Do it yourself
Mit Hammer und Humus gegen den Corona-Frust: Warum wir ein Land von Heimwerkern und Gärtner sind

Die Welt ist klein und digital geworden, aber im Heimwerken und Gärtnern sind wir jetzt ganz gross und im Schlangestehen auch.

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Es macht nicht immer Sinn, es ist selten effizient und manchmal gefährlich: Aber heimwerkern tut gut.

Es macht nicht immer Sinn, es ist selten effizient und manchmal gefährlich: Aber heimwerkern tut gut.

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Endlich! Die Garten- und Baumärkte dieses Landes sind wieder geöffnet. Der Bundesrat hatte Erbarmen mit Millionen von Heimwerkern und Hobby-Gärtnern in diesem Land. Zu Tausenden standen sie am Montag vor den riesigen Hobby-Zentren Schlangen, um sich mit dringend nötigem Stoff zu versorgen: Erde, Kies, Sand, Setzlinge, Dünger und stapelweise Bretter. Der Stoff aus dem Träume sind, wenn jene von der Südsee bis nächstes Jahr warten müssen.

Die analogen Sonnenblumen werden ganz gross

Ich wage die Behauptung, dass in der Schweiz noch nie so viel gewerkt und gegärtnert wurde wie in den letzten fünf Wochen. Die Welt ist klein und digital geworden, aber meine analogen Sonnenblumen, die werden dieses Jahr ganz gross. Gegen das Coronavirus hilft kein Winkelschleifer, aber gegen die eigene verdammte Untätigkeit kann man was tun. Jeder Schneckenkornwurf und jeder Rasenkantenschnitt ist ein kleiner Schritt in eine kontrolliertere Welt. Wenn der Menschheit die Orientierung fehlt, dann lege ich neue Gartenwege an. Vielleicht kriegt mich das Virus, aber das Unkraut reisse ich zuerst noch aus und die Kommode schleife ich, als ob es kein Morgen gäbe.

«Du lebst. Erinnerst du dich?», lautet ein Werbespruch von Hornbach. (siehe Video oben) In einem der kultigen Werbespots des deutschen Baumarktes mit Filialen in der Schweiz steht ein wohlgenährter Mann nackt auf einem Felsvorsprung. Er stürzt sich schutzlos hinunter, mitten hinein in Holz und Lehm, Dreck, Sägespäne und auch ein Nagel ist dabei. Es tut allein beim Zusehen weh, aber der Mann lächelt selig.

Er wagt und tut etwas, das ist der Kern all der Werkerei. Einfach machen, ohne Rücksicht auf Verlust und ohne die nötigen Kompetenzen meistens auch. In der Erde hacken bis man Blasen an den Händen hat, an Wurzeln zerren, bis es im Rücken zwickt, Holz schleifen bis das Blut tropft. Das ist selten wirklich effizient und ab und an auch gefährlich.

160 Personen verunfallen täglich im Garten und Haus

Laut Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) verunglücken jedes Jahr rund 60000 Schweizer beim Werkeln zu Hause – im Schnitt mehr als 160 Personen täglich. Egal ob im Garten oder im Haus: Profis würden es in fast jedem Fall besser hinkriegen als wir.

Schon Mitte der Fünfzigerjahre wandte sich das «Deutsche Handwerksblatt» mit der Warnung «Tue es selbst und gehe zum Arzt» an alle Heimwerker, die meinten, sie brauchten zum Reparieren und Renovieren keine Fachleute mehr. Die einzige Fertigkeit, die ein Mann im Haus wirklich beherrschen müsse, sei die Bedienung des Telefons – um damit einen Profi zu engagieren. Nachzulesen ist das in der Habilitationsschrift des Historikers Jonathan Voges. Auf mehr als 500 Seiten hat er die Geschichte des Heimwerkens in Deutschland aufgearbeitet. Er erzählt, wie aus einer Notwendigkeit ein sinnstiftendes Hobby wurde.

Schon vor 60 Jahren wurde das Selbermachen gelobt

Schon im Jahr 1957 lobten die Herausgeber der Zeitschrift «Selbst ist der Mann» das Selbermachen als «Medizin gegen das Übel unserer Zeit und unserer gehetzten Lebensweise, gegen die sogenannte Manager-Krankheit».

Heimwerken und Gärtnern kann sogar politisch sein. In den Achtzigerjahren gab es im links-grünen Milieu die Vision, dass Heimwerken die konsumgesteuerte Gesellschaftsform ablösen könnte. Selbermachen als Form des Protests gegen Konsum und standardisierte Massenprodukte:

Was fertig ist, macht einen fertig

propagierten sie. Heute klingt es wieder ähnlich. Selbermachen gegen die Globalisierung, gegen Plastikwahnsinn, für das Klima. Nie waren wir dieser Utopie näher als in den letzten fünf Wochen. Zu Hause bleiben, sich selber versorgen, ist erzwungenermassen der «Trend» des Jahres 2020.

Konsumtempel für grüne Selbstverwirklicher

Doch noch mal zurück zu den wiedereröffneten Garten- und Baumärkten. Meine Grosseltern haben ihr Leben lang wohl keinen solchen Markt von innen gesehen. Gegärtnert und gewerkt haben sie trotzdem erfolgreicher als ich, die jährlich mehrere hundert Franken zwischen Frühblüher, Gartenscheren und Terrakotta-Gefässen liegen lässt.

Eine Frage des Geldes ist Do-it-yourself sowieso nicht. Umfragen haben gezeigt, vor allem die Schweizer Mittelschicht hat Freude am Werken. Wer sich die Werkzeug-Preise im Baumarkt anschaut, weiss auch warum. Es sind gut rentierende Konsumtempel für Selbstverwirklicher mit grünen Daumen und einer Werkbank. Sie machen ihren Umsatz mit eiligen Gärtnern wie mich, die keine Zeit (und Lust) für Ansaaten haben, denen es davor graut Brennnessellaugen selber anzusetzen und die Gartenerde lieber kaufen als ihren Kompost endlich zu kehren. Böse Zungen behaupten, ich hätte in meinem Leben schon mehr Zeit in Gartencenter als im Garten verbracht. Stimmt nicht ganz, aber wie sagt ein berühmtes Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – aber im Gartencenter gibt es richtigen Dünger dafür.

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