Sozialleben
Wir haben uns so auf die Öffnungen gefreut und dann ist plötzlich alles etwas viel

Nach mehr als einem Jahr müssen wir wieder lernen, uns auf Fremde einzulassen. Das merkt auch die Autorin, die sich gerade ein bisschen wie Heidi in der Grossstadt fühlt.

Katja Fischer De Santi
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Und plötzlich gibt es wieder Apéroanlässe.

Und plötzlich gibt es wieder Apéroanlässe.

Severin Bigler

Was habe ich mich auf diesen Abend gefreut. Und jetzt liege ich im Bett und alles dreht sich, nicht wegen des Alkohols, das will ich betonen. Ich hab nicht zu tief ins Glas, sondern zu lange in fremde Gesichter geschaut. Sätze und Gesichter, Geräusche und Düfte drehen Karussell, mein persönliches Datenverarbeitungszentrum ist etwas überfordert. Und dies nur, weil ich zuerst an einem Presseanlass in der realen Welt mit realen Menschen und einem realen Apéro war und danach an einem kleinen Gartenfest, an dem ich die meisten anderen Gäste vorher nicht kannte.

Neue Kontakte, das gab es im realen Leben nicht mehr

Keine grosse Sache, würden wir April 2019 schreiben. Im April 2021 aber kommt das einer höchst bedenklichen Kumulation von Interaktionen gleich.

Nicht unbedingt nur aus virologischer Sicht, sondern auch aus sozialer. Denn in meinem Hirnareal, das zuständig ist für neue Menschen und Kontakte, hat während der letzten Monate niemand mehr gearbeitet. Die Abteilung war geschlossen, wegen Nichtgebrauchs. Wenn es überhaupt zum sozialen Austausch kam, dann immer mit Menschen, die längst in meinem Hirn und Herz erfasst waren.

In meine virologisch geprüfte Coronabubble hatten nur wenige Zutritt, und oftmals, weil bundesrätlich so empfohlen, die Gleichen. Gestört hat es mich gar nicht so sehr. Fünf gute Freunde, mehr braucht kein Mensch, sagt die Glücksforschung. Und die Familie kommt ja noch dazu, ob man will oder nicht. Es war manchmal etwas langweilig, aber auch bequem. My home is my bubble, sie wissen, was ich denke, bevor ich’s sagen kann. Inputs von aussen kamen nur noch diskussionslos via Social Media, konsumieren, wegdrücken, einschlafen.

Der Superorganismus hat geschlafen

Der menschliche Superorganismus, als den der Soziologe Nicholas Christakis unsere Gesellschaft bezeichnet, in dem Ideen sich ebenso schnell verbreiten wie Krankheitserreger, dieser Superorganismus war weggedämmert. Nun ist er wiedererwacht, zumindest in der Schweiz, zumindest vorübergehend. Am Wochenende gab es vielerorts kein Halten mehr, endlich Sonne und Terrassen, Gartenparties und Grillfeste.

Erst als ich abends im Bett liege, realisiere ich, dass es Monate, vielleicht sogar ein Jahr her sein muss, dass ich privat neue Menschen kennengelernt habe. Wir waren in dieser Pandemie ja schon froh, wenn es uns gelang, die alten Bekanntschaften irgendwie aufrechtzuerhalten. Dass ich hingegen privat mit mir völlig fremden Menschen gesprochen habe, nicht nur Grüezi und Tschüss, sondern über Gott und die Welt und vor allem uns selbst, das ist sehr lange her – und braucht wieder etwas Anlauf.

Gesichtsblind und etwas menschenscheu

Sie sei gesichtsblind geworden, sagt mir eine Bekannte kürzlich, nachdem sie mich auf der Strasse nicht erkannt hatte (ohne Maske notabene). Sie sehe seit Monaten nur die gleichen vier, fünf Personen, alle anderen seien ihr fremd geworden, auch deren Gesichter. Und eine andere berichtet, dass selbst Tramfahren sie anstrenge, nicht wegen der potenziellen Virengefahr, sondern weil da so viele Gesichter seien, und wenn dann einer Augenkontakt suche, gerate sie fast in Panik.

Nicht wenige von uns stolpern gerade durch die neue, alte Öffentlichkeit wie einst Heidi durch die Grossstadt Frankfurt.

Wir Herdentiere haben uns vereinzelt, unsere Sensoren sind auf kleine Gruppen ausgerichtet. In den 1990er-Jahren entwickelten Wissenschafter die Hypothese vom «sozialen Gehirn», das abhängig von der Intensität der Beziehung schlicht nur jeweils eine bestimmte Anzahl Artgenossen verarbeiten könne. Sobald eine maximale Grösse überschritten und dadurch das Gehirn überfordert wäre, drohten soziale Instabilität – wie gerade jetzt.

Das Spiel von Nähe und Distanz müsse wir erst wieder üben

Wie ging das nochmals mit dem Small Talk? Wie viele intime Details sind angebracht? Das Spiel von Nähe und Distanz, wir müssen es zuerst wieder üben. Wie etwa der ältere Mann, der am Sonntag, als er aus dem Zug steigt, abrupt stehen bleibt. Das Bild der bis auf den letzten Platz besetzten Uferpromenade am Bodensee überforderte ihn sichtlich. Er wisse nicht, ob er sich freuen oder fürchten sollte, sagte er mehr zu sich als zu seiner Begleiterin. Ich für mich bin froh, wartet in diesem Moment nur das Unkraut auf mich. Mein Garten ist das, was für Heidi die Alp war.

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