Während seiner Karriere musste er viele Male die Karten mit den Löwenpopulationen korrigieren. Eine nach der anderen konnte er streichen. Doch nun darf der renommierte Löwenschützer Hans Bauer eine hinzufügen. Es sei das erste Mal, und bleibe wahrscheinlich das einzige Mal.

Der Niederländer beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schutz der Raubkatzen. Er lebt in Addis Abeba und ist Mitglied von Wildcru, einer Forschergruppe der University of Oxford.

Bauer bestätigt nun, dass es im Nordwesten Äthiopiens, im Nationalpark Alatash an der Grenze zum Sudan, eine bisher unbekannte Löwen-Population gibt.

In der Grenzregion könnten bis zu 200 Löwen leben.

Das ist auch laut Urs Breitenmoser, Berner Raubtierökologe, sehr erfreulich: «Allzu oft mache man die umgekehrte Erfahrung, nämlich, dass Löwen dort nicht mehr gefunden werden, wo sie eigentlich sein sollten.»

Man dachte, das Gebiet hätte im 20. Jahrhundert alle seine Löwen durch die Jagd und die Lebensraumzerstörung verloren. Doch Bauer wollte das nicht glauben.

Mit Fotofallen und eindeutigen Spuren konnten er und sein Team nun deren Existenz beweisen. Einheimische gaben an, dass in diesem Gebiet Löwen leben. Doch eine Bestätigung gab es bisher nicht.

Aber wie ist es möglich, dass die Tiere so lange unentdeckt blieben? «Diese Gegend befindet sich im Grenzgebiet, niemand hatte bisher grosses Interesse, dort zu forschen», sagt Löwenschützer Bauer auf Nachfrage der «Nordwestschweiz». «Das Gebiet ist abgelegen, schwer erreichbar und gilt als unsicher», präzisiert Breitenmoser.

Er merkt an: «Einige Kollegen fanden, dass Bauer ein zu hohes Risiko eingeht.» Die Tiere seien zudem bei geringer Dichte, im rauen Gelände oder Buschwald nicht leicht nachzuweisen.

Die Forscher glauben, dass es auch im angrenzenden Dinder National Park im Nachbarsland Sudan Löwen gibt. Das ist erfreulich. Dachte man doch, dass die Löwen im Sudan ausgestorben sind.

Die Entdeckung ist sehr bedeutend, weil der afrikanische Löwe als gefährdet gilt. Er ist auf der Roten Liste des IUCN (International Union for Conservation of Nature) unter den vom Aussterben bedrohten Arten.

Seit Jahrzehnten ist die Population rückläufig. Seit 1980 hat sie sich mehr als halbiert. 20000 Löwen gibt es noch in Afrikas Wildnis, in 20 Jahren gibt es laut Experten des IUCN vielleicht noch die Hälfte.

Nun gehe es darum, den Lebensraum dieser Löwen zu schützen. Zum Glück ist die Regierung Äthiopiens auch bemüht. Schliesslich, so die Forscher, habe sie das Gebiet kürzlich als Nationalpark ausgewiesen.

Und was ist, wenn Wilderer nun auf die Tiere aufmerksam werden? «Natürlich könnten es Wilderer auf die Löwen absehen. Aber diese Bedrohung reduzieren wir nur, wenn wir die Tiere ins internationale Rampenlicht rücken», erklärt Bauer. Beim Thema Wilderer dürfte die Unzugänglichkeit des Gebiets wiederum ein Vorteil sein.