Familie

Lockdown mit hyperaktiven Kindern: Wie hält man das bloss aus?

Dank Regeln meistert Familie Conte mit ihren drei Töchtern die Situation zu Hause.

Dank Regeln meistert Familie Conte mit ihren drei Töchtern die Situation zu Hause.

Familien mit besonders emotionalen Kindern sollten es in Zeiten des Coronavirus erst recht schwer haben. Ob das so ist, erzählen zwei Mütter.

Die Tür knallt zu, aus dem Zimmer ertönt der laute Schrei eines Buben. Er ist wütend auf seine Mutter. Mal wieder. Das passierte schon vor Corona öfters. Seitdem nun alle zuhause bleiben müssen aber noch häufiger. Der Lockdown zwingt Familien, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Mit verhaltensauffälligen Kindern fällt das besonders schwer. Wütende Kinder, die mit Worten und Spielzeug um sich werfen. Kinder, die heulen und trotzig sind. «Dadurch, dass sie nicht zur Schule gehen, fehlt ihnen der Alltag. Sie sind jetzt einer ganz neuen Situation ausgesetzt, das kann zu hochkochenden Emotionen führen», sagt Familientherapeutin Sara Michalik.

Die oben geschilderte Situation ist bei Familie Imfeld mit ihrem neunjährigen Sohn und dessen fünfjährigen Schwester alltäglich, wie die Mutter Carmen Imfeld sagt. Der Neunjährige gibt immer Widerrede, stampft auf und schreit. «Er wirkt schnell genervt, wird lauter und knallt Türen zu», sagt die Bernerin. Seine Aggressionen richten sich hauptsächlich gegen sie. «Es ist ein ständiges Verhandeln und das ist sehr anstrengend.» Vor allem das Homeschooling mache der Familie zu schaffen. Anfangs habe es keinen strukturierten Plan seitens der Schulen gegeben, was das Zusammenleben erschwerte.

«Er wollte nicht auf mich hören und hat sich zurückgezogen. Er war müde, wirkte schon fast depressiv», sagt die Mutter. Das sei an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. Gerade die Anfangszeit der Isolation sei für sie sehr schwierig gewesen. «Ich war oft sauer und bin an meine Grenzen gestossen.» Nach den Ferien sei es zwar besser geworden, doch auf die Frage, ob die Isolationszeit das Verhältnis zwischen ihnen verbessert hat, antwortet Imfeld mit einem klaren Nein. «Die Schwierigkeit im Lockdown ist, dass man immer aufeinandersitzt. Anfangs dachte ich, dass es uns guttun wird, aber da habe ich mich getäuscht.»

Eine Aussage, die auch der Leitende Psychologe des Kinderspitals Zürich, Markus Landolt unterstreicht: «Für die Eltern ist die Isolation anstrengender. Sie sind den ganzen Tag eingespannt. Müssen zwischen Hausarbeit, Homeoffice und Homeschooling hin und her wechseln.» Ob ein Kind in solchen Situationen aggressiv wird, kann verschiedene Gründe haben: «Entweder ist das Kind angeborenerweise hyperaktiv und impulsiv, es ist psychisch belastet oder es kämpft um Aufmerksamkeit. Manchmal besteht auch eine ausgeprägte Geschwisterrivalität.»

Die Zimmerstunde soll die Mutter entlasten

Dabei mache es keinen Unterschied, ob es sich bei den aggressiven Kindern um Jungs oder Mädchen handele. «Zwar kommt die angeborene Hyperaktivität und Impulsivität bei Jungs häufiger vor. Mädchen können sich jedoch genauso aggressiv verhalten», sagt Landolt.

Auch bei Familie Conte wird es immer mal wieder laut. Ihre drei Mädchen im Alter von zwei, vier und sechs könnten unterschiedlicher nicht sein, wie die Mutter Alexandra Conte erzählt. «Die Älteste ist sehr sensibel und scheu. Die anderen zwei sind hingegen sehr laut und frech. Deshalb gibt es bei uns oft Streit, weil die Jüngeren gerne die Älteste necken und sie dann immer wieder zum Weinen bringen.»

Im Normalfall würden es die drei ohne Aufsicht höchstens eine Viertelstunde lang im selben Raum miteinander aushalten. «Es endet immer im Streit und es kann auch schon mal grob werden», sagt Conte. Einen grossen Unterschied im aggressiven Verhalten der mittleren Tochter merkt die dreifache Mutter nicht. Aber die gemeinsame Spielzeit der Kinder ist nun länger als sonst.

Ausserdem habe Conte eine Regel eingebracht, die vor allem sie entlasten soll: «Nach dem Mittag gibt es eine Ruhepause. Ich nenne das die Zimmerstunde. Während die Kleinste schläft, müssen sich die grösseren Mädchen selbst beschäftigen. Und es ist wie ein Wunder: Es funktioniert tatsächlich – plötzlich können sie eine ganze Stunde gemeinsam verbringen.» Conte sei überrascht über die Wendung, die mit der Isolation aufgetreten ist. Der Streit und die Raufereien seien immer noch Alltag, aber das Beisammensein sei trotzdem leichter geworden.

Gerade die verlängerten Spielzeiten der Kinder seien hier wichtig, unterstreicht Familientherapeutin Sara Michalik. Eine grosse Rolle spiele hierbei das Ausfallen des Unterrichts: «Sie haben jetzt weniger Verpflichtungen und darum auch mehr Zeit zum Spielen oder um Dinge zu tun, die sie gerne machen.»

Alle Familien sind sich einig, dass es sich im Laufe der Wochen eingependelt hat. Bei manchen hat sich die Situation sogar gebessert. Dass Strukturen wichtig sind, haben alle gelernt. Und genau das sollen die Familien auch nach der Isolationszeit beibehalten, rät Michalik: «Der Lockdown hat gezeigt, dass man die Zeit bewusst miteinander verbringen kann und mehr auf die Interaktion achten sollte – das verringert den generellen Druck.»

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