Reisen

Modernisierung in Kasachstan: Die Jurten weichen den Hochhäusern

Almaty mit seinem modernen Zentrum und der imposanten Bergwelt des Tienschan-Hochgebirges ist die grösste Stadt Kasachstans. Eine Gondelbahn führt in ein Skigebiet.

Almaty mit seinem modernen Zentrum und der imposanten Bergwelt des Tienschan-Hochgebirges ist die grösste Stadt Kasachstans. Eine Gondelbahn führt in ein Skigebiet.

Seit dem Ende der Sowjetunion bahnt sich Kasachstan den Weg in die ­Moderne. Gleichzeitig entdeckt es sein eigenes Kulturerbe, auch dank des aufstrebenden Tourismus.

Wir erreichen Almaty, die grösste Stadt in Kasachstan, spät abends. Aufgrund der Dunkelheit müssen wir unsere Neugier auf das unbekannte Land noch zügeln. Begleitet von Xenia, unserer Reiseführerin, lassen wir uns im Minibus durch die grösste Stadt des Landes zum Hotel fahren. Wir erkennen nur schemenhaft, was die City ausmacht: Moderne Hochhäuser mit glänzenden Fassaden grenzen an alte, dreistöckige Sowjetbauten, dazwischen unscheinbare Wohnhäuser, umgeben von Stein- oder Kunststoffmauern.

«In unserem Land wird viel gebaut», sagt Xenia stolz. Auf uns drei, an die kleinräumige Schweiz gewohnten, Reisenden wirken die ungewöhnlich breiten, mehrspurigen und im rechten Winkel angelegten Strassen im Zentrum ein wenig überdimensioniert. Und merken wir schnell: Mit mehrstündigen Fahrten im Minibus müssen wir uns in den nächsten Tagen wohl abfinden.

Almaty mit über 100 Volksgruppen und Nationalitäten und 1,8 Millionen Einwohnern erwartet uns am frühen Morgen mit dem üblichen Stossverkehr einer Grossstadt – nur die Automarken sind anders als bei uns. Lada und asiatische Marken prägen das Strassenbild. Der Import europäischer Autos sei zu teuer, erklärt Xenia. Sie führt uns heute in die wichtigsten zwei Museen der City.

Wir erfahren viel über die Dombra, die traditionelle kasachische Gitarre mit nur zwei Saiten, und über die ursprüngliche Behausung der Nomaden: die Jurte. Wer hätte gedacht, dass diese innerhalb von zwei Stunden von nur zwei Personen aufgestellt wird. «Heute leben die Bauern in der kalten Jahreszeit in beheizten, kleinen Häusern in der Steppe», sagt Xenia. Die Jurte werde nur noch im Sommer genutzt. Uns fröstelt es, als wir erfahren, dass im Winter in der kasachischen Steppe Temperaturen von bis zu minus 50 Grad herrschen.

Schlangensud, Kamelmilch und Berge von Fleisch

Kenner Zentralasiens haben uns vor der Reise gewarnt: Es gibt eigentlich nur Fleisch zu essen. Das habe auch mit den harten klimatischen Bedingungen zu tun, erklärt Xenia. Wir sind somit auf das erste Mittagessen gespannt. Und tatsächlich: Vor uns stehen dampfende Fleischstücke vom Rind und Schaf in einer grossen Porzellanschüssel, mit ausgewählten Kräutern und Saucen abgeschmeckt. Getrocknetes Pferdefleisch mit Brot wird serviert, doch auch die Beilagen mit Kartoffeln, Reis oder Brot in verschiedenen Variationen machen Freude. Entwarnung für Vegetarier: Es schmeckt auch ohne Fleisch. Doch wir stellen fest, dass zwei Portionen reichen für den Appetit von vier Europäern.

Auf dem Basar in Almaty gibt es auch Schlangen zu kaufen.

Auf dem Basar in Almaty gibt es auch Schlangen zu kaufen.

Der Basar, seit einigen Jahren auch «Green Market» genannt, ist unser nächstes Ziel. Begeistert flanieren wir mit den Einheimischen durch die vielfältigen Angebote an Trockenfrüchten, Nüssen, Kräutern, Honig, Fleisch, Kleidern und Taschen. Gesund soll das eine oder andere Angebot scheinbar auch sein: Getrocknete Schlange helfe zur Entgiftung des Körpers. «Teile davon werden ausgekocht und der Sud getrunken», übersetzt Xenia die Information des Verkäufers. Uns kann er jedenfalls nicht überzeugen. Das Nationalgetränk aus fermentierter Stuten- und Kamelmilch probieren wir dennoch: Doch auch sie wird nicht zu unserem neuen Lieblingsgetränk.

Da Almaty vor einer eindrücklichen Bergkulisse liegt, lohnt sich ein Abstecher in die Höhe, wo einige Gipfel fast 5000 Meter hoch sind. Das Gebirge bei Almaty gehört zum Tienschan-Hochgebirge, das sich mit einer Länge von rund 2400 Kilometern über mehrere zentralasiatische Staaten hinweg erstreckt. Weil das Wetter schlecht ist, können wir keine Wanderung unternehmen, sondern nehmen die Achtergondel hoch nach Shimbulak, das im Winter ein Skigebiet ist.

Auch im Sommer ist die Gegend ein beliebtes Ausflugsziel. Für Naturliebhaber bietet ein Abstecher zum Big Almaty Lake einen wunderschönen Ausblick auf die Berge. Der Speichersee auf rund 2500 Metern über Meer ist leicht mit dem Auto zu erreichen. Eindrücklich ist auch der Canyon Tscharyn, eine Art «Grand Canyon» Zentralasiens.

Der «Tscharyn»-Canyon bietet mit seinem karmesinroten Gestein eine eindrückliche Kulisse.

Der «Tscharyn»-Canyon bietet mit seinem karmesinroten Gestein eine eindrückliche Kulisse.

Historische Höhepunkte in der Party-Stadt

Damit wir uns ein Bild von den kulturhistorischen Schätzen Kasachstans machen können, fliegen wir in den Süden des Landes nach Shymkent in der Region Turkestan. Wer Zeit hat, sollte diese Strecke mit dem Zug zurücklegen. Die Fahrt über die unglaublichen Weiten Kasachstans gilt als sehr beeindruckend. Shymkent war zu Zeiten der Sowjetunion bekannt für Industrie und Bergbau. Heute ist die Region Turkestan daran, sich einen Namen als Tourismuszentrum zu machen.

Von Reiseführer Rustem erfahren wir viel über die alten und neuen Sitten und Gebräuche der Kasachen. Nebst Verlobungen, Hochzeiten und Taufen wird hier offensichtlich jede Gelegenheit wahrgenommen, Feste zu feiern. Das war schon immer so. Heutzutage finden diese in den unzähligen, ein wenig überdimensioniert wirkenden Festgebäuden entlang der Hauptstrassen statt. Da stellt sich die Frage, wie sich die Menschen das leisten können? «Da immer alle Familienmitglieder und Freunde eingeladen sind und Geld­geschenke mitbringen, gleicht sich das irgendwie wieder aus. Und was wichtig ist, darf auch etwas kosten», sagt Rustem überzeugt.

Guide Rustem weiss viel über kasachische Kultur und Geschichte – und ist stolz auf sein Land.

Guide Rustem weiss viel über kasachische Kultur und Geschichte – und ist stolz auf sein Land.

Rustem führt uns in die Steppe zur einst wichtigen Stadt Otrar mit ihrem imposanten Eingangsportal. Sie wurde 1219 von Dschingis Khan und seinen 300'000 Kriegern kurzerhand niedergebrannt. Viele Mythen und Geschichten ranken sich um den Ort, der ­direkt an der Seidenstrasse liegt.

Religiöse Bauten gewinnen wieder an Wichtigkeit

Beeindruckende Mosaikfassade: Das Hodscha-Ahmed-Yasawi-Mausoleum in der Region Turkestan muss man besuchen.

Beeindruckende Mosaikfassade: Das Hodscha-Ahmed-Yasawi-Mausoleum in der Region Turkestan muss man besuchen.

Auf den Besuch des Arystan-Bab-Mausoleums und des Hodscha-Ahmed-Yasawi-Mausoleums freuen wir uns besonders. Letzteres wurde Ende des 14. Jahrhunderts errichtet und ist die Grabstätte des berühmten islamischen Mystikers Yasawi. Die Fassade präsentiert sich mit wunderschönen, farbigen Mosaiksteinchen. Andächtig betreten wir das Innere und lassen uns von Rustems Erzählungen inspirieren.

Wir sind beeindruckt: Die Bauwerke sind sehr gut erhalten und strahlen eine besondere Aura aus. Religiöse Bauten haben nach dem Ende der Sowjetunion in Kasachstan an Wichtigkeit gewonnen. «Wir möchten wieder zu unseren Wurzeln zurückfinden und praktizieren einen moderaten Islamismus», erklärt Rustem. Die Religion helfe vielen Menschen, ihren Platz in der Gesellschaft wieder zu finden, ist er überzeugt.

Eines ist klar: Nur ein paar Tage in Kasachstan sind zu wenig. Landschaftlich und historisch gibt es viel zu ent­decken, auch in den Nachbarländern Usbekistan und Kirgistan. Um das neuntgrösste Land der Welt und seine äusserst freundlichen Menschen zu entdecken, lohnt es sich, genügend Reisezeit einzuplanen.

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