Daran gibt es nichts zu rütteln: Der inzwischen 48-jährige gebürtige Mexikaner und heute US-Bürger, «Dog Whisperer» und TV-Star hat Charisma. Cesar Millan ist spontan, geht auf die Menschen zu, spricht mit ihnen. Wenn er in Fahrt kommt, kann man sich nur schwer seinem Charme entziehen, und mit seinen Scherzen holt er sich die letzten Sympathien.

Wo er auftritt, gibts Begeisterungsstürme in den Live-Shows. Zumindest bei den Menschen, die seine Methoden nicht kritisch hinterfragen– und ob diejenigen Hunde begeistert sind, die er in den TV-Shows therapiert, muss sehr bezweifelt werden. Was seine Erziehungspraktiken betrifft, ist Cesar Milan höchst umstritten. In manchen Ländern sind die Methoden weitgehend tierschutzwidrig und widersprechen auch der ethologischen Basis eines artgerechten Umgangs mit Hunden.

Hundeflüsterer Cesar Millan im erfolgreichen Youtube-Video: «Showdown with Holly»

Zurzeit ist Cesar Millan auf Promo-Tour in Europa. Diese Woche hat er in Zürich Halt gemacht und in Dielsdorf Medienleute zum Kurzseminar geladen. Er sagte einmal mehr, dass nicht die Hunde, sondern die Menschen trainiert werden müssen. Vieles, was er gestikulierend mit Witz erzählte, gilt bei vielen Hundefachleuten als selbstverständlich und als Grundlage im Umgang mit dem Hund: Millan sprach von der Energie, von Ruhe, Selbstbewusstsein, Liebe, Begeisterung, die ein Hundehalter haben sollte. Beim Hund erwähnt er Begriffe wie Sicherheit, Vertrauen und Respekt. Letzteres erstaunt, denn in manchen seiner TV-Shows beim deutschen Fernsehsender Sixx sieht man das Gegenteil.


Herr Millan, Ihre Liveshows stellen sie unter das Zeichen von Prävention. In den TV-Shows hingegen sieht man primär verängstigte Hunde, die Sie in schwierige Situationen führen.

Cesar Millan: Die Liveshows dienen der Prävention. In den TV-Shows ist es Intervention. Da geht es um Hunde, die haben Leute gebissen, die haben auch Angst erfahren.

Warum führen Sie den Hund in Stresssituation, obschon er nicht in diese Situation möchte?

Weil es Teil der Rehabilitation ist. Das ist der Unterschied zwischen dem, was ich machen kann, wenn ich in diesem Moment der Flucht den Hund in den Zustand der Kapitulation bringe.

Der Hund stellt sein unerwünschtes Verhalten nur ein, weil er nicht weiter Schmerzen erleiden möchte.

Der Schmerz ist nicht unbedingt physisch, es ist nicht realer Schmerz. Es geht um den Übergang von der Kampf- zur Fluchtphase. Ziel ist, dass der Hund aufgibt. Es ist dieser Übergang im Gehirn bis zum Moment, in dem der Hund sagt: «Ich will nicht mehr kämpfen.» Sie sehen am Schluss keinen völlig ruhigen Hund. Das ist jedoch ein Prozess. Der Hund geht durch einen emotionalen Moment. Genauso, wie wir Menschen durch einen emotionalen Moment gehen, wenn wir mit schwierigen Dingen konfrontiert werden. Ich helfe ihm im Zustand, in dem er ist, wenn ihn die Besitzer zu mir bringen, bis er in einem entspannten Zustand ist. Denken Sie daran, der National Geographic-Fernsehsender hat eine Zeitvorgabe. Wir arbeiten mit den Besitzern nach der Show für längere Zeit weiter. Manche Leute sind mit diesem Ansatz nicht einverstanden und ich respektiere das. Das ist mein Weg zu helfen.

Hier benutzt Cesar Millan ein Würgehalsband, provoziert erst den Hund und traktiert ihn dann, bis er aufgibt.

Sie könnten auch einfach die Distanz zwischen Hund und Reizquelle vergrössern. Warum tun Sie das nicht?

Doch, das mache ich auch. Jeder Fall ist anders und ich gehe mit jedem Hund anders um. Distanz ist ein Werkzeug. Manchmal ist es wichtig, den Hund nahe an ein Objekt heranzubringen. Es kommt darauf an, wie ich die Situation am besten angehen kann. Nochmals: Profis sind sich nicht immer einig.

Warum versuchen Sie nicht, Hunde zu therapieren, ohne sie wieder in eine Stresssituation zu führen?

Es gibt viele Shows, wo ich es anders angehe. Nicht jeder Hund wird auf die gleiche Weise angegangen.

Ein Hund, der sich nach einer Konfrontation mit einem grossen weissen Hund nach Ihrer Intervention ergibt, hat nicht gelernt, mit der Situation umzugehen.

Das ist vielleicht Ihre Erfahrung, nicht meine. Hund und Halter lernen zu verhindern, dass das passiert. Zuerst machen Sie es mit einem Hund oder mit einem Huhn. Dann, wenn der Hund weiss, wie er damit umzugehen hat, bringt man einen zweiten Hund, einen dritten. Sie bringen es ihm Schritt für Schritt bei.

Sie benutzen oft ein Würgehalsband. Dieses schnürt die Luft ab und stoppt die Blutzufuhr zum Gehirn. Der Überlebensinstinkt wird aktiviert: Der Hund stellt sein Verhalten ein, weil er überleben möchte. Beispiel: Ihr Video mit «Shadow».

Ich empfehle den Leuten nicht, das zu tun. In diesem speziellen Fall habe ich nur die Leine hochgezogen, und der Hund hat natürlich nach unten gezogen. Es sieht so aus, als ob ich ihn würgen würde. Dabei verhindere ich nur, dass er jemanden attackiert. Der Hund ist müde geworden. Sowieso: Wenn Sie etwas im Fernsehen sehen, dann können Sie es immer so interpretieren, wie Sie möchten.

Shadow from Montoya on Vimeo.

Im Fernsehen heisst es «Bitte machen Sie diese Techniken nicht nach». Sie müssten aber wissen, dass die Leute zu Hause auch «Cesar Millan» spielen wollen.

Menschen machen Dinge, obwohl man ihnen sagt, dass sie es nicht tun sollen. Zu den Techniken: Sie sind vielleicht damit nicht einverstanden, aber ich hoffe, Sie sehen, dass viele Hunde, mit denen ich arbeite, sonst eingeschläfert würden, weil sie als aggressiv gelten. Ich bin damit nicht einverstanden. Ich glaube nicht, dass ein Hund aggressiv geboren wurde, so wurde er vom Menschen gemacht.