«Die Marion-Insel ist nur rund drei Mal so gross wie die Fläche der Stadt Zürich. Offiziell gehört sie zu Südafrika, liegt aber für unser Forschungsschiff eine knappe Reisewoche von Kapstadt entfernt. Bis auf eine Forschungsstation gibt es hier keine Gebäude, die Insel ist unbewohnt. In einer Bucht an der nordöstlichen Küste gehen wir vor Anker. In diesen Tagen ist die Insel windumtost und der Himmel stark bewölkt. Durch das Teleobjektiv der Kamera sehen wir Königspinguine und See-Elefanten an einem kleinen Strand. Denen macht das Wetter nichts.

Julia Schmale

Julia Schmale

Tagebuch aus der Antarktis

Julia Schmale ist Atmosphärenwissenschafterin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen, Aargau – wenn sie nicht gerade auf Forschungsreise ist. An dieser Stelle berichtet sie wöchentlich von der antarktischen Umrundungsexpedition, bei der sie als eine von mehr als fünfzig Forschenden mitreist.

Zwei Tage bleiben wir hier vor Anker. Der Grossteil der Schiffsbelegschaft, darunter mein Team und ich, gehen nicht an Land. Doch einige der 22 Forschungsprojekte haben sich darauf spezialisiert, Proben auf den Subantarktischen Inseln zu sammeln und darum sind wir hier. Diese Forschenden entnehmen Proben der Sedimente aus den Seen der Insel, um daran die Klimageschichte zu erforschen. Andere suchen nach mikroskopisch kleinen Organismen und untersuchen deren Gene, um zu verstehen, wie ähnlich sich die Lebewesen auf den verschiedenen antarktischen Inseln sind.

In unserem Forschungscontainer an Bord des Schiffes lassen mein kleines Team von Atmosphärenwissenschaftern und ich derweil unsere Messgeräte kontinuierlich weiterlaufen. Der Wind kommt gerade von der Insel und streicht dort über eine grosse Pinguinkolonie mit einigen hunderttausend Tieren. Deren Hinterlassenschaften verströmen einen entsprechenden Ammoniakgeruch. Unser Schiff ist zu weit entfernt, als dass wir Menschen ihn riechen könnten; aber unsere Messgeräte erkennen sofort die chemische Signatur. Für uns wiederum ist das ein Erfolgserlebnis und die Bestätigung, wie empfindlich unsere Geräte sind. Und gerade, als wir uns darüber freuen, wird es richtig kitschig: Über der der Insel erscheint ein unglaublich farbintensiver, doppelter Regenbogen.

Nach zwei Tagen geht es weiter in Richtung der ebenfalls unbewohnten Crozetinseln. Die Fahrt dorthin dauert nur drei Tage und wir kommen schnell in eine Routine: Nach dem Frühstück schauen mein Team und ich in unseren Container und prüfen der Reihe nach alle Geräte. Wir sichern unsere Messdaten und werten sie aus. Alle vier Stunden gibt es in der Kantine eine Mahlzeit. Noch sind Früchte aus Südafrika dabei, darunter Passionsfrucht und Ananas.

Als wir an den Crozetinseln ankommen, tobt auch hier starker Wind. Diesmal bin ich dabei, als es an der grössten der fünf Inseln an Land geht. Von unserem Forschungsschiff aus steigen wir in Zodiaks, kleine motorgesteuerte Gummiboote, und kämpfen uns damit durch die Wellen. Die Fahrt dauert nur zehn Minuten, aber wir werden von oben bis unten nass. Endlich an Land wird es nicht besser: Wir legen an einem schwarzen Sandstrand an und der Wind ist so heftig, dass wir unsere Gesichter vor fliegenden Sandkörnern schützen müssen. An Pinguinen und See-Elefanten vorbei kämpfen wir uns ins felsige, grasbewachsene Landesinnere vor. Dort endlich können wir etwas aufatmen und unsere Messinstrumente aufbauen. Jetzt wissen wir: Es braucht nicht unbedingt Eispanzer, um das Forschen in der Antarktis zu erschweren.»