Einen rostigen Schlüsselbund in der Hand haltend, stehe ich auf einem Hügel und überblicke die weite, karge Landschaft. Neben mir ein Steinhaufen, mit gelben und blauen Bändern geschmückt, der einen Owoo, einen Kraftort, symbolisiert. Ich spüre die Energie der Erde, lasse meine Gedanken schweifen – und bin sehr glücklich.

Ich befinde mich in der Mongolei, in der Siedlung Zagaan Hotol. Mit dem Streben, einem Nomaden bei seinen Tätigkeiten zu helfen, bin ich hierher gereist. Vor fünf Monaten las ich in einem Reisemagazin einen Bericht über ein Paar, das die Mongolei durchquert hatte. Sie schwärmten von ihrem Reiseleiter, einem Nomaden namens Gana. Sie hinterliessen seine Kontaktdaten, damit sich interessierte Reisende bei ihm melden können. So habe ich ihn kontaktiert.

Seit nun mehr als drei Wochen lebe ich hier auf dem Land bei Gana und seiner Mutter Zeepee und dem Hund Aslan. Ich habe eine eigene Jurte, in die ich mich zurückziehen kann. Es ist alles ganz einfach eingerichtet: Teppiche überziehen den Boden der Jurte. Neben dem Eingang steht ein gelber Kanister, der mit Grundwasser gefüllt ist, und ein grosses Blechgefäss – mein Badezimmer. Auf der rechten Seite befindet sich ein altes hölzernes, mit einem farbigen Stoff überzogenes Sofa. Weil alle meine Kleider darauf verstreut liegen, nenne ich es meinen Kleiderschrank. Auf dem Boden gegenüber dem Eingang liegt meine Matte, mein Bett. Davor steht ein niedriges Tischchen, auf dem ich meine Schätze der vergangenen Woche aufbewahre. Den rostigen Schlüsselbund, das Notizbuch und meinen Fotoapparat.

Nach feiner mongolischer Kost sitzen wir oft in der Hauptjurte an dem niedrigen Tischchen auf den kleinen Holzhockern und diskutieren in deutscher Sprache über die erlebten Situationen. Schon Ganas Vater sprach Deutsch und arbeitete als Übersetzer. Er vererbte die Freude an dieser Sprache seinem Sohn, der in der Mongolei Deutsch studierte und für kurze Zeit in Deutschland lebte. Einen blauen Plastikbecher in den Händen haltend, der mit Instantkaffee gefüllt ist, sitze ich vis-à-vis von Gana und höre zu, wie er seine Lebensgeschichte erzählt.

Seine Kindheit verbrachte er bei seinen Grosseltern im Westen der Mongolei. Durch das Aufwachsen als Nomadenjunge, durch seine Bescheidenheit, vielleicht auch durch die schwierigen Momente, die er durchlebt hat, ist er der liebenswürdige und freundliche Mensch geworden, welcher er mit 43 Jahren ist. Sein Bestreben ist gross, täglich Gutes zu tun, sagt er: «Durch die Segnung und Opferung zeige ich meinen Respekt gegenüber den Tieren, den Mitmenschen und der Natur, wünsche alles Gute und zeige meine Dankbarkeit. Dadurch bekomme ich Zufriedenheit, Ruhe und erwarte ein gutes Schicksal.»

Oft schaue ich Gana zu, wie er am Morgen vor der Jurte einen Teil des ersten aufgekochten gesalzenen Milchtees Richtung Himmel schleudert – ein Dank an die Mutter Natur, etwa für das Wohl seiner Tiere: «Ich danke, dass meine Pferde den strengen, kalten Winter so gut überstanden haben. Dass die Natur sie mit genügend Futter versorgt und sie nun kräftig genug sind, um am traditionellen Pferderennen unter den schnellsten mitzumischen.» Bei diesen Rennen steht für Gana nicht das Preisgeld im Vordergrund. Ihm sind dabei Ruhm, Ehre und vor allem Anerkennung am wichtigsten.

Alles wird wiederverwertet

Der alte, blaue und rostige LKW ist ein liebenswürdiger Rosthaufen. Gana tauschte ihn gegen einige seiner wertvollsten Pferde ein. Er dient nicht nur als Transportmittel zu den Pferderennen, er hilft auch in einen neuen Lebensabschnitt: von der vergangenen Winterbleibe auf Ganas Grundstück. Dafür hieven wir unter anderem einen alten Motorblock in den LKW, der als Amboss wieder Nutzen bringen soll. Auch ein durchrostetes Fass kommt mit. Es wird später in den Boden gegraben, um den oberen, noch ganzen Teil als Abfallbehälter zu brauchen. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich mein Leben hinterfrage. Wie verschwenderisch ich doch oftmals lebe, weit ab von hier, in der reichen Schweiz.

Anders in der Mongolei: Unter den warmen Sonnenstrahlen trage ich den Sand ab, der unter der alten Jurte als Boden gedient hat. Auch dieser wird wieder Verwendung finden. Nägel aus alten, verbauten Brettern werden gezogen, geradegebogen, um sie später wieder einsetzen zu können. Ich selber werfe in meinem Beruf als Schreier einen leicht krummen Nagel oft fluchend in den Alteisenbehälter.

Vor meiner Abreise gingen mir viele Fragen durch den Kopf: Was wird mich erwarten? Werden Gana und ich uns verstehen? Werde ich ihn unterstützen können? Wie werde ich das mongolische, fleischreiche Essen vertragen? Heute bin ich froh, dass ich das Abenteuer gewagt habe. Unvergesslich bleiben Momente wie auf einer Wanderung allein hoch hinauf zu den alten Ruinen der einstigen Klosteranlage Owgon. Oder wie ich frühmorgens beim Zelten im Klostertal geweckt wurde – von Wolfsheulen.