Reisen

Mehr als nur Kokainproduzent: Kolumbien entwickelt sich immer mehr zur Traumdestination

Sonnenuntergang in der Hafenstadt Cartagena de las Indias, eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas.

Sonnenuntergang in der Hafenstadt Cartagena de las Indias, eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas.

Kolumbien ist so vielfältig, dass jeder Tag eine neue Überraschung bringt. Und selbst auf kosmische Geheimnisse stösst man im Land.

Ein Erbe wird Kolumbien einfach nicht los. Auch wenn sich Medellin von einer der gefährlichsten Städte der Welt zum Vorbild städtischer Entwicklung in Südamerika gewandelt hat, ist die Nachfrage nach «Schnee» noch heute gross. Über die Hälfte des weltweit konsumierten Kokains stammt aus Kolumbien und ist, wenn auch illegal, ein mächtiger Motor der Wirtschaft.

Doch die Realität ist weitaus vielschichtiger. Kolumbien ist auch das Land des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, der den Namen Kolumbiens mit seinem preisgekrönten Roman «100 Jahre Einsamkeit» in die Welt hinaus getragen hat. Und es ist das Land mit dem Mythos von «El Dorado», «dem Goldenen», dem ganze Generationen von Entdeckern, Eroberern und Gelehrten nachgejagt haben, darunter die goldhungrigen spanischen Konquistadoren. Urs Diethelm beschreibt diese Vielfalt, die etwas Rauschhaftes hat:

Für den Schweizer Reiseführer, der seit über 20 Jahren in der Stadt Cali lebt, ist Kolumbien nicht ein Land, sondern viele Zustände.

In vielen Teilen des Landes ist eine vorsichtige Aufbruchstimmung zu spüren: Die Regierung arbeitet an einem neuen Image – weg von Krieg und Drogen. Sie will das Land für Investoren und Touristen attraktiv machen. Dank massiver Militär- und Polizeipräsenz ist Kolumbien heute weitaus sicherer als noch vor wenigen Jahren und entwickelt sich zu einer wirtschaftspolitisch stabilen Nation. Die Volkswirtschaft ist die drittgrösste Südamerikas hinter Brasilien und Argentinien. Der Besucherstrom aus dem Ausland nimmt zu, die Menschen reisen wieder durchs Land. Kaum ein anderer Staat in Südamerika verbindet so grandios Naturspektakel mit Kulturschätzen. Es ist eine Perle der Tropen, durchzogen von drei steilen Kordilleren, umspült von zwei Weltmeeren, gespeist vom mächtigen Magdalenastrom.

Reisereportage Kolumbien: Fahrt durch den Mangrovenwald Ciénaga de Juan Polo in La Boquilla

Reisereportage Kolumbien: Fahrt durch den Mangrovenwald Ciénaga de Juan Polo in La Boquilla

Gelebte Solidarität im Schmelztiegel Bogotá

Nahezu jede Reise beginnt in Bogotá, dem Eingangstor für den Tourismus. Hier, auf 2600 Metern über Meer, explodiert eine urbane Stadtlandschaft. Fast neun Millionen Menschen suchen in der Hauptstadt ihr Auskommen. Bogotá ist keine liebliche Stadt. Es ist die Stadt von allen und von niemandem, ein Schmelztiegel der Ethnien, in dem die Infrastruktur nie dem Zuwachs entspricht. Wer neu dazukommt, siedelt sich am Rand an: Die Metropole ist mittlerweile auf 33 Kilometer Länge und 14 Kilometer Breite angewachsen. Vor allem die Bevölkerung vom Land erhofft sich hier ein besseres Leben.

Am Wochenende haben die Radler in Bogotá freie Fahrt. Kolibri im Vogelreservat El Dorado.

Am Wochenende haben die Radler in Bogotá freie Fahrt. Kolibri im Vogelreservat El Dorado.

Als europäischer Tourist überrascht nicht nur der aktuelle Mindestlohn von etwa 878'000 kolumbianischen Pesos (circa 215 Franken pro Monat), sondern eine besondere Art von Subvention: Alle grösseren Städte sind in sechs «Estratos» eingeteilt – eine Bewertung und Klassifizierung der Stadtviertel nach sozioökonomischen Faktoren. Der «Estrato 1» ist das ärmste, der «Estrato 6» das reichste und teuerste Stadtviertel. Entsprechend der Skala sind die Kosten für Wasser, Strom, Telefon höher oder niedriger. Nur in den beiden mittleren Estratos 3 und 4 sind die Preise real. Wer in einem reichen Stadtviertel lebt, zahlt somit für die Ärmeren mit. Ähnlich ist es bei den Grundsteuern.

Unabhängig von dieser Einteilung: Am Wochenende sitzt halb Kolumbien auf Rädern. Es gibt kein Land ausserhalb Europas, wo es derart viele Radfahrer gibt – in bunten Sportkleidern, mit Helm und Sonnenbrille geht’s in die Berge. In den Städten sind jeweils sonntags ganze Strassenzüge für den motorisierten Verkehr gesperrt. Die Radler haben, nicht nur in Bogotá, freie Fahrt.

Von Bogotá zum Parque Nacional Natural Chingaza ist es nicht weit. 80 Prozent des Wassers in der Hauptstadt kommt aus diesem Nationalpark, er ist eines von 59 Schutzgebieten im Land. Auf über 3000 Metern über Meer ist die Landschaft grün und fruchtbar, geeignet für Milchwirtschaft und Kartoffeln; selbst Erdbeeren und Gemüse wachsen in der Vulkanerde.

Ein Kolibri flattert durchs Vogelreservat El Dorado.

Ein Kolibri flattert durchs Vogelreservat El Dorado.

Nur wenige Touristen verirren sich in diese abgelegene Bergregion. Wer Pumas, Ozeloten, Brillenbär, Bergtapiren, Hirschen, dem Andenkondor oder den drei Kolibriarten begegnen will, muss fit sein: Der Park hat ein Höhenprofil von 800 Metern und reicht bis auf 4020 Meter über Meer. Im Süden Kolumbiens ist San Agustín in den Anden zu finden. Die Stadt lag lange isoliert im Guerillagebiet und profitiert erst seit fünf Jahren vom touristischen Aufschwung. Wer war das rätselhafte Volk, das hier seine riesigen Steinskulpturen hinterlassen hat? Diese zeigen breite Nasen und grosse, runde Augen. Dazu spitze Reisszähne, die über Ober- oder Unterlippe hinausragen. Sind das Raubkatzen- oder sind es Affengesichter?

Rätselhafte Skulptur der verschwundenen Steinmetze von San Agustín.

Rätselhafte Skulptur der verschwundenen Steinmetze von San Agustín.

Man weiss nicht viel über die Kultur der Steinmetze von San Agustín, die ganze Bergspitzen abgetragen und zu ebenen Flächen umgestaltet haben. Die frühesten Siedlungsspuren reichen bis ins dritte Jahrtausend vor Christus. Bis heute ist unklar, woher die Menschen kamen und warum sie um die Mitte des 14. Jahrhunderts ihre Siedlungen verliessen. Ihre Figuren aber gehören seit 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Tatacoa-Wüste im Tal des Río Magdalena

Ebenfalls im Süden des Landes liegt die fotogene, selbst Einheimischen kaum bekannte Tatacoa-Wüste mit ihren bizarren Felsformationen im Tal des Rio Magdalena. Im zweitgrössten Trockenreservat Kolumbiens ist es durchschnittlich über 28 Grad warm: 80 Prozent der Pflanzen haben hier Stacheln. Die Erosion hat in die terrakottabraunrote Landschaft bizarre, bis zu 20 Meter tiefe Canyons gefressen. Sie ist erst seit wenigen Jahren für Touristen erschlossen.

Fotografisches Bijou: Die Tatacoa-Wüste in der Nähe von Neiva.

Fotografisches Bijou: Die Tatacoa-Wüste in der Nähe von Neiva.

Grün ist die Landschaft im Norden. Die Bergkette Sierra Nevada hat die höchsten Gipfel des Landes. An ihren Ausläufern, nahe der Stadt Santa Marta, liegt der Vorzeige-Nationalpark Tayrona. Hier lebt auch ein Teil der Kogis, Nachfahren des Urvolkes der Tayrona. Rund 60 000 Indigene leben in einer freiwillig gewählten Isolation und weitgehend autark. Als «grosse Brüder» der Menschheit hütet das Volk ihrem Glauben nach die kosmischen Geheimnisse. Der Rest der Welt sind die «kleinen Brüder». Wer durch den Park wandert, muss das Dorf der Kogis umgehen. Heute verschaffen sich die Tayrona-Völker – inzwischen auch sattelfest im Internet – Gehör.

Als touristisches Muss in Kolumbien gilt die spanische Millionen-Hafenstadt Cartagena. Es ist, als sei hier ein Roman Gabriel García Márquez’ zum Leben erwacht: prachtvolle Häuser mit orangefarbenen, pinken oder azurblauen Fassaden und schattigen Innenhöfen. Frauen tragen Turbane und gelb-rot-blaue Röcken, den Nationalfarben Kolumbiens, und verkaufen auf palmengesäumten Plätzen Früchte. Weisse Kirchen vor Kopfsteinpflastergassen; glutrote Sonne, die im Meer versinkt.

Die von einer elf Kilometer langen Mauer umgebene Stadt war seinerzeit der wichtigste Sklavenhandelsplatz im spanischen Kolonialreich. Einen Besuch wert sind das Kloster La Popa am höchsten Punkt von Cartagena mit einem Blick über die Stadt, die Bucht von Cartagena sowie die strategisch gut gelegene Festung San Felipe de Barajas, die grösste Festungsanlage, die von den Spaniern in Südamerika zum Schutz vor Piraten gebaut wurde.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1