Montagmorgen in einem Schweizer Kindergarten: Mehr oder weniger ruhig sitzen die kleinen Leonies und Julians im Halbkreis um die Kindergärtnerin. Doch wer denkt, dass jetzt die Hitparade der Guten-Morgen-Klassiker angestimmt wird, hat weit gefehlt. Die allmorgendliche Znünikontrolle steht an. Boxen werden gezückt, prüfende Blicke wandern kreuz und quer. Reiswaffeln mit Joghurt-Überzug, sofort weg! Chips: sowieso ein No-Go. Die Packung Frischkäse- statt Leinsamen-Dar-Vida ist ein Grenzfall. Heute gehts. Aber nur, weil Klein Max sonst regelmässig Gurken dabei hat.

Und wenn jemand Geburtstag hat? Sicher keinen Kuchen. Und auch die Weggli mit Schoggistängeli, früher ein Klassiker unter den Geburisnacks, gibts nicht mehr. Die Regeln sind eindeutig, die Eltern in einem Elternbrief informiert: Ungesunde Znünis haben im Kindergarten nichts verloren. Dafür listet die Schule auf, was mitgebracht werden darf: Obst, Gemüse, ja sogar Nüsse dürfen mit. Gesund soll es sein. Vitaminreich auch. Süss auf keinen Fall. Dazwischen: Ein Graubereich, in dem die Lehrperson entscheidet.

Gespür statt Vorschriften

Vorschriften wie diese sind es, für die Marianne Steiner-Gygli, Stellenleiterin der Suchtprävention Aargau, kein Verständnis hat: «Essen braucht keine starren Regeln. Vielmehr muss man ein Gespür dafür entwickeln. Kinder müssen lernen, was gesund und ungesund ist, was genug und zu viel.»

Steiner-Gygli ist überzeugt, dass es dazu insbesondere bei Kindern vor allem das entsprechende Vorbild der Eltern braucht. Wenn also Papas Hemden immer mehr spannen, dem Sohn aber ständig gesagt wird, Salat essen sei wichtig, dann ist dies zwecklos. Und wenn Mama immer Diäten macht, verwundert es nicht, wenn ihre Tochter von sich sagt, sie sei zu dick. Kinder bekommen schon früh mit, welche Einstellung ihre Eltern zum Essen haben. «Authentizität ist dabei der Schlüssel für eine positive Vorbildfunktion der Eltern», ergänzt Steiner-Gygli und fügt an, dass Eltern, die überdies eine enge und gute Beziehung zu ihren Kindern haben, auch fern von starren Regeln mit ihren Kindern darüber sprechen können, wenn ihr Essensverhalten sie stört.

Eigentlich eine normale Sache

Gerade die Authentizität im Essensverhalten kommt den Eltern allerdings immer mehr abhanden. Unsicherheit greift um sich, weil Ratgeberliteratur, Foodblogger und Ernährungs-Gurus unsere Essenswelt in gesund und ungesund, vitaminreich, eisenhaltig und glutenfrei teilen und uns in zehn, drei oder sieben Punkten erklären wollen, wie wir mit welchen Nahrungsmitteln besser, länger und vor allem gesünder leben können.

«Der beste Ratgeber wäre dabei meist die eigene Intuition», erklärt Steiner-Gygli. Eigentlich wüssten die Eltern relativ genau, was für ihre Kinder – und auch sich selbst – gutes und weniger gutes Essen ist. Essen sei doch die normalste Sache der Welt und müsse im Alltag als solche wahrgenommen werden, meint Steiner-Gygli. Essensdogmen sind ihrer Meinung nach auch deshalb fehl am Platz, weil sie das Essen einerseits als ständiges Thema im Familienalltag etablieren und andererseits Machtkämpfen am Mittagstisch Vorschub leisten. «Regeln können provozieren, sodass es für Kinder interessant wird, sich dagegen zu wehren», führt die Präventionsexpertin aus. Das schliesst alte Grundsätze, à la «Es wird gegessen, was geschöpft wird» ebenso ein, wie die Znünikontrolle im Kindergarten oder das obligate Familienabendessen, das den Teenagern im Hause zunehmend auf die Nerven geht, aber trotzdem abgespult werden muss.

Vielmehr plädiert Steiner-Gygli dafür, dass Kinder lernen müssen, Hunger, Lust- und Sättigungsgefühle einzuordnen und dies von Mama, Papa oder den Lehrern höchstens vorgelebt, nicht aber ständig vorgekaut bekommen müssen. Dabei betont die Präventionsexpertin denn auch, wie wichtig bereits die früheste Kindheit im Erwerb dieser Kompetenzen ist. Denn in der Pubertät kann nicht plötzlich gefordert werden, was vorher nie gefördert wurde.

Idealbilder helfen nicht

Nicht nur Foodblogger und Ernährungsratgeber können jedoch zur Zunahme von Ernährungs- und Essensdogmen beitragen. Fachpersonen und Eltern fordern zunehmend auch von kantonalen und nationalen Präventions- und Gesundheitsförderungsstellen, wie Marianne Steiner-Gygli sie leitet, klare Handlungsanweisungen, Tipps und Tricks zum Thema Essen.

Gefordert wird also, was Steiner-Gygli nicht gerade will: Essensregeln. Diese dürfen nicht geliefert werden, will man die starren Strukturen durchbrechen, die durch solche Grundsätze entstehen. «Ein Kampagnenfoto, eine behördliche Präsentation oder ein Slogan ist schnell geschaffen, ein Idealbild schnell kreiert. Dabei lauert ständig die Gefahr, dass alle, die diesem Bild nicht entsprechen, stigmatisiert werden», zeigt sich Steiner-Gygli kritisch und plädiert damit auch in der Prävention für Offenheit und Vielfalt was wann und wie viel gegessen wird.