Medizin
Kommt nach Google-Maps bald Google-Doktor? Der Internetgigant macht den ersten Schritt in der Dermatologie

Google lanciert eine App, die Hautkrankheiten erkennt. Dermatologen begrüssen die neue Funktion.

Tomislav Bezmalinovic
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Gut- oder bösartig? Diese Frage soll mit künstlicher Intelligenz einfacher und schneller beantwortet werden.

Gut- oder bösartig? Diese Frage soll mit künstlicher Intelligenz einfacher und schneller beantwortet werden.

Bild: Getty Images

Google-Suche, Google-Karten, Google-Webbrowser: Geht es nach dem Internetkonzern, dann könnte als Nächstes Google-Doktor folgen. Das Unternehmen kündigte diese Woche die Gesundheits-App «Derm Assist» an, die Patienten und Ärzte unterstützt, Hautkrankheiten zu identifizieren. Nutzer laden drei Fotos ihrer Haut hoch, beantworten eine Reihe von Fragen zu Hauttyp und Symptomen und erhalten anschliessend eine Erstdiagnose einer künstlichen Intelligenz – samt geprüften Dermatologen-Infos, Antworten auf häufig gestellte Fragen und weiterführenden Weblinks.

Die Idee ist nicht neu: Smartphone-Apps mit ähnlicher Funktion wie Skinvision, Miiskin und Aysa gibt es bereits. Doch der Vorteil von Googles Anwendung ist, dass sie viele unterschiedliche Hautkrankheiten erkennen kann – 288 an der Zahl – und leicht zugänglich ist: Läuft alles nach Plan, wird die App bis Ende des Jahres europaweit in Googles Suchmaschine integriert. Eine Suchanfrage soll reichen, um die App aufzurufen.

Damit könnte Derm Assist zu einer Alltagsanwendung werden, die Millionen von Menschen erreicht. An der Nachfrage besteht kein Zweifel: Google verzeichnet jährlich knapp zehn Milliarden Suchanfragen, die sich auf Probleme mit dem grössten Organ des Menschen beziehen.

Das grosse Interesse am Thema ist mit ein Grund, weshalb Google sich auf Hautkrankheiten konzentriert. Das Unternehmen forscht seit Jahren an Früherkennung von Krankheiten, darunter verschiedenste Krebsarten, Augenleiden und Tuberkulose. Derm Assist ist Googles erster Vorstoss Richtung praxisnahe, öffentlich zugängliche Diagnostik mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Das zugrunde liegende KI-Modell wurde von der EU als medizinisches Produkt der geringsten Risikoklasse gekennzeichnet, in den USA ist die App hingegen noch nicht zugelassen.

Die App ist so gut wie menschliche Dermatologen

Der EU-Zertifizierung sind drei Jahre Forschung und Entwicklung vorausgegangen. In einer in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Medicine» veröffentlichten klinischen Studie diagnostizierte Googles künstliche Intelligenz 963 Fälle von Hautkrankheiten mit der gleichen Genauigkeit wie sechs US-Dermatologen. Das von Derm Assist genutzte KI-Modell ist fortgeschrittener und wurde mit Millionen von Beispielbildern verschiedenster Hauttypen und dermaler Anomalien trainiert.

Hohe Trefferquote hin oder her: ­Google macht klar, dass die App nur Orientierung bietet und nicht den Dermatologen ersetzt. Ob ein Muttermal eine gefährliche Veränderung durchläuft, kann man oft nicht mit blossem Auge erkennen. Professor Alexander Navarini, Chefarzt Dermatologie des Universitätsspitals Basel, sagt:

«Restsicherheit kann nur ein Hautarzt mit Hilfe einer sogenannten Auflichtmikroskopie oder Gewebeprobe bieten. Beides kann man nicht allein daheim durchführen.»

Der Experte fügt an: «Dennoch ergibt es Sinn, wenn auch Laien bei Hautveränderungen eine erste Idee bekommen, worum es sich handeln könnte.» Zudem motivierten solche Apps dazu, die Haut zu untersuchen, was die Früherkennung begünstige.

Probleme entstünden dann, wenn die KI eine falsche positive oder, gravierender, falsche negative Diagnose stellt. In beiden Fällen könnten psychologische Faktoren den Arztbesuch hinaus­zögern: Ein eher ängstlicher ­Patient könnte die schlimmste Diagnose befürchten und die medizinische Untersuchung hinausschieben, während ein optimistischer auf eine harmlose Diagnose hofft und deshalb keinen Anlass sieht, sofort den Dermatologen aufzusuchen. Die Gesellschaft müsse daher über Nutzen und Risiken solcher Apps informiert werden.

Bettina Schlagenhauff von der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie sieht die Vorteile in der KI-gestützten Diagnostik:

«Wir gehen davon aus, dass die Sicherheit der Diagnose um einige Prozent erhöht wird und dass Patienten Diagnosen auch selbst überprüfen und nachvollziehen können.»
Bettina SchlagenhauffDermatologin

Bettina Schlagenhauff
Dermatologin

Bild: zvg

Die Dermatologin erwartet, dass künstliche Intelligenz ein immer wichtiger werdendes Hilfsmittel der Patientenbetreuung in Praxen und Kliniken wird. Am Kerngeschäft des Dermatologen werde sich jedoch nichts ändern: «Die Diagnostik ist ein kleiner Teil der Arzt-Patient-Beziehung. Ist die Diagnose einmal gestellt, beginnt die Beratung und Therapie.»

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