Biodiversität
Sag mir, wo die Blumen sind – und wo dürfen sie gepflückt werden?

Sie erfreuen das Auge und die Biodiversität: Bunte Blumenwiesen, die spät gemäht werden. Ein paar wichtige Tipps für all jene, die gerne einen Wiesenstrauss pflücken würden.

Diana Hagmann-Bula
Merken
Drucken
Teilen
Der grösste Teil der Trockenwiesen ist im letzten Jahrhundert verschwunden.

Der grösste Teil der Trockenwiesen ist im letzten Jahrhundert verschwunden.

Arno Balzarini/ Keystone

Nun stehen sie überall in voller Blüte: Margeriten, Klappertopf, Eisenkraut, Bocksbart und Wiesen-Salbei. Wildblumen – so schön und filigran, dass man sie sofort pflücken möchte. Nur: Die bunten Blumen­wiesen gedeihen nicht mehr gleich um die Ecke. Im letzten Jahrhundert sind gemäss Pro Natura Schweiz mehr als 90 Prozent der Trockenwiesen und -weiden sowie ein grosser Teil der Flachmoore verschwunden. Zwar gibt es vielerorts von Gemeinden, Privaten und Bauern Bestrebungen, Wiesen länger stehen zu lassen, und mit speziellen Saatmischungen wird die Artenvielfalt zusätzlich unterstützt. Der Bund fördert mit Direktzahlungen ebenfalls Magerwiesen. Diese dürfen frühstens ab 15. Juni gemäht werden, in höheren Lage noch später. Doch die Entwicklung einer stabilen, artenreichen Blumenwiese dauert Jahre. Die Erfolge sind auch nach Jahrzehnten sehr bescheiden.

Marianne de Tomasi Schwizer

Marianne de Tomasi Schwizer

Urs Bucher

Da wird man nachdenklich. Blumen pflücken, ziemt sich das noch? Wir haben bei der Naturschutzorganisation Pro Natura nachgefragt, wie und wo man Blumen ohne schlechtes Gewissen pflücken kann und was getan wird, um die Wiesen zu fördern. Die St.Galler Floristin Marianne De Tomasi gibt Tipps, wie Wildblumen drinnen am längsten halten.

Darf man überall Blumen pflücken?

Nein, es gibt national und kantonal geschützte Pflanzen. Hinzu kommt, dass in den meisten Pflanzenschutzgebieten und Naturschutzzonen das Pflücken vollständig untersagt ist. Unter www.naturschutz.ch findet sich eine Karte mit allen Schutzgebieten. Besonders wertvolle Flächen sind zudem im Inventar von Trockenwiesen und -weiden (TWW) von nationaler Bedeutung aufgeführt.

Das Alpenmannstreu sollte man nicht pflücken.

Das Alpenmannstreu sollte man nicht pflücken.

Botanisches Institut / Keystone

Welche Blumen sollte man wirklich nie pflücken, weil sie geschützt oder zu selten sind?

Orchideen wie Spitzorchis und Helmknabenkraut, das Alpenmannstreu. www.infoflora.ch bietet einen gute Überblick.

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob eine Wiese farbenfroh und artenreich ist oder grün und eintönig?

Das hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab: Vom Standort und von der Bewirtschaftung. Klima und Boden geben die mögliche Artenvielfalt vor. Ob dieses Potenzial realisiert wird, hängt von der Funktion und Art der Bewirtschaftung der Wiese ab. Die Landwirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten immer intensiver geworden. Futter­wiesen werden viel geschnitten und gedüngt. Aber auch die sich schnell ausdehnenden Siedlungsgebiete sowie die wegfallende Bewirtschaftung in Berggebieten tragen dazu bei, dass bunte Blumenwiesen seltener werden.

Der Bund hat 1995 ökologische Ausgleichszahlungen eingeführt, um diese Entwicklung aufzuhalten und die extensive Nutzung zu fördern. Genügt das nicht?

Ausgleichszahlungen, Inventar und Verordnung sind sehr wichtige Instrumente zum Schutz der artenreichen Wiesen. Leider hapert es mit der Umsetzung. Die Biodiversitätsinitiative, die Pro Natura mit anderen Verbänden lanciert hat, will darum mehr Flächen und mehr Mittel für den Erhalt der Naturlandschaften bereitstellen.

Was kann man im Privatgarten tun, um Wiesenblumen zu fördern?

Einen Bereich im Garten, der wenig oder gar nicht betreten wird und möglichst sonnig ist, ausscheiden und dort das Gras nur noch zweimal im Jahr, am besten mit der Sense mähen, frühestens Mitte/Ende Juni. Das Gras zum Trockenen liegen lassen, damit die Samen abfallen. Es dauert jedoch Jahre bis so eine artenreichere Wiese entsteht. Ist der Boden sehr nährstoffreich, lohnt es sich eine Magerwiese neu anzulegen, mit hochwertigem einheimischen Saatgut.

Blumenreiche Magerwiese in St. Antönien-Partnun im bündnerischen Prättigau.

Blumenreiche Magerwiese in St. Antönien-Partnun im bündnerischen Prättigau.

Arno Balzarini /
Keystone

Mit zurückhaltendem Blumenpflücken kann jeder einen kleinen Beitrag zu bunten Blumenwiesen leisten. Wie viele Pflanzen darf man an nicht geschützten Orten pflücken?

In jedem Fall sollte man von jeder Art noch Blüten stehen lassen. So ist sichergestellt, dass die Pflanzen absamen und sich weiter vermehren. Damit die Wiesen nicht zertreten werden, sollten Blumen immer Rand gepflückt werden.

Gibt es Jahreszeiten, in denen sich Blumenpflückerinnen und Blumenpflücker besonders zurückhalten sollten?

Vor allem sehr früh und sehr spät im Jahr sollte man sich zurückhalten. In dieser Zeit blühen nur wenige Arten und die Nahrung für Insekten ist knapp.

Wie pflückt man, um der Natur möglichst wenig zu schaden?

Beim Abreissen besteht die Gefahr, dass die Wurzel ausgerissen wird, was unbedingt zu vermeiden ist. Beim Blumen­pflücken sollte daher eine Schere oder ein Messer benutzt werden. Das gilt auch bei Ästen und Zweigen.

Einige Wiesenblumen sehen zwar schön aus, sind aber giftig. Welche?

Herbstzeitlosen sind giftig.

Herbstzeitlosen sind giftig.

Arno Balzarini / Keystone

Eisenhut, Fingerhut und Herbstzeitlosen zum Beispiel können aufgrund ihres Gifts gefährlich für Menschen sein. Oft reichen schon kleinste Mengen aus – etwa drei Gramm Fingerhut -, um eine erwachsene Person zu töten.

In welchem Stadium der Blüte soll man pflücken?

Wenn sie in voller Blüte steht. Pflückt man sie knopfig, hat sie daheim im Wasserglas zu wenig Kraft und Nährstoffe, um sich zu erholen und zu gedeihen. Sie verschläft dann und bleibt zu.

Wie bleibt der Wiesenblumenstrauss lange schön?

Am besten schneidet man die Stile daheim neu an und gibt sie sofort ins Wasser. Blumen mögen eine Temperatur von 7 bis 10 Grad. Immerhin nachts sollte man sie raus auf den Balkon stellen, um sie tagsüber wieder in voller Pracht geniessen zu können. Viele Blumen trocknen schön. Man kann sie an Fäden knüpfen und sie ans Fenster hängen.