Bewegung

Zu jung, um zu schweigen – wie Jugendliche die Politik aufmischen

Gegen den Klimawandel: Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament in Stockholm am 30. November.Hanna Franzen/TT via REUTERS

Gegen den Klimawandel: Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament in Stockholm am 30. November.Hanna Franzen/TT via REUTERS

Eine 15-jährige Schwedin wird zur weltweit bekannten Klimakämpferin. Das sagt nicht unbedingt etwas über die heutige Jugend aus. Aber darüber, wie weit Erwachsene denken.

Zwei Zöpfe, 15 Jahre alt, ein Mädchen. Greta Thunberg ist die perfekte Rednerin für eine Klimakonferenz. Herzig, unschuldig, authentisch. Kein Wunder, ging ihre Rede an der UNO-Klimakonferenz in Kattowitz im Internet viral. Zuvor hatte Greta im August tagelang die Schule geschwänzt und vor dem Gebäude des Schwedischen Parlamentes für einen konsequenteren Kampf gegen den Klimawandel protestiert.

Sie erinnert an Malala Yousafzai, die Pakistanerin, der ein Taliban mit 15 Jahren ins Gesicht schoss, weil sie in einem Blog der BBC über ihren Alltag berichtet hatte. Heute ist sie Friedensnobelpreisträgerin und UNO-Botschafterin. Oder Emma González, die im Februar dieses Jahres als Schülerin das Massaker von Parkland in Florida überlebte und seither eine weltweit bekannte Aktivistin für strengere Waffengesetze ist.

Greta Thunberg hat noch nichts dergleichen erlebt. Sie ist die behütete Tochter einer Opernsängerin und eines Schauspielers in Schweden. Aber als Vertreterin der kommenden Generation wird sie die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spüren, während die heutigen Politiker wohl vorher sterben. Greta ist wie Malala und Emma: ein perfektes Aushängeschild.

«Marionette», lästern die Kritiker. Sie machen es sich zu einfach. Die kleine Schwedin beschäftigt sich, seit sie 8 Jahre alt ist, mit dem Klimawandel. Und das mit einer beeindruckenden Hartnäckigkeit. Sie setzt sich ein für etwas, bei dem die meisten sagen: Wir können eh nichts tun.

Greta hat das Asperger-Syndrom. Sie kann sich stunden- oder tagelang mit einer Sache beschäftigen und sie sieht die Sachen schwarz oder weiss, wie sie selber sagt. Wenn die CO2-Emissionen nicht gestoppt werden, kommt es zur Krise auf dem Planeten. Also handelt sie.

Aber nicht nur, weil sie Asperger hat. Sondern auch, weil sie eine Teenagerin ist. Sie ist kein Kind mehr, sie versteht die grossen Probleme in der Welt, aber sie ist noch keine Erwachsene, die froh ist, für sich einen sicheren Platz gefunden zu haben, und sich damit abgefunden hat, dass der Einzelne nicht viel bewirken kann. Sie hat noch genügend Idealismus, um die Welt zu verändern.

Eine kleine, weltweite Bewegung

Freitags schwänzt Greta nach wie vor die Schule. Inzwischen ist daraus eine Bewegung entstanden: In Australien, England, Belgien, den USA und Japan schlossen sich mehr als 20'000 Schülerinnen und Schüler in 270 Städten dem Protest an, wie der «Guardian» berichtete.

Für den letzten Tag der Klimakonferenz am letzten Freitag rief Greta dazu auf, vor Regierungsgebäuden zu demonstrieren. Auch in Zürich gingen am Freitag knapp 500 Schüler auf die Strasse, um den ersten Schweizer Klimastreik durchzuführen. Das ist nicht viel. Das ist keine Massenbewegung.

Die verhaltene Reaktion in der Schweiz passt auch zu einer Befragung des Bundes von 17-Jährigen im Jahr 2014. Diese zeigte, dass Umweltanliegen hierzulande gegenüber den Achtzigern deutlich an Bedeutung verloren haben.

Oder schrecken hier nur die Teenager auf und sind beim Übertritt in die Volljährigkeit bereits abgestumpft? Eine Deutschlehrerin an der Sekundarschule Vogesen in Basel zeigte ihren 14- bis 15-jährigen Schülern die SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie», in der der britische Ökonom und Klimakämpfer Graeme Maxton auftrat. Eigentlich wollte Lehrerin Romina Troxler bloss das Hörverständnis trainieren und liess die Schüler Texte über die Sendung schreiben. Aber die Klasse war danach so aufgewühlt, dass sie schliesslich Protestbriefe an Firmen wie Glencore und an Politiker schrieben. «Die Schüler kannten die Klimaerwärmung, aber sie waren sich nicht bewusst, wie stark sie fortgeschritten ist und wie lange man schon darüber Bescheid weiss», berichtet Troxler, «es war nicht meine Absicht, sie zu schockieren.» Eine weitere 9. Klasse des tieferen Sek-Niveaus mit mehrheitlich Buben habe die Sendung hingegen wenig interessiert.

Junge Grüne auf Vormarsch

Wenn es die Jungen denn interessiert, dann wählen sie später oft umweltbewusst. Unter den Jungparteien schnitten bei den Nationalratswahlen 2015 im Kanton Zürich, dem bevölkerungsreichsten Kanton des Landes, die Jungen Grünliberalen am besten ab, gefolgt von den Jungen Grünen. Im zweit- und im drittgrössten Kanton, Bern und Waadt, kamen die Jungen Grünen immerhin auf den zweiten Platz hinter der Jungen SVP, waren im Verhältnis also deutlich erfolgreicher als ihre Mutterpartei.

Ausserhalb der Schweiz engagieren sich die Jugendlichen aber teilweise deutlich stärker. Vergangene Woche haben nach eigenen Angaben mehr als tausend junge Menschen die Büros der Demokraten in Washington besetzt und einen Plan für eine grüne Wirtschaft gefordert. 143 wurden verhaftet. Während sich die offiziellen Vertreter um politische Korrektheit und Kompromisse bemühen, scheuen sich Jugendliche nicht vor deutlichen Worten (Greta: «Ich mache das, weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheisst.») Sie geben sich nicht mit Kompromissen zufrieden, kritisieren die Langsamkeit der politischen Prozesse und den mangelnden Mut der Ziele.

Der Idealismus treibt die Jungen an: Vier Vertreter der «Swiss Youth for Climate» («Schweizer Jugend für das Klima») sind mit dem Zug an die Klimakonferenz nach Kattowitz gereist. Bezahlt haben sie das Billett selbst. Die Organisation ist studentisch geprägt und hatte die Hoffnung, mit nur gerade 180 Mitgliedern an einer riesigen Konferenz zur Veränderung beizutragen. Gemeinsam mit anderen Jugendorganisationen machten sie Vorschläge zu einzelnen Formulierungen im Text. Und sie machten auch bei einem Flashmob in der Eingangshalle der Konferenz mit extrem langsamen Bewegungen auf die Langsamkeit des Prozesses aufmerksam. Präsident Victor Kristof sagt: «Zwar haben wir nicht die Professionalität eines Industrieunternehmens oder einer grossen Nichtregierungsorganisation. Aber als junge Menschen sind wir kreativer, innovativer und flexibler als die anderen.»

Die Schülerinnen Greta Thunberg, Mala Yousafzai oder Emma Gonzalez mögen inzwischen von Institutionen oder Parteien instrumentalisiert werden, weil sie sich von den grauhaarigen Männerköpfen abheben, die uns sonst aus den Medien entgegenblicken. Aber sie haben kein Glaubwürdigkeitsproblem, sie sind direkt betroffen. Die einen beiden jetzt schon, Greta später: Die Pläne für den Klimaschutz gehen meist bis 2050. Zu wenig weit für die Lebenserwartung einer 15-Jährigen.

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