In den Pyrenäen liegen sie in wilden Gebirgslandschaften, im feuchten und kühlen Galicien in abgelegenen Tälern, in Katalonien oft in der Nähe von Naturparks und in Asturien nicht weit vom Pilgerpfad nach Santiago de Compostela entfernt: Rund 3000 verlassene Dörfer gibt es in ganz Spanien, für die sich bis vor kurzem niemand interessierte.

Die kleinen Dörfer, meist Weiler mit nur wenigen Häusern, wurden im Zuge der Industrialisierung Spaniens vor rund 100 Jahren verlassen. Heute, angesichts der spanischen Wirtschaftskrise, sind manche wieder begehrt. Immer öfter ist das Schild «se vende» zu entdecken, darunter die Telefonnummer eines Maklers.

Eine auf jene Dörfer spezialisierte Agentur ist Aldeas abandonadas. «Wir haben rund 60 Dörfer im Angebot, in ganz Spanien verteilt», sagt Geschäftsführer Rafael Canales. Das Informationsbedürfnis ist gross: Täglich erreichen Canales per Mail rund 300 Anfragen für die verschiedenen Objekte. Der Verkauf stieg im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent.

Zustand wie vor 100 Jahren

Manche Dörfer bestehen nur aus einfachen Steinhäusern und Scheunen, andere aus einem Herrenhaus, um das sich verschiedene Häuser gruppieren. Bei anderen Dörfern ist auch ein Kirchlein oder eine Kapelle dabei.

Historiker würden sich die Hände reiben: Manch eine Wohnung ist fast noch in dem Zustand erhalten, wie die Familien sie vor rund 80 bis 100 Jahren verlassen haben. Die Tapeten kleben noch an den Wänden, Wäsche liegt im Schrank, Bilder hängen an den Wänden. Die gut gereiften Tropfen in der Bodega fehlen allerdings fast immer.

Zurück aufs Land

«Es gibt eine Tendenz, wieder zurück aufs Land zu ziehen», hat Canales beobachtet. Zum einen lockt die Lebensqualität in den Dörfern mitten in der meist unberührten Natur, zum anderen der Preis: Mit der Summe, mit der man in Barcelona eine kleine Wohnung kauft, hat man auf dem Land ein ganzes Dorf inklusive mehrerer Hektar Boden.

«In zehn Jahren», schätzt er, «werden nur noch wenige Dörfer auf dem Markt sein und die Preise wahrscheinlich steigen.» In Galicien und Asturien, den Gegenden mit den meisten unbewohnten Dörfern, könnten sich die Preise verdreifachen, schätzt Canales.

Die Käufer sind zu zwei Dritteln Privatleute und zu einem Drittel Hotelinvestoren, die die Dörfer zu Landhotels umbauen wollen. Vor drei, vier Jahren war die Verteilung noch genau umgekehrt. Manche der Privatkunden arbeiten via Internet von zuhause aus und sind daher vom Standort unabhängig. Mehr als die Hälfte der Käufer sind Spanier, der Rest kommt aus Europa und den USA.

Pepe Rodil, ein Pensionierter aus der Region, gehört zu den Pionieren, die den Dörfern wieder neues Leben einhauchen. Er kaufte vor elf Jahren die fünf verfallenen Steinhäuser im Weiler Teixois in der waldigen Hügellandschaft Asturiens. Sein Plan war es, sie zu renovieren und als Landhäuser an Feriengäste zu vermieten. «Mittlerweile ist alles fertig, und die Vermietung im Sommer läuft schon recht gut», sagt Rodil. Sogar kostenloses Internet ist im Preis der Miete eingeschlossen.

Vier Häuser für 125 000 Euro

Ein Pärchen aus Grossbritannien hat kürzlich ein Dorf im Valle del Eo gekauft, bestehend aus vier Häusern und einer Scheune. Der Preis: 125 000 Euro. Alle Häuser waren auf dem Katasteramt registriert. Das ist oft nicht der Fall – und gleichzeitig der Grund, warum die Mehrzahl der verfallenen Dörfer nicht verkauft werden kann.

Natürlich kann man auch einiges mehr ausgeben, um sich sein eigenes Dorf zu kaufen. Ein verlassenes Dorf bei Segovia, das für 380 000 Euro von der Agentur Rústicas Singulares angeboten wird, besteht zur Hälfte nur noch aus Ruinen. Auch dass noch keine Stromversorgung existiert und sich der Zufahrtsweg in «schlechtem Zustand» befindet, verschweigt die Agentur nicht. «Dafür ist der Ort idyllisch gelegen und die Vegetation ringsum wunderschön. Und eine Baugenehmigung für sieben Dorfhäuser liegt bereits vor», sagt Ramón Amat von Rústicas Singulares.

Viel Privatssphäre

Neil Christie (61) kaufte vor sechs Jahren ein Dörfchen an der Grenze zwischen Asturien und Galicien in Nordwestspanien. Es wurde, wie so viele Dörfer in dieser Gegend, in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts verlassen, weil die jüngeren Leute keine Arbeit fanden. Auf die Idee, sich hier einen Alterssitz aufzubauen, kam das Paar während eines Schulaustausches in Saragossa, bei dem sie Spanien mit dem Auto erkundeten.

«Wir haben viele Orte angeschaut und auch ein Dorf in Südfrankreich in Erwägung gezogen», erzählt Christie. Den Ausschlag für Arrunada haben schliesslich die Umgebung und der Preis gegeben: «Wir sind beileibe keine Eremiten, aber wir mögen das Leben in der Natur. We love our privacy», drückt er es in seiner Muttersprache aus.

«Arrunada hat ganze vier Häuser, von denen ich drei kaufte», erzählt Christie. Das vierte würde er gerne auch noch kaufen, aber dort fehlen die Papiere, die Eigentumsfrage ist nicht geklärt. Dokumentiert seien die Häuser aus dem Jahr 1911, aber Christie schätzt, dass sie wesentlich älter sind. «Sie waren total verfallen, die Dächer eingefallen, und durch die Wände wuchsen zum Teil Wurzeln», schildert er den Zustand.

Strom von der Solaranlage

Er ist stolz darauf, alles in Eigenregie restauriert zu haben. Zum Kaufpreis von 45 000 Euro kam noch einiges an Renovierungskosten dazu. Er installierte eine Heizungsanlage mit Biomasse, Strom erhält er von Solarzellen. Besonders angetan hat es ihm das Wasser: «Das ist erste Qualität, direkt aus dem eigenen Brunnen!»

Mit seiner Partnerin will er hier das Rentenalter verbringen. «Das Klima ist angenehmer als in England, und zum nächsten bewohnten Dorf sind es nur zwei Kilometer», so Christie. Die Dorfbewohner hätten sein Projekt neugierig beäugt, ständen ihm sehr positiv gegenüber, bemerkt der Engländer, der mittlerweile gut spanisch spricht. «Sie freuen sich, dass ihr Erbe in gute Hände fiel.»