Ökonomie 3.0

Zurück zum digitalen Stamm, wo gelebt und getauscht wird

Die frühere Stammesorganisation müssen wir in unser digitales Zeitalter übertragen, so die These.

Die frühere Stammesorganisation müssen wir in unser digitales Zeitalter übertragen, so die These.

Wenn wir noch eine Zukunft haben wollen, liegt sie in der Vergangenheit, sagen Philipp Löpfe und Oliver Fiechter in ihrem Buch.

Der Blick aufs grosse Ganze zeigt Ratlosigkeit. «Immer weiter so» und «Noch mehr vom Gleichen» – die Empfehlungen sind längst bekannt. Vom Wachstumszwang getrieben, haben wir vielleicht das Tempo gesteigert, aber die Übersicht weitgehend verloren. Im Geist herrscht Blockade. Man ahnt, viele wissen, dass sie so nicht weitermachen dürfen. Umweltprobleme und Wirtschaftskrisen – wie wir mit ihnen umgehen, verstärkt den Eindruck, dass lediglich auf Zeit gespielt wird. Erste Priorität hat, dass es einfach weitergeht.

Dass etwas mit dem Kapitalismus nicht mehr stimmt, wird mittlerweile von vielen geteilt. Was es genau ist, darüber wird noch gestritten. Ob sich lediglich wieder eine der «langen Wellen» bricht, die der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew in den 1920er-Jahren entdeckt hat, oder ob etwas grundlegend anderes vor der Tür steht. Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach von der «schöpferischen Zerstörung», die dem Kapitalismus innewohne. Vielleicht läuft sie diesmal ohne «Neuschöpfung» als Zerstörung pur ab.

Jeder schaut für den anderen

Diesem Pessimismus setzen Oliver Fiechter und Philipp Löpfe Vertrauen in anthropologische Konstanten entgegen. «Wir besassen es doch einmal», könnte man sagen, das Wissen und die Praxis, wie man einigermassen konfliktfrei und umweltverträglich existieren kann. Ethnologen berichten von Stammesorganisationen, die destruktive Triebe und Energien sozial gebändigt hatten. Die Ursprungsgesellschaft, wo ausgleichend getauscht wird und jeder schaut, dass es dem anderen auch gut geht. Wo der Häuptling der Vater ist – fast eine christlich-religiöse Anmutung.

Wir müssen jetzt, sagen Fiechter und Löpfe, diese Stammesorganisation in unser digitales Zeitalter übertragen. Es ist nicht fair, die These ihres Buches so krude hinzustellen. Ihr Buch ist differenziert, eine äusserst lesenswerte Kompilation von Gelehrsamkeit, von aktuellem und traditionellem Denken. Und es ist auch nicht utopistisch-naiv.

Aber – so der Einwand – ist das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte gerechtfertigt? Bis jetzt ist es kaum je gelungen, «Fortschritt» anders als technologisch oder kommerziell zu denken. Die Technik hat den Menschen aus allen natürlichen Banden befreit – und irgendwohin geführt, wo er noch nie war. Und wenn vom Tausch die Rede ist, kommt der Verdacht auf, dass man den Unterschied zum «Kauf» nicht checkt. Der – und mit ihm das Phänomen «Geld/Schuld» – ist die entscheidende Sache, die man verstehen muss.

Oliver Fiechter, Philipp Löpfe Aufstieg der digitalen Stammesgesellschaft. Die neue, grosse Transformation. nzz libro Zürich, 2016. 240 S.

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