Der Bär, obwohl amtlich totgesagt, lebt. Und das bringt er mit aller Kraft zum Ausdruck: Das Chassis des umgebauten Mercedes-Transporters wankt bedenklich, scharrende und schnaubende Geräusche dringen aus der Bären-Ambulanz. Als Marc Gölkel die Hecktür öffnet, verfinstert sich die Miene des Tierarztes, der sich für die Tierschutz-Organisation Vier Pfoten auf Wildtiere spezialisiert hat.

Blut klebt am Gitter der Transportbox. Die Metallklappe, durch welche Wasser in ein Trinkgefäss gegeben werden könnte, ist verbogen. «Er ist aufgeregt – und es ist ihm langweilig da drin», sagt Gölkel, «Da hat er halt die Klappe demoliert und sich dabei an der Tatze verletzt.»

Der Tierarzt ist gleichermassen besorgt und empört. Seine Besorgnis gilt Napa – so darf der Bär jetzt heissen, zu Ehren eines Weinhändlers, der das Projekt als Namenssponsor unterstützt. Napa ist ein zwölf Jahre alter Braunbär, unter dessen Vorfahren offenkundig mindestens ein Eisbär gewesen sein muss. Der 350-Kilo-Bursche ist ebenso freundlich wie neugierig; alles, was er nicht kennt, muss erst einmal genau untersucht – und danach meistens auch demoliert – werden.

Seit bald neun Stunden harrt er schon in der engen Transportbox aus, weil die serbischen Zollbehörden mit bürokratischem Schlendrian das heikle Unternehmen um einen halben Tag zurückgeworfen haben. Mindestens.

Jetzt warten die Begleitfahrzeuge seit zwei Stunden an der Grenze zu Kroatien wiederum auf die Freigabe der Ambulanz mit dem Bären, der von Amtes wegen tot sein sollte: Auf einem der Ausfuhr-Formulare hat ein serbischer Beamter «totes Tier» angekreuzt statt «lebendiges Tier» im Feld daneben. Der Kollege auf der kroatischen Seite hat das Papier, nachdem er sich persönlich von Napas Vitalität überzeugt hat, zur Korrektur nach Serbien zurückgeschickt, die Korrektur wiederum muss beglaubigt und die Beglaubigung mit dem Stempel bestätigt werden – ein amtliches Wiederbelebungsverfahren, das wertvolle Zeit kostet. Und Nerven.

Probleme verlängerten die Reise

Vor rund fünf Stunden ist der kleine Konvoi – die Bären-Ambulanz, dahinter ein Klein-Bus mit einem halben Dutzend Begleitern, schliesslich der Pw des Tierarztes – in der Kleinstadt Palic, nahe der serbisch-ungarischen Grenze, losgefahren. Schon bei der Abfahrt hat Napa in seiner engen Behausung ausharren müssen, weil auf dem lokalen Zoll-Deklarationsbüro die Vorhängeschlösser für den Käfig verschollen waren. Diese sind für die Dauer des Transits durch die EU Vorschrift. Es mussten Ersatzschlösser beschafft werden, deren Nummern nun aber nicht mehr mit jenen in den Dokumenten übereinstimmten und angepasst werden mussten.

Über zwei Stunden und mehr als zwanzig geleerte Literflaschen später sind die Papiere korrigiert, die Vorhängeschlösser am Gitter versiegelt: Napa darf jetzt offiziell als Transit-Gut in die EU eingeführt werden und muss sie via Slowenien, Österreich und Deutschland wieder verlassen. Über den Schweizer Zoll in St. Margrethen, wo erneut ein Aus-Einfuhr-Verfahren wartet. Wenn es überstanden ist, ist es nur noch ein Katzensprung bis Arosa.

Seit bald zehn Jahren wartet das Bergdorf auf seinen ersten Bären. Allen voran die beiden Väter des Projekts Arosa Bärenland. Carsten Hertwig hat als Leiter des Kompetenzzentrums Bären bei der Tierschutz-Organisation Vier Pfoten sechs Wälder und Parks in Europa und Asien eingerichtet, in denen bis heute sechzig misshandelte Bären eine neue Heimat gefunden haben. Pascal Jenny, Direktor Arosa-Tourismus, hat acht Jahre lang unermüdlich für seinen Traum gekämpft und in mehreren Volksbefragungen die Aroser überzeugt. Der Bären-Fachmann und der Tourismus-Experte haben auf 2000 Metern das Bärenland unterhalb der Weisshornbahn-Mittelstation buchstäblich aus dem Boden gestampft – ein Projekt, das als Symbiose von touristischem Marketing und engagiertem Tierschutz Zeichen setzt.

«Es ist eine Win-win-win-Situation», erklärt Pascal Jenny. «Arosa profitiert als touristische Destination, indem wir den Gästen wilde Tiere in natürlicher Umgebung zeigen können; die Gäste profitieren, weil sie an verschiedenen Hotspots im ganzen Gebiet spielerisch allerlei Wissenswertes über den Bären erfahren – und natürlich profitieren auch die Tiere selbst, weil sie einen Lebensraum erhalten, in dem sie gepflegt und versorgt, aber nicht zur Schau gestellt werden.»

Carsten Hertwig ist froh, dass für Bär Napa endlich eine Lösung gefunden wurde, die «zunächst als Kompromiss galt, sich dann aber als beste aller Möglichkeiten erwiesen hat». Und er erinnert sich, wie er von einem serbischen Informanten auf das Schicksal eines Zirkusbären aufmerksam gemacht wurde. Er vegetiere seit Jahren in einem Käfig, der so klein sei, dass das Tier sich nicht aufrichten geschweige denn drehen könne. «Eine Verfügung der serbischen Regierung, wonach wilde Tiere nicht vorgeführt werden dürfen, ist dem Tier zum Verhängnis geworden; denn die Haltung wilder Tiere war ja nicht verboten – und so konnte das Tier sein Verliess nicht mehr verlassen.» Die letzten zwei Jahre lebte er in einem schäbigen Zoo.

Viel Geduld und Energie waren erforderlich, um eine amtliche Konfiszierung zu erwirken, noch mehr, um diese auch durchzusetzen. Schliesslich versuchte der Zirkusdirektor, das Tier zu verkaufen. «Doch genau das, also kaufen», betont Hertwig, «tun wir, manchmal auch schweren Herzens, nicht; denn wir wollen vermeiden, dass die Tierschänder mit dem Leid, das sie den Tieren antun, auch noch ein Geschäft machen.» Statt auf spektakuläre, aber illegale Befreiungsaktionen setzt die Tierrettungs-Strategie von Vier Pfoten auf Verhandlungsgeschick und Überzeugungsstrategie. «Das», sagt Carsten Hertwig, «ist der schwierigste Weg – aber der einzig richtige.»

Durch Österreich und Bayern ist der Konvoi in der Nacht zügig vorangekommen. In München geht die Sonne auf – und in St. Margrethen öffnet der Zoll seine Tore. Diesmal sind die Formalitäten und Begutachtungen durch staunende Grenzbeamte in weniger als einer Stunde abgeschlossen; die letzte Etappe durchs Rheintal steht an.

Es ist verdächtig ruhig geworden im Frachtraum der Bären-Ambulanz – kein Schnauben mehr, kein Stampfen. Lebt er noch? Oder ist ihm in den vielen Kurven durchs Schanfigg einfach nur schlecht geworden? Mit jedem Kilometer wächst die Spannung, in Langwies empfängt eine Polizeipatrouille den Konvoi, Menschen säumen winkend die Strasse – und als die Bärenambulanz hinter dem Bahnhof zur Talstation abbiegt, stehen Carsten Hertwig und Pascal Jenny inmitten einer Menschentraube und fallen einander in die Arme. Sie sind schon am Vortag wieder zurückgeflogen, um die letzten Vorbereitungen für den Bärenempfang aufzugleisen.

Napa zögert nicht

Starke Männerarme hieven die Kiste in die Seilbahn-Gondel. Ein Pneulader bringt die Metallkiste in die Bärenstallungen beim Besucherzentrum. Weiter oben steht Jenny vor zwei Bildschirmen: «In neunzig Sekunden öffnen wir den Schieber!»

Napa zögert keine Sekunde, stapft durch die grosse Halle seines neuen Heims, rüttelt hier an einem Baumstamm, findet dort eine versteckte Tomate und auch den Apfel. Und dann legt er sich flach auf den Bauch und streckt alle viere von sich. Napa ist angekommen. Und bärenmüde.

Noch dreissig Tage muss er sich gedulden. Dann ist die Quarantäne abgeschlossen, dann darf er hinaus – und zum ersten Mal werden seine Tatzen Alpenboden spüren statt Beton.