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Luft und Liebe, Krug und Brot: Anstatt drei Flaschen Durchschnitts-Champagner einen der besten zu probieren?

Wie wäre es, anstatt drei Flaschen Durchschnitts-Champagner über die Festtage einen der besten zu probieren? Wer einmal einen Champagner aus dem Hause Krug getrunken hat, wird das kaum je vergessen.

Christian Berzins
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Wer sein erstes Glas Krug vergisst, hat auch seine erste Liebesnacht vergessen. Unser erstes Mal erlebten wir dank eines kleinen Empfangs am 4. Dezember 1999.

Muntere Opernfreunde scharten sich um eine reiche Witwe – und zur Begrüssung um 18 Uhr wurde jedem Gast ein Glas aussergewöhnlicher Champagner serviert. Einige rümpften darob die Nase, andere schauten sich die Flasche genauer an: «Krug, Grande Cuvée» hiess es da.

Die partielle Ablehnung kam damals nicht von ungefähr: Krug hat den Ruf, ein Wein für Experten zu sein. Das ist lächerlich – und nervt Olivier Krug, Patron in der sechsten Generation, noch mehr als die Frage, welche Champagner er sonst noch trinke.

Doch wie ist ein «Krug»? Mit «ungepflückten Äpfeln und Blumen in voller Blütenpracht», so die Krug-Marketingabteilung, mit den «reifen und getrockneten Früchten», die man uns auch vormachen will, können wir weniger anfangen, aber Mandeln, Marzipan, Pfefferkuchen, süsse Gewürze, Brioche, Honig, fruchtige Zitrusfrüchte und einen Hauch von Haselnuss wie Nougat entdecken wir durchaus darin, wenn man es uns vorher sagt . . .

Ein Schatzkästchen inmitten von Ambonnay

Herzstück der Krug-Dynastie ist ein herrschaftliches Anwesen in der Rue Coquebert im Zentrum der Stadt Reims. Doch der Ursprung des Champagner-Glücks liegt einige Kilometer ausserhalb der Stadt.

Gerade mal 0,68 Hektaren gross ist eine der berühmtesten Rebparzellen von Krug. Wie ein kleines Schatzkästchen liegt sie da, mitten im Dörfchen Ambonnay, von einem alten Mäuerchen umgeben. Der «Clos d’Ambonnay» wird aus den hier wachsenden Pinot-noir-Trauben hergestellt, ein sogenannter Mono-Cru-Champagner. 1995 gabs den ersten Jahrgang davon – gerade mal 4000 Flaschen. Immerhin rund 10 000 Flaschen produziert Krug alle paar Jahre vom Clos du Mesnil, der zweiten Einzellage – auch sie bloss 1,85 Hektaren gross, mitten in der Gemeinde Le Mesnil-sur-Oger gelegen.

Der Terroir-Champagner ist so exklusiv, dass sich Krug über den Preis lieber ausschweigt. Es geht der Familie nämlich nicht wie gewissen Cognac-Herstellern darum, ein mit Edelsteinen verziertes, absurd teures Produkt herzustellen. Der Ruf «teuerster Champagner» der Welt brauchen die Krugs nicht, auch wenn der Handelspreis des 1995er-Jahrgangs «Clos d’Ambonnay» bei etwa 3200 Euro liegt . . . und somit durchaus zu den teuersten Champagnern der Welt zählt.

Doch es geht auch einfacher – oder sagen wir billiger, denn im Prinzip ist der Grande Cuvée, die Standardflasche, ein genauso komplexes Produkt, kostet in Frankreich aber nur etwa 160 Franken. Krug-CEO Maggi Henriquez dazu: «Der Jahrgangs-Champagner ist ein Solist, der Grande Cuvée ein Sinfonieorchester.» Was mag man lieber?

Joseph Krug - ein Hedonist und Perfektionist

Die Geschichte dieses Grande Cuvée beginnt im Jahr 1843. Der aus Mainz eingewanderte Joseph Krug hatte sich zum Ziel gesetzt, einen herausragenden Champagner zu erschaffen. So erfand er den Grande Cuvée – sozusagen ein «normaler» Champagner, also ein Mix aus verschiedenen Jahrgängen, der aber einzigartig war und legendär wurde. Maggi Henriquez sagt es heute so: «Joseph war Hedonist und Perfektionist – er hatte eine Obsession: Er wollte jedes Jahr einen Champagner mit Jahrgangsqualität kreieren.» So mag sie denn auch nicht hören, dass der Grande Cuvée eben kein Jahrgangs-Champagner sei. Aber wer will schon von «Multi-Jahrgang» sprechen?

Wer nach Regeln der Herstellung fragt, erhält in Reims keine klaren Antworten – oder merkt: Statt Regeln gibts hier Philosophien. «Krug ist nicht traditionell, nicht modern, sondern visionär», so Henriquez.

In der Theorie kommen 120 verschiedene Weine in eine Flasche, sie stammen aus bis zu 30 Lagen, etwa die Hälfte sind Pinot-noir-Trauben, viel Chardonnay, dann noch Pinot-Meunier. Und eben: Ausgesucht wird durchaus mal aus zwölf Jahrgängen, darunter naturgemäss auch Top-Jahrgänge wie etwa 2012 – so wird sichergestellt, dass die Qualität der Grandes Cuvées hoch bleibt.

In den Kellern in Reims kann der Kellermeister zurzeit noch aus Weinen von 1998 Grandes Cuvées herstellen. Die anliefernden Winzer kommen regelmässig in die Keller, um «ihre» Weine zu degustieren – so wissen sie, was sie im Rebberg erarbeitet haben.

Mit der grossen Auswahl an möglichen «Zutaten» schafft man es, das Niveau permanent hoch zu halten – und vor allem: den Charakter zu bewahren – und der ist fern eines Einheitsbreies. Bei der Nachmittagsdegustation mit Hausherr Olivier Krug beweist dieser es uns gleich selbst. Zwei Grandes Cuvées stehen auf dem Tisch – und sie sind verschieden! Besser kann man nicht zeigen, wie weit weg man von einem Massenprodukt ist.

Seit 2010 trägt jede Flasche einen Code, daran ist ablesbar, woraus der Champagner besteht – mehr Transparenz geht nicht. Nach dem Grande Cuvée serviert uns der Hausherr 1998er und 2000er und kommentiert mit stolzer Süffisanz: «Mehr oder weniger sind die noch auf dem Markt.»

Ob er es war, der den alle Übertreibungen übertreffenden Satz in die Werbebroschüre schrieb? Da heisst es doch tatsächlich über den Clos du Mesnil aus der Chardonnay-Einzellage: «Der Clos erinnert an frisches, klares Wasser.» Nach der ersten Liebesnacht lebten wir von Luft und Liebe – in Reims wars «Wasser» und Brot.

Erhältlich bei: Mövenpick, Globus,
Baur au Lac Vins u. a. Ab 215 Franken.

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