Nachruf
Er entwickelte das Verfahren, das uns ins Innerste sehen lässt

ETH-Professor Richard Ernst ist am Freitag in Winterthur 87-jährig gestorben. Für seine Beiträge auf dem Gebiet der Kernmagnetresonanztechnik erhielt er 1991 den Nobelpreis.

Christoph Bopp
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Nobelpreisträger Richard Ernst bei einem Interview im Jahr 2009.

Nobelpreisträger Richard Ernst bei einem Interview im Jahr 2009.

Coralie Wenger

«Langsam rappelte ich mich so wieder auf – darauf bin ich noch heute stolz. Heute würde man in einer solchen Situation wohl eine Psychotherapie machen, doch das kam für mich nicht infrage. Das passte damals einfach nicht in mein Bild eines erfolgreichen, ehrgeizigen Wissenschaftlers. Ein Ernst geht doch nicht zum Psychiater.»

Richard R. Ernst. Nobelpreisträger aus Winterthur. Autobiografie. In Zusammenarbeit mit Matthias Meili. Verlag hier und jetzt Baden 2020. – Im Anhang des Buches werden die wissenschaftlichen Aspekte anschaulich und leicht verständlich beschrieben.

Richard R. Ernst. Nobelpreisträger aus Winterthur. Autobiografie. In Zusammenarbeit mit Matthias Meili. Verlag hier und jetzt Baden 2020. – Im Anhang des Buches werden die wissenschaftlichen Aspekte anschaulich und leicht verständlich beschrieben.

h+h

Dies schrieb Richard R. Ernst in seiner Autobiografie. 1970 hatte er – vor zwei Jahren aus den USA an die ETH Zürich zurückgekehrt – kurz vor Ostern einen Nervenzusammenbruch erlitten. In Stanford hatte er mit seinem Freund Wes Anderson sehr produktive Jahre erlebt. In der Industrie, nicht an einer Hochschule, die er als «Haifischbecken» sah. Aber die Kinder kamen ins Einschulungsalter und so beschloss Richard Ernst, mit seiner Familie wieder in die Schweiz zurückzukehren.

Es war nicht einfach. Die Stelle an der ETH war nicht glänzend, mit seinem Chef verstand er sich nicht recht, die technische Ausstattung war veraltet. Geholfen hatte ihm damals auch die erneute Begegnung mit tibetanischer Kunst in einem Trödlerladen im Tessin. Die Thangkas wurden seine zweite Leidenschaft. Nach Wissenschaft und Forschung widmete er seine ganze Energie diesen Roll-Bildern.

Ein höchst raffiniertes Verfahren, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen

Die Wissenschaft sah Richard Ernst in der Tat als etwas Ernstes. Es gelte, die Naturgesetze möglichst «objektiv» darzustellen. Und Emotionen, Persönliches, gar die «Seele» des Wissenschafters hätten da keinen Platz. Diese Sicht mutet nicht nur wegen der Distanz etwas seltsam an. «Objektiv»? – Das Verfahren, mit dem er Molekülstrukturen «sichtbar» machte, könnte «technischer» nicht sein. Er versetzt seinem Untersuchungsgegenstand einen oder mehrere Schocks und lauscht dann, wie der «antwortet». Und das funktioniert nur mit Maschinen, Verstärkern und jeder Menge komplizierter Mathematik.

«Es war mir, als lauschte ich einer überwältigenden Symphonie, wie damals im Musikkollegium Winterthur, als ich als kleiner Schulbub gratis in die Hauptproben der Abonnementskonzerte hineinhorchen durfte.» Die (theoretische) Chemie als Symphonie, als Klang, aus dem man die verschiedenen Stimmen und Instrumente «heraushören» musste.

Kurt Wüthrich, Nobelpreisträger 2002.

Kurt Wüthrich, Nobelpreisträger 2002.

Pontus Ludahl/Keystone

Und dieses «musikalische» Prinzip, inkorporiert in Magnetröhren, kann dann dazu dienen, nicht nur die Struktur von Proteinen beobachten, wie es der Kollege Kurt Wüthrich machte, der 2002 ebenfalls den Nobelpreis erhielt, sondern auch den Medizinern einen Blick auf Gewebe und Organe des menschlichen Körpers zu gewähren. Und zwar auch weiche Materie, nicht nur die Knochen, wie bei den Röntgenstrahlen, die sich gegenüber diesem schonenden Verfahren ziemlich «brutal» ausnehmen.

Der Nobelpreis wirkt im Lebensrückblick wie ein Magnetfeld

Das war die Idee, die Richard Ernsts Forscherleben bestimmte. Das Experiment, bei dem ein Atomkern einem Magnetfeld ausgesetzt wird. Und sich dann die Atomkerne danach ausrichten und zu rotieren beginnen. Und offenbar betrachtete er den Nobelpreis ähnlich. Es war das Ereignis, auf den sein Forscherleben zulief. Nach dem sich alles andere ausrichtet. Natürlich auch Privatleben und Familie. Er bestimmte, wie er auf sein Leben zurücksah. Der Nobelpreis war vielleicht die Krönung, aber nicht der Lohn. Sondern die Bestätigung, dass es irgendwie doch richtig war.

«Spitzenforscher sind eigen­artige Menschen, mich eingeschlossen. Für den Erfolg ist eine enorme Disziplinierung der eigenen Bedürfnisse notwendig.» Das schrieb Richard Ernst schon auf den ersten Seiten seiner Autobiographie. Dass er hart, sehr hart arbeiten konnte, das räumte Ernst auch sich selbst gegenüber gerne ein.

Aber es waren nicht Ehrgeiz und Erfolg, die ihn anstachelten. Er konnte nicht anders. Er spricht von sich im Rückblick auf seine Jugend als «ein einsamer Mensch, der an einem tiefen Abgrund zwischen sich und den anderen litt. Erklären lässt sich das kaum. Schon gar nicht, wenn man meine Herkunft und die ziemlich optimalen Startbedingungen betrachtet, unter denen mein Leben begann.»

Die Nachricht vom Nobelpreis im Pan-Am-Flug von Moskau nach New York.

Die Nachricht vom Nobelpreis im Pan-Am-Flug von Moskau nach New York.

Privatarchiv Richard Ernst/h+h

Als er im Flugzeug von Moskau nach New York die Nachricht bekommt, dass er den Nobelpreis bekommt, ist ihm das peinlich. Dass er im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Teamarbeit alleiniger Preisträger ist. Und er denkt an den Kollegen Kurt Wüthrich, mit dem er lange zusammengearbeitet hat. Wüthrich benutzt Ernsts Verfahren, um grosse Lebensmoleküle zu erforschen. 2002 wird er den Nobelpreis auch bekommen. Die Zusammenarbeit war höchst erfolgreich, aber schwierig. Wüthrich kann konkrete Ergebnisse, Beschreibungen von Proteinen und dergleichen liefern. Ernsts Beitrag ist weniger sichtbar. Er liefert die immer besseren Verfahren und Methoden dafür. «Manche sagten, ich hätte den Ferrari gebaut, und er habe damit das Rennen gewonnen.» Auch charakterlich gibt es Unterschiede. Aber die beiden finden nach Jahren, die von «Eiszeit» geprägt worden waren, wieder zusammen

Richard Ernst verstand seine Arbeit immer als Beitrag, der einen gesellschaftlichen Nutzen haben sollte. Er verabscheute den akademischen Elfenbeinturm. In der Anfangszeit der Kernmagnetresonanztechnik war aber noch gar nicht absehbar, dass das Verfahren zu den leistungsfähigsten und vielseitigsten Diagnosegeräten führen würde, welche die Medizin je zur Verfügung hatte. Ernst digitalisierte die Methode. Und in den Pionierzeiten wurden diese Schritte nur zu leicht als Umwege und Verkomplizierungen angesehen. Der Institutscomputer war zwar da. Aber er wurde in erster Linie benutzt, um die Lohnabrechnung zu machen. Und erst, wenn das erledigt war, durfte Ernst seine Berechnungen anstellen. Aber das Warten hat sich gelohnt. Aus den Tagen wurde Sekundenbruchteile. Und das bedeutete nicht nur Schnelligkeit, sondern auch höhere Auflösung.