Mobilität
Strom statt Benzin im Blut: Die Amag will bis 2025 klimaneutral werden – in vier Jahren soll die Hälfte der gesamt-verkauften Autos elektrisch sein

Der grösste Schweizer Autoimporteur Amag forciert mit seiner Klimastrategie die Elektrifizierung der Mobilität und des Unternehmens.

Bruno Knellwolf
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«the square» ist das neue Beratungszentrum für Elektromobilität der Amag im Circle am Flughafen Zürich.

«the square» ist das neue Beratungszentrum für Elektromobilität der Amag im Circle am Flughafen Zürich.

Helmut Ruhl, seit einem halben Jahr am Steuer des grössten Autoimporteurs der Schweiz, der Amag, legt ein Glaubensbekenntnis ab: «Wir bekennen uns zum Pariser Abkommen und zum 1,5-Grad-Ziel.»

Gesagt ist das leicht. Die dafür notwendige Verwandlung eines seit Anbeginn auf Benzin und Diesel basierenden Gewerbes in ein Unternehmen, das vollständig auf die Elektromobilität setzen will, ist dagegen komplex.

Die meisten verstehen die Elektromobilität nicht

Der neue CEO der Amag hat für die Präsentation seiner Klimastrategie einen passenden Ort gewählt. Er referiert im «the square», mitten im mondänen für eine Milliarde Franken erstellten Circle auf dem Flughafen Zürich. Der im Juli eröffnete Square ist das Amag-Kompetenz- und Beratungszentrum für Elektromobilität, «die von den meisten Kunden noch nicht verstanden wird», wie Square-Leiter Peter Schmid festgestellt hat.

«Die Kunden stellen immer die gleichen Fragen: zuerst nach der Reichweite der Elektroautos, dann nach der Ladeinfrastruktur und den Kosten. Fragen, die nach Aufklärung verlangen.» Wohne jemand zum Beispiel in einer Mietwohnung mitten in der Stadt, sei es tatsächlich nicht so einfach, zum nötigen Strom zu kommen. «Vor allem, wenn sich der Hausbesitzer nicht für Elektromobilität interessiert», sagt Schmid.

Ein Fünftel Elektroautos im ersten Halbjahr

So gibt es noch viele offene Fragen zu Elektroautos, die auf der Strasse noch in deutlicher Minderheit sind, beim Verkauf aber an Boden gewonnen haben. Der Anteil von Steckerautos lag im ersten Halbjahr 2021 bei 18 Prozent. Der Trend sei nicht zu stoppen, erklärt Ruhl. «Inzwischen ist dem Letzten klar, dass die Zukunft elektrisch wird.»

Für die Amag gilt das gewiss. Sie verkauft die Marken des Volkswagen-Konzerns, der sich ambitionierte Klimaziele gesetzt hat. Nach dem Jahr 2035 will der deutsche Autohersteller keine Autos mehr mit Verbrennungsmotor anbieten. Ruhl verweist auf die Strategie «New Auto», die VW vor vier Wochen vorgestellt hat. Dabei geht es nicht allein um Elektroautos, sondern auch um Software, neue Batterien und digitale Dienste, die den Wandel zur Elektromobilität möglich machen sollen. In «Gigafactorys» wird VW in Zukunft selbst Batterien bauen und gleich auch der grösste Abnehmer werden.

Doch auch die Konkurrenz ist auf diesem Weg. Mercedes setzt ab 2030 voll auf Elektrizität. Der Amag-Chef sagt:

«Die Autohersteller passen ihre Geschäftsmodelle an. Zudem ergibt die Transformation neue Wettbewerber, nicht nur Tesla.»

Der Glaube an den Individualverkehr lebt

Die Autohersteller glauben an die Zukunft des Individualverkehrs, nur müsse dieser elektrisch werden. «Das Auto wird intelligenter und nachhaltiger», sagt Ruhl mit Überzeugung. Nachhaltigkeit ist einer der fünf strategischen Amag-Schwerpunkte für die Transmission. «Und die fängt bei den Mitarbeitern an», sagt der CEO.

Selbst fährt der gebürtige Bayer seit zweieinhalb Jahren rein elektrisch. Und die 6500 Mitarbeiter und 700 Amag-Lehrlinge, die bis anhin doch eigentlich «Benzin im Blut» haben mussten, werden nun zu Botschaftern der Elektromobilität umgeformt. Sie erhalten auch eine finanzielle Unterstützung von 1500 Franken für die Ladeinfrastruktur zu Hause, wenn sie auf Elektromobilität umsteigen.

Ruhl will Taten folgen lassen. In vier Jahren soll die Hälfte der verkauften Autos elektrisch oder teilelektrisch – mit einem Plug-in-Hybrid-Motor – angetrieben sein. Ab 2030 soll der Elektroanteil über 70 Prozent und ab 2040 dann 100 Prozent betragen.

Die Amag hat zudem die Ambition als Unternehmen bis 2040 klimaneutral zu sein, das heisst einen CO2-freien Fussabdruck über alle Wertschöpfungsstufen zu haben. Gleichzeitig verpflichtet sich der Autoimporteur gemäss den «Science Base Targets» die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, damit diese dem 1,5-Grad-Klimaziel entsprechen. Wenn beim Betrieb CO2 entsteht, muss dieses kompensiert werden.

Strom vom Dach für 10'000 Elektroautos

Viele Anstrengungen seien nötig, betont Ruhl. In einem dreistufigen Prozess werden Absenkpfade beschritten, auf denen wo möglich nur noch auf erneuerbare Energie gesetzt wird. Dafür muss unter anderem die Infrastruktur der Amag modifiziert werden. Mit einer eigenen Fotovoltaikstrategie soll auf den Dächern der Amag-Gebäude Solarstrom gewonnen werden, der irgendwann Strom für 10'000 Batterieautos liefern kann oder 60 Prozent des Strombedarfs der Amag deckt.

Work-Space statt Ersatzwagen

Auch im Detail wird umgewandelt. Wer sein Auto zum Service bringt, soll in Zukunft nicht mit einem Ersatzauto nach Hause oder ins Büro zurückfahren, sondern gleich bei der Garage bleiben und dort in einem zur Verfügung gestellten Workspace-Büro arbeiten können. Zudem pflegt die Amag Partnerschaften mit Universitäten und Hochschulen wie der ETH, um Klimafragen zu lösen und investiert in einen Klimafonds für Schweizer Start-ups, die sich der Entkarbonisierung verschrieben haben. «Nicht alles wird in kurzer Zeit gelingen. Aber wir werden die Wende anschieben und die wird funktionieren.»

Dem Bekenntnis folgt ein Versprechen. Ruhl sagt: «Bis 2040 ist unser Fussabdruck klimaneutral.»

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