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Essentialismus: Zurück zum Wesentlichen

Zuerst der Minimalismus, jetzt der Essentialismus: Wenn wir uns auf das Weniger fokussieren, leben wir zufriedener.

Anna Miller
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Weniger, dafür fokussierter: Das Prinzip des Essentialismus.

Weniger, dafür fokussierter: Das Prinzip des Essentialismus.

Bild: Getty

Ich erinnere mich noch genau an die erste Corona-Welle. März 2020, plötzlich war alles so still. Die Welt war stehen geblieben, Wir konnten uns besinnen. Aufs Wesentliche. Aufs Essenzielle.

Was ist davon geblieben, fast anderthalb Jahre später? Jetzt, wo fast alles wieder so schnell dreht wie vor der Krise?

Mir ist ein Buch geblieben, und eine Idee, die sich in meinen Kopf gesetzt hat. Das Buch heisst «Essentialism», es ist geschrieben von Greg McKeown. Es geht darin um diese Idee, dass wir am Ende doch glücklicher sein könnten, wenn wir weniger besitzen. Uns weniger verzetteln. Energie investieren, wo sie wirklich hingehört. Und auf alles andere gut und gerne verzichten. Reduzieren auf das Wesentliche. Oder, wie Oma sagen würde: Die Spreu vom Weizen trennen.

Minimalismus, sozusagen die kleine Schwester des Essentialismus, kennen viele. Das Wort geistert seit Jahren durch die Sozialen Medien, wird gefeiert als ein Tisch, zwei Stühle und eine weisse Wand. Es gibt Reportagen von Leuten, die nur noch 100 Dinge ihr Eigen nennen. Von digitalen Nomaden, ohne feste Bleibe, alles in einer Tasche, von Menschen, die dem Konsum entsagen.

Auch ich habe mich minimalistisch versucht. Soweit, wie das geht, in meinem Alltag, in der Schweiz. Habe Dinge weggegeben, nicht mehr viel Neues gekauft. Doch während mein Kleiderschrank immer leerer wurde, blieb das Gedränge in meinem Kopf.

Psychologen sagen schon lange: Weniger ist mehr

Denn was nützt die materielle Diät, wenn die Gedanken weiter rasen? Die vielen Kontakte weiterhin im Posteingang lauern? Was nützt es, weniger zu kaufen, wenn ich nach wie vor nicht weiss, was ich zuerst angehen soll, ein Buch, die Karriere im Digitalen, noch einen Text schreiben, noch ein Projekt?

Dabei sagen Psychologinnen sowieso schon lange: Der Mensch ist für endlose Möglichkeiten nicht geschaffen. Die endlose Auswahl macht uns lethargisch, unentschieden und unglücklich. Weil wir den Kopf verlieren. Nicht mehr wissen, was uns wichtig ist. Und wir unsere Entscheidungen nicht mehr so feiern, wie wir könnten, weil das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer so viel saftiger aussieht.

Priorisieren wir nicht, tun es stattdessen Andere für uns

Der Essentialismus nach Greg McKeown hat zum Ziel, den Fokus auf das für uns wirklich Wichtige zu legen. Vor allem im Beruf, aber auch im Privaten. McKeown ist davon überzeugt, dass wir wissen müssen, was wir in unserem Leben priorisieren wollen. Weil sonst die anderen das für uns tun. Zuerst müssen wir uns also darüber im Klaren werden, wie wir unser Leben leben wollen .

Greg McKeown spricht über den Essentialismus.

Youtube

Und darin liegt die Krux: Wer das nicht herausfindet, der verzettelt sich. Wer es weiss, der weiss hingegen, dass nur Weniges im Leben wirklich wichtig ist. Und dass wir unsere gesamte Energie auf dieses Wenige konzentrieren müssen, um wirklich zufrieden zu sein. Statt an einem Abend also mehrere Treffen nacheinander, dafür gestresst «abzuarbeiten», fragen Sie sich: Nach welchen Werten pflege ich Kontakte? Wie viel sozialer Kontakt tut mir gut? Gibt es etwas, das ich lieber tun würde, wofür mir aber die Zeit fehlt, wenn ich jetzt Ja sage, nur, um jemanden nicht vor den Kopf zu stossen?

Einer, der sich vor rund sechs Jahren zum Essentialismus bekannt hat, ist der Schweizer Marc. Er betreibt einen Blog und legt sein Innerstes offen, unter anderem auch, was er verdient, deshalb möchte er seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Marc ist etwas über dreissig Jahre alt, und sagt: Geändert hat sich sein Leben 2015. Er war mit seiner Frau in den Ferien, ein vermeintlich wichtiger Anruf kam, er erhielt die Chance, den CEO persönlich zu treffen. Er hätte dafür seine Ferien abbrechen müssen. Fast hätte er es getan.

«Ich sass dort und war kurz davor, für dieses Treffen meine Frau sitzen zu lassen. Doch plötzlich dachte ich: Was machst du hier eigentlich? Wo sind deine Prioritäten? Nach welchen Werten willst du leben? Mir wurde klar, wie viel ich für mein Ego getan hatte. Immer effizient, immer leistungsorientiert. Ich habe endlos Pendenzen abgearbeitet. Aber nicht danach gelebt, was mir wirklich etwas bedeutet.»

Nach der Absage bei der Arbeit hat Marc sich mit verschiedenen Konzepten auseinandergesetzt - und ist beim Essentialismus geblieben. «Für mich ist diese Art von Leben Selbstbestimmung. Ich musste mich damit auseinandersetzen, was ich wirklich will. Und alles andere vergessen.» Was auch hart war. «Dieser Wandel, der kommt nicht über Nacht. Es braucht viel Disziplin, Nein zu sagen. Ich hatte Angst, meine Freunde vor den Kopf zu stossen. Nicht mehr erfolgreich zu sein. All diese Dinge. Doch es hat sich gelohnt.»

Das Konzept kann radikal sein – und sollte nicht zerdacht werden

Natürlich, das sagt auch Marc, sei dieses Konzept radikal. Auch er falle immer wieder in alte Gewohnheiten zurück. Sage Ja zu Dingen, die er nicht wirklich wolle. Verschwende Zeit. «Die freie Zeit in der Agenda sollte auch nicht immer dazu verwendet werden, die Dinge zu sehr zu überdenken», sagt er. «Doch das Konzept hilft mir, leichter wieder zurück in meine Routinen und meine Prioritäten zu finden», sagt er. Und das alleine sei die Sache wert.

Das Wichtigste für ihn seien die Routinen und Rituale des täglichen Lebens. «Für mich begann alles damit, dass ich genug schlief. Und regelmässiger. Und dann habe ich damit begonnen, morgens zu lesen», sagt Marc. Das habe ihm das Selbstvertrauen gegeben, auch die grösseren Veränderungen anzugehen. Die Selbstständigkeit. Mehr Zeit für seine Familie.

Es sind die kleinen Dinge, die die grösste Veränderung bewirken. Eine halbe Stunde meditieren statt wieder Mails checken. Nein sagen zur Einladung, von der wir spüren, dass wir sie nicht annehmen wollen. Einem nahen Menschen zuhören, obwohl wir aus dem Haus wollten. Das Wesentliche, eben.

Buchtipp: Greg McKeown: Essentialismus. Die konsequente Suche nach Weniger.

So werden auch Sie zum Essentialisten

  1.  Evaluieren Sie Ihr aktuelles Leben. Wo fühlen Sie sich fremdbestimmt? Was ist Ihnen wirklich wichtig?
  2. Beginnen Sie damit, Nein zu sagen. Ist es nicht ein Tausendprozentiges JA, ist es erstmal ein klares Nein. So üben Sie, immer stärker auf Ihren Bauch zu hören und lernen, sich abzugrenzen.
  3. Denken Sie immer daran: Ein Nein zu etwas ist immer auch ein Ja zu dem, was Ihnen wichtig ist. Ein Ja für mehr Zeit, mehr Energie, mehr Leidenschaft.
  4. Etablieren Sie eine Routine. Das kann eine ungestörte Stunde am Tag für Sport, Schreiben oder etwas Kreatives sein. Oder das Frühstück mit der Familie.
  5. Gewöhnen Sie sich daran, mit weniger zufrieden zu sein. Denn das Wenige ist dafür umso kostbarer. Und Sie haben mehr Raum für Spontanes.

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