Wenn Schulkinder der Pultnachbarin aufs Blatt schielen, geht es nicht immer darum, ein Resultat zu erschummeln. Auch schwatzen tun sie manchmal aus schierer Not: Sie können plötzlich nicht mehr lesen, was auf der Tafel steht, kein Augenkneifen nützt, die Freundin muss einflüstern. Meist dauert es ein Weilchen, bis sie der Lehrerin oder den Eltern erzählen, dass die Buchstaben plötzlich Schleier tragen.

Diese Kinder gehören zur wachsenden Gruppe von Kurzsichtigen. In den letzten Jahrzehnten hat die Sehschwäche weltweit stark zugenommen. Aus Asien wird berichtet, dass in einzelnen Regionen nur noch fünf von hundert Kindern gute Augen haben. Auch in Europa, so hört und liest man in seriösen Medien, sind mindestens 50 Prozent der Kinder betroffen. So genau weiss das allerdings niemand und auch in der Schweiz gibt es keine verlässlichen Zahlen – weil keine erhoben werden.

Professor Mathias Abegg, leitender Augenarzt an der Augenklinik des Inselspitals Bern, schätzt, dass heutzutage 30 Prozent der Kinder am Ende der Schulzeit eine Brille oder Kontaktlinsen brauchen, weil sie nicht mehr an die Wandtafel sehen. «Laut Prognosen werden es 2030 bereits 40 Prozent sein», sagt Abegg. Vor rund 50 Jahren waren es gerade mal 10 bis 20 Prozent.

Moderne Höhlenbewohner

Die Myopie, so der Fachbegriff, entwickelt sich typischerweise in der Kindheit und Jugend, denn nur in dieser Lebensphase wächst auch der Augapfel; bei manchen Kindern wird er überlang – je länger, desto verschwommener die Sicht. Bis vor wenigen Jahren glaubte man, Kurzsichtigkeit sei vererbt. «Tatsächlich tragen Kinder, deren Eltern schlecht sehen, überdurchschnittlich oft ebenfalls eine Sehhilfe», so Abegg. Die erstaunliche Zunahme der Kurzsichtigkeit in den vergangenen Jahren ist jedoch allein genetisch nicht mehr zu erklären. Deshalb wird das Phänomen vor allem in Asien und Australien intensiv erforscht, etwas weniger auch in Europa und in den USA. Mittlerweile sind sich die Forscher einig, dass hauptsächlich Umweltfaktoren ausschlaggebend sind. Genauer: Die Augen der Kinder sehen zu selten Tageslicht. Modernes Höhlenbewohnertum lässt die Sicht verkümmern.

Kunstlicht oder das Tageslicht in Innenräumen genügen für die Aufrechterhaltung unserer vollen Sehkraft offenbar nicht. Kein Wunder: Scheint die Sonne, herrscht draussen sogar im Schatten eine Lichtstärke um 10 000 Lux – in den Häusern und Schulzimmern sind es gerade mal düstere 500 Lux. «Fehlendes helles Licht ist nach heutigem Wissensstand Hauptverursacher der Kurzsichtigkeit», sagt Abegg. Auch lange Nahsicht wie beim Lesen, Schreiben oder heute häufiger: Gamen und ins Handy Schauen fördern die Kurzsichtigkeit. Deshalb rät Abegg den Kindern: «Wenn ihr viel am Handy seid, dann nehmt es mit nach draussen.»

Noch besser ist allerdings, im Freien ganz oldschool-mässig zu spielen, klettern, schaukeln, balancieren oder Sport zu treiben – und das während der ganzen Kindheit und Jugend. Denn dabei trainieren die Augen spielerisch, auf unterschiedliche Distanzen scharf zu sehen – Akkommodation nennt sich das.

Dass das hilft, zeigen Zahlen aus Taiwan. Auch dort hat die Kurzsichtigkeit bis 2010 jedes Jahr zugenommen. Bis Aktivitäten im Freien ins Sehpräventionsprogramm aufgenommen wurden. Dieses verpflichtet die Schülerinnen und Schüler, sich während ihrer Pausen täglich mindestens 80 Minuten lang draussen zu bewegen. Seither ist der Trend rückläufig: Jedes Jahr nimmt die Zunahme der Kurzsichtigkeit um 10 Prozent ab.

Dabei ist Kurzsichtigkeit weniger harmlos, als man meinen könnte. Zwar ist die Myopie keine Krankheit, sie erhöht jedoch das Risiko für spätere Augenerkrankungen deutlich. Grüner und grauer Star, Degeneration oder Ablösung der Netzhaut treten deutlich häufiger auf, je hochgradiger die Kurzsichtigkeit ist. Meist ist es nämlich mit der ersten Brille nicht getan: Bald braucht das Kind neue, stärkere, dickere – teurere Gläser. «Die Kurzsichtigkeit nimmt oft bis zum Ende der Pubertät und darüber hinaus jedes Jahr ein bisschen mehr zu», so Abegg.

Die Myopiekontrolle, also der Versuch, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen, ist in Fernost wegen der hohen Fallzahlen schon länger von grösstem Interesse. Zwei Massnahmen werden seit mehreren Jahren erprobt: Atropin-Tropfen und spezielle Kontaktlinsen, sogenannte Ortho-K-Linsen.

Atropin-Augentropfen

Atropin ist ein Medikament, das auf das vegetative Nervensystem wirkt. Augenärzte verwenden es seit vielen Jahren, um die Pupillen zu erweitern und die Akkommodation zu lähmen. Atropin kommt in der Tollkirsche, Belladonna, vor; ihr verdankt es seinen Namen. Chinesische Augenärzte haben festgestellt, dass die tägliche Gabe von Atropin das Längenwachstum des Augapfels hemmt. Zu Beginn benutzten sie einprozentiges Atropin, dieses verursachte jedoch in manchen Fällen Sehstörungen. Mittlerweile wird das Medikament in hundertfach abgeschwächter Konzentration gegeben. «Die Wirkung ist sehr ähnlich, die Nebenwirkungen bleiben jedoch fast vollständig aus und der Therapieeffekt bleibt auch nach Absetzen der Tropfen erhalten», sagt Abegg.

Konkret: 0,01-prozentiges Atropin bremst die Zunahme der Kurzsichtigkeit um 50 bis 60 Prozent. «Die Evidenz dieser Augentropfen ist so überwältigend, dass wir sie an der Augenklinik des Inselspitals Bern seit bald vier Jahren verschreiben. Viele Augenärzte in der Schweiz machen das auch.» Wie lange die Therapie durchgeführt werden muss und wie schnell die Augentropfen abgesetzt werden können, muss sich allerdings noch zeigen.

An anderen Schweizer Kinderaugenkliniken ist man aus verschiedenen Gründen vorsichtiger mit dem Einsatz von Atropin: Zum einen sind die Tropfen für diesen Gebrauch in Europa noch nicht zugelassen; sogenannter Off-Label-Use ist allerdings in der Medizin nicht unüblich. Zudem mussten in asiatischen Studien laut Philipp Bänninger, Leitender Arzt an der Augenklinik in Luzern, 15 Prozent der Kinder die Behandlung wegen vermehrter Lichtempfindlichkeit oder verschwommenen Sehens abbrechen. «Unserer Meinung nach braucht es für die Empfehlung der Therapie für alle kurzsichtigen Kinder weitere Studien und eine bessere Datenlage», so Bänninger.

Risiken und Erfahrungen

Noch zurückhaltender äussert sich der Luzerner Augenarzt gegenüber Ortho-K-Linsen, auch Nachtlinsen genannt. Ortho-K-Linsen verändern die Hornhautform, da sie speziell geformt sind. Sie werden während des Schlafens getragen. Am folgenden Tag sieht man ganz ohne Sehhilfe gut; wie lange der Effekt anhält, ist individuell. Zwar zeigen asiatische Studien, dass sie die Zunahme der Kurzsichtigkeit um 40 Prozent verlangsamen können: «Diese asiatischen Studien zeigen wesentliche Mängel und können nicht einfach auf Kinder in Europa übertragen werden. Ausserdem ist das Risikoprofil der Nachtlinsen zu hoch», sagt Bänninger. Abegg von der Augenklinik in Bern relativiert, Nachtlinsen seien bei manchen Augenärzten immer noch ein rotes Tuch. Der Grund: Als Ortho-K-Linsen vor rund 20 Jahren in China auf den Markt kamen, wurde nicht genügend Augenmerk auf Anpassung, Kontrollen und Hygieneanleitung gelegt. Viele Träger reagierten mit Komplikationen wie Hornhautinfektionen, manche mit bleibenden Schädigungen der Hornhaut.

«Daraus hat man gelernt und das Risiko für Komplikationen ist bei Nachtlinsen heute kaum mehr grösser als bei Tageslinsen, wenn die Linsen bei den richtigen Patienten fachkundig angepasst werden», sagt Abegg. «Im Gegensatz zu den Atropintropfen wurde bei den Ortho-K-Linsen aber nie seriös untersucht, was nach Aufhören der Therapie passiert.»

Optiker bieten zur Myopiekontrolle neu Multifokallinsen an, die tagsüber getragen werden. Laut Abegg sind sie «keine ernsthafte Option». Anders sieht das Martin Lörtscher, Optometrist und Fachhochschuldozent für Optometrie in Olten: «Die neuen Multifokallinsen sind spezifisch für Kinder und Jugendliche entwickelt und haben ebenfalls eine Bremswirkung von 40 bis 50 Prozent.» Ihr Vorteil gegenüber Nachtlinsen: Sie kosten deutlich weniger.