitrag. Medikamente hatten wir in der Tagesklinik genug.» Gretler verband den Flüchtlingen kleinere Verletzungen, zeigte ihnen, wo sie in der abschüssigen Macchia Thymian und Salbei pflücken konnten, um sich selber Tee zu kochen. Da waren Momente, die sie kaum aushielt, weil sie so schwer waren. Aber auch Begegnungen, die sie beeindruckten.

Was die Pflegefachfrau aber am meisten beeindruckte, war die Gastfreundschaft der vorwiegend muslimischen Menschen. «Diese Dankbarkeit, weil ich ihnen auf Augenhöhe begegnete, sie als Menschen wahrnahm», sagt Gretler. Ihre Stimme stockt, sie hat Tränen in den Augen. «Diese Leute haben nichts. Und es war ihnen unglaublich wichtig, dass ich ihnen die Ehre gab, mit ihnen am Feuer zu sitzen und Tee zu trinken. Ich hatte das Gefühl, ihre Herzlichkeit würde mich bis ans Lebensende begleiten.» Als ältere Frau sei sie wohl wie eine Art Mutter angesehen worden. So hat ihr ein Palästinenser zum Abschied ein Amulett mit einem Marienfigürchen geschenkt.

Vielleicht war es aber auch einfach ein Fünkchen Hoffnung, das die Leute mit ihr und den anderen Helfern verbanden, von denen sie nicht wie Fliegen verscheucht wurden: Die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ein «Festessen» zum Abschied

Jetzt steht Gretler im Überwachungsraum des Spitals Heiden, in dessen Korridoren sich Wasserflaschen auf Tischchen reihen, «still» und «leise», so viel die Patienten wünschen. Sie scherzt mit ihren Kolleginnen. Sagt später, man müsse sich von der Traurigkeit wieder distanzieren, um weiter funktionieren zu können. Und doch: «Ich ging nicht gerne nach Hause. Es tat mir weh, die Menschen so zurückzulassen», sagt Gretler.

Zwei Tage, bevor sie zurückflog, besorgte die Vegetarierin in einem Take-away ein «Festessen» für 24 Personen: «Ein rechtes Stück Fleisch musste drauf, und Gemüse», sagt sie. Noch immer nagt das Gefühl in ihr, mehr bekommen als gegeben zu haben. So steht für sie fest: «Dies war nicht mein letzter Einsatz.» Nächstes Mal wolle sie statt in einer Klinik aber nur vor Ort, in einem Auffanglager, arbeiten.

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