Übergewicht
Linie halten!

Fett und faul oder doch lieber fit und froh? Dicke haben in der heutigen Gesellschaft nichts zu lachen. Oder doch? Zumindest ist der BMI ein zuverlässigerer Sündenindikator als der Beichtstuhl – die Schwelle, die man nicht übertreten darf.

Christoph Bopp
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Dicke haben Mühe, sich zu konzentrieren. Dicke können keine Linie im Auge behalten. Für Dicke ist Volleyball viel zu schnell. Dicke kriegen das Fähnchen nicht schnell genug hoch – die Geschichte des Volleyball-Linienrichters Dominik Gremaud, der bei EM in der Schweiz aussortiert wurde, weil er bei einer Grösse von 1,96 Meter rund 140 Kilogramm wiegt, bewegt die Gemüter. Die meisten, die reagiert haben, zeigten sich empört.

Allerdings ist nicht wegzuleugnen, dass Übergewichtige in der heutigen Gesellschaft nichts zu lachen haben. Warum dann die Empörung?

Sie zeigt, dass ein gewisses Mass an Heuchelei im Spiel ist.

Offenbar ging es den Volleyballverantwortlichen in erster Linie darum, das Image ihres Sports zu polieren. Volleyball ist dynamisch. Volleyball ist athletisch. Volleyball ist ästhetisch. Und wenn Dicke (pardon, l’expression) am Spielfeldrand stehen, leidet das Image. Irgendwie unästhetisch.

Die Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters. Das weiss man.

Aber dieses Auge ist nicht ganz unvoreingenommen. Das lehrt uns Peter Paul Rubens (1577–1640). Dieser holländische Künstler malte mit Vorliebe wohlgeformte Damen.

Wobei es da auch durchaus etwas zu formen geben musste. Kein Zweifel, er hatte weder Kritisches noch Abschätziges im Sinn.

Diese wohlgeformten Damen waren schön – nicht erst, nachdem sie PP Rubens auf die Leinwand gebracht hatte, sondern auch schon vorher. PP Rubens sah es anders als wir heute.

Die Herren vom Volleyballverband machten medizinische Gründe vorstellig. International gelte: Bauchumfang nicht mehr als 102 Zentimeter, Body-Mass-Index (BMI) nicht höher als 30 (Gewicht dividiert durch Körpergrösse in Metern im Quadrat). Ein BMI über 30 bedeutet «Adiposität». Das ist schlimmer als Übergewicht. Das ist richtig krank.

Kein Zweifel: Unsere Ernährungsvoraussetzungen sind anders als früher. Auch besser? Wir können uns Kalorien zuführen in einem Ausmass, das weit über den vernünftigen Bedürfnissen unseres Körpers liegt. Dazu sind wir weit weniger mobil als unsere Vorfahren. Wenigstens was das Bewegen des Körpers aus eigener Körperkraft betrifft.

Und das hinterlässt bei den meisten Spuren. Denn die Natur hat uns nicht dafür eingerichtet.

Spätestens seit wir das Jagen zugunsten des Pflanzens – oder wie einige Paläoanthropologen meinen: des Pflanzenlassens, denn der Garten ist seit Eden die Domäne der Hausfrau – aufgegeben haben, bedroht uns der Speck.

Das Ausmass der Bedrohung innerhalb der Gesellschaft schwankt in der Geschichte. Manchmal haben nur die Gutbetuchten genug zu essen. Das waren damals die Damen und deren «Ernährer», die PPR porträtierte.

Aber jetzt, wo in den westlichen Gesellschaften der Grabstock durch den Joystick abgelöst wurde, ist das Problem flächendeckend. Oder besser: – ja wie könnte man das dreidimensional bezeichnen?

Wir hocken nur noch stumpf vor der Glotze und stopfen allerhand Ungesundes in uns hinein. Auf jeden Fall sind unsere Kleinen bereits in einem Mass übergewichtig, das statistisch relevant ist. Man liest zwar, der Trend habe sich abgeschwächt. Aber grundsätzlich sind wir zu dick.

Es wäre deshalb falsch, die gegenwärtige kritische Einstellung zu Schokolade, Coca-Cola und fetten Hamburgern grundsätzlich zu verdammen.

Auch wenn der Schlankheits- und Fitnesswahn manchmal ebenso krankhafte Züge annimmt wie die Fresssucht. Für «normal» gelten heute Massstäbe, die man wahrscheinlich auch in der Natur nicht oft findet. Nicht einmal bei den emsigsten Jägern.

Die erwähnten Kulturpaläoanthropologen (Leute, die wissen, wie es sich früher angefühlt hat, auch wenn wir das nicht wissen können) behaupten zwar, so schön wie das Jägerleben damals sei es heute nicht mehr.

Könne es gar nicht mehr sein. Denn die Regelmässigkeit des Pflanzerlebens weckt Bedürfnisse. Und schafft vor allem die Pflicht, sich um die Zukunft zu sorgen. Der an sich sorglose Jäger konnte sich mehr oder weniger darauf verlassen, dass ihm irgendwann wieder mal ein Wild vor den Pfeilbogen hoppelt.

Aber wer ernten will, muss säen. Und wer säen will, muss Saatgut aufsparen – und sich Sorgen machen, dass es auch wirklich klappt mit dem Wachsen und Gedeihen.

Mehr Sport, mehr Bewegung, weniger Kalorien – so falsch ist das nicht. Aber gleichzeitig auch etwas paranoid. Unsere Körper quälen wir und verordnen ihnen Askese. Unsere Autos können aber nicht genug PS haben.

Unsere Mobilität kann nicht gross genug sein. Der attraktive Bike-Trail liegt ja nicht gerade vor der Haustüre. Und in die Strandferien müssen wir auch mindestens ein- bis zweimal im Jahr.

Irgendwie müssen die schönen Körper ja auch gezeigt werden. Wir ernähren uns bewusst. Da kommt nichts Falsches auf den Tisch. Woher auch immer es kommt. Wir arbeiten in klimatisierten Büros. Auch in den Zügen möchten wir nicht schwitzen. Dafür gibt es das Fitness-Studio.

Denn es gilt: Wer dick ist, ist selber schuld. Er hats nicht geschafft. Er hat keine Disziplin, keine Selbstbeherrschung, zu wenig Charakter.

Er will nicht – oder noch schlimmer: Er kann sich nicht beherrschen. Fett und faul – das beginnt mit «f» und gehört zusammen. Fit und froh sollen wir sein. Juhui!

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