Früher durfte er nicht im Fernsehen gezeigt werden: Wie der Bikini zum beliebtesten Badeanzug wurde

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Früher durfte er nicht im Fernsehen gezeigt werden: Wie der Bikini zum beliebtesten Badeanzug wurde

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Vor 75 Jahren wurde der Bikini erfunden – und gleich verboten. Frauen, die heute auffallen wollen, tragen einen Badeanzug.

Martina Bortolani
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Der Sänger Brian Hyland hat dem Bikini einen Song gewidmet mit dem bizarren Titel «Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini». Von einem winzig kleinen, klitzekleinen Bikini mit gelben Punkten singt er und landet damit 1960 auf Platz 1 der US-Hitparade. Die Punkband Die Toten Hosen macht sich 1987 daraus einen Spass, schrammt, schreit und rockt den leicht biederen Songtext in Punk-Manier zwei Minuten lang runter. Am Schluss des Liedes seufzt Campino: «Und da zog sie den Bikini, den sie nirgends tragen kann, ganz allein zu Hause in der Badewanne an.» So endet der Welthit.

Und hier beginnt die Tatsache, dass der Bikini – erstmals von Louis Réard am 5. Juli 1946 in Paris gezeigt – verboten wurde und hoch stigmatisiert war. Als «sündiges Gewand» vom Vatikan verteufelt, überforderte der skandalöse sexy Zweiteiler die Gesellschaft in der Nachkriegszeit. Die eigentliche Revolution aber löste er aus, weil er den weiblichen Bauchnabel entblösste. Deshalb sind frühe Modelle im Bund auch extra hoch geschnitten – ein Kompromiss, auf den man sich Jahre später für TV-Auftritte einigen konnte.

Erst die sexuelle Revolution in den Sechzigerjahren schaffte es, dass der Bikini auch von der Gesellschaft akzeptiert wurde. Das ist er bis heute geblieben. Wie vor jedem Sommer informieren sich die Frauen, welches Modell im Trend liegt: ob Triangelform, Pantyhöschen, Brazilian String, Bügel-BH oder Holderneck. Ferien ohne Bikini? Unvorstellbar!

So gesehen, verdeutlicht das 75-Jahre-Jubiläum, wie selbstverständlich die heutige Generation mit ihrem Körper umgeht. Sie zeigt viel von ihrer makellosen Haut. Das ist löblich und emanzipiert und als Itsy Bitsy Teenie auch normal. Allen jenseits von Straffheit und Jugendlichkeit soll an dieser Stelle aber gesagt sein, dass sich die alljährliche Bikinifrage auch ganz leicht klären lässt: Man kauft einfach einen hübschen Einteiler.

Vierzigerjahre und Fifties: Hollywood mit High-Waist-Faktor

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Wäre es nicht tatsächlich die einzigartige Hollywoodlegende Ginger Rogers, die zuckerwattensüss lächelt in ihrem geblümt gemusterten Bikini mit High-Waist-Hosen und passendem Bandeau-Oberteil, könnte auch eine Influencerin und/oder Fussballerfrau darin posieren. Denn: Copy-Paste-Alarm!

Was in den Vierziger- und Fünfzigerjahren der allerletzte Schrei war, gibt es auch im Sommer 2021 fast identisch zu kaufen. Man wird mit diesem Modell zwar nahtlos braun (natürlich nur mit SPF 50), dafür figuretelt man aber auch ständig an dem Oberteil herum – Trägerbändel hin oder her, halten tut das nie so richtig.

Sechziger- und Siebzigerjahre: Den Stil erfunden

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Romy Schneider war in Sachen Stilsicherheit und Klasse Anfang der Siebzigerjahre so etwas wie Emmanuelle Alt, Chefredaktorin der «Vogue» Paris, heute: Eine, auf die alle schauen. Romy Schneider trug im wunderbaren Film «La Piscine» (1968) an der Seite von Alain Delon abwechslungsweise den schwarzen und den weissen Einteiler.

Aber es ist emblematisch für diese Zeit des Aufbruchs und der Körperlichkeit, dass sich, modisch betrachtet, der eng geschnittene schwarze Bikini mit Holderneck (zeigt die sexy Rückenmuskulatur) durchgesetzt hat. Seit einer gefühlten Ewigkeit kaufen sich Frauen auf der ganzen Welt den Klassiker. Und zwar oft drei- oder vierfach, stimmt’s?

Achtziger- und Neunzigerjahre: In die Vollen!

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Eine modische Epoche, die bis heute polarisiert. Es scheint, als wären besonders die Achtziger- und frühen Neunzigerjahre nur dazu da gewesen, alle Stilsünden einmal durchzuspielen. Die Frisuren suboptimal, die Haut ölig und orange-braun, die grellen Muster auf den Sommerkleidern bedenkenswert.

Auch bei den Bikini-Modellen ging man zu dieser Zeit in die Vollen: Superknappe Triangeloberteile, stramm geschnürt wie an der Copacabana, dazu Bikini-Slips, die hoch bis zu den Hüften ausgeschnitten waren. Und Kreolen-Ohrringe und Cocktails mit bunten Schirmchen – was brauchte es 1987 mehr, um glücklich zu sein? Jennifer Lopez übrigens (im Bild) kultiviert diese Mode-Ära bis heute konsequent.

Die Generation Post-Millennials: Selbstbewusst und freizügig

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Dass man sich jemals über dieses Badeutensil mokierte, ist der heutigen Generation junger, selbstbewusster Bikini-Girls gar nicht bewusst. Models wie Bella oder Gigi Hadid (im Bild) tragen Bikinis, als wären sie nur Mittel zum Zweck, um ihre Supernova-Körper ideal zu akzentuieren. Möglichst wenig Stoff, möglichst freizügig und teilweise so eng geschnitten, dass oben und hinten herum alles rausrutscht.

Dies zurechtzurücken, kommt aber gar niemandem in den Sinn, denn: Es muss so sein! Die beiden Bikini-Trends im Jahr 2021 könnten übrigens nicht unterschiedlicher sein: 1. Mattes Braun oder Nude und 2. Blumenmuster in knalligen Leuchtfarben.

2021: Für alle, die wirklich auffallen möchten

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Das 75-Jahre-Zweiteilerjubiläum hin oder her und auch auf alle Bikinitrends gepfiffen: Frauen, die am Strand oder im Freibad mit umwerfender Eleganz auffallen möchten, tragen ihn dieses Jahr wieder: den schicken Einteiler. Man bekommt damit zwar nie einen braunen Bauch, dafür zeigt man auch nie zu viel desselben.

Trend­setter wie die französische Stilikone und Schauspielerin Jeanne Damas (im Bild) beweist, dass ein mondäner, adäquater Look von Phuket oder St. Tropez bis zum Wäggitalersee nie in Korrelation zur Menge an getragenem Stoff steht. Einteiler sind und bleiben eine Bikinialternative. Und zwar eine sehr gute.

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