Nachgefragt
Boris Nikitin zum Actout-Manifest: «Es ist ein gemeinsamer Akt der Kritik»

Der Theatermacher bekennt sich seit 20 zum Schwulsein. Dass die Aktion seiner Kollegen als kollektives Coming-out verkauft wird, findet er problematisch.

Interview: Julia Stephan
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zvg

Haben Sie sich auch im Beruf geoutet?

Boris Nikitin: Nicht sofort. Ich war ein Jahr lang Regieassistent an der Berliner Volksbühne bei René Pollesch, einem Künstler, der sehr offen mit seinem Schwulsein umgeht und damals viel darüber gesprochen hat. Paradoxerweise führte das bei mir zu einem Zögern, meine eigene Sexualität in diesem Umfeld ebenfalls zu benennen. Aus dem Zögern wurde ein Schweigen, das einsetzen kann, wenn man «den richtigen Moment verpasst». Du schämst dich nicht für deine Sexualität, sondern dafür, dass du sie verschweigst. Als ich ein Jahr später mein Studium in Giessen begann, war klar: Lass das Zögern gar nicht erst einsetzen, sag es gleich am Anfang.

Was machte das mit Ihnen?

Es war eine Befreiung. Ich musste mich nicht mehr verstecken. Plötzlich war ich, was ich fühlte, und nicht mehr derjenige, den andere aufgrund meiner blossen Erscheinung in mir sahen. Ich wurde sichtbar und konnte selbstbewusster zurückblicken.

Wie haben Sie auf das kollektive Coming-out reagiert?

Ich fand es interessant und wichtig. Gleichzeitig fragte ich mich, ob der Begriff des Coming-outs von den Journalistinnen nicht unscharf benutzt wurde und damit unscharf gemacht wurde. Viele der Unterzeichnenden hatten sich sowohl privat als auch beruflich seit längerem geoutet, einige ihr Queer-Sein sogar zum Gegenstand ihrer Arbeit gemacht. Das Outing besteht in dem Artikel (Bezahlschranke) weniger im Benennen der eigenen Identität als vielmehr im gemeinsamen Akt der Kritik an der gegenwärtigen deutschsprachigen Film-, Fernseh- und Theaterbranche, die dem Publikum keine komplexen Figuren zutraut und nach wie vor viel zu sehr mit plumpen Stereotypen arbeitet. Ein Problem, das auch viele andere Gesellschaftsgruppen betrifft.

Kennen Sie Schauspielende, die sich gegen ein Coming-out entschieden haben?

Ich erinnere mich an Studenten auf Schauspielschulen, die mit ihrem Schwulsein gehadert haben. Damals dachte ich, dies sei das normale Ringen mit der eigenen Biografie. Vielleicht wurde ihnen dort – subtil oder unverblümt – vermittelt, es könnte ihrer Karriere schaden. Schauspielschulen bestimmen, wer am Markt vermittelbar ist. Und der Markt orientiert sich an ihnen. Diskriminierung hat Struktur. Man sollte auf jeden Fall genauer hinschauen, was dort passiert.

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