Genom-Editing

Wissenschaftler zweifeln an Designer-Zwillingen: Chinesische Regierung ordnet Untersuchung an

Forscher bei der Arbeit im Labor von He Jiankui in Shenzhen in China.AP/Keystone

Forscher bei der Arbeit im Labor von He Jiankui in Shenzhen in China.AP/Keystone

Nicht etwa euphorisch, sondern verärgert hat die Regierung in Peking auf die Designer-Babys reagiert, von denen ein chinesischer Gen-Forscher bei Youtube berichtet hat. Und auch unter seinen Kollegen überwiegen Skepsis und Empörung.

Normalerweise ist die Regierung Chinas dafür bekannt, ihre Forscher zu unterstützen und gegen Anfechtungen zu verteidigen. Doch im Falle von Jiankui He ist man nun davon abgerückt. Die Lokalregierung der Provinz Guangdong, wo der Forscher seine Experimente durchgeführt hat, wurde zu einer «unverzüglichen Untersuchung» aufgefordert. Dies teilte die Nationale Gesundheitskommission in Peking am Dienstag mit. Denn Forschung müsse in Übereinstimmung mit den Gesetzen handeln, die auf dem Grundsatz basieren, für die Gesundheit der Menschen Verantwortung zu tragen.

Niemand will etwas gewusst haben

Die staatliche Zeitung «China Daily» berichtet, dass der Wissenschafter für seine Versuche in der südchinesischen Stadt Shenzhen keine Genehmigung bei den Behörden eingeholt habe. Die städtische Kommission für Familienplanung und Gesundheit sei nicht informiert worden, obwohl sie zunächst das Projekt hätte ethisch bewerten müssen. Zuvor hatte bereits Hes Universität in Shenzhen mitgeteilt, nichts von den Versuchen gewusst zu haben. Man sei geschockt, hiess es dort, der Forscher erhalte bereits kein Gehalt mehr.

Damit erhöht sich der Druck auf He, der eigentlich heute Mittwoch in Hongkong auf einem internationalen Genetik-Kongress zu seinem Experiment referieren soll. Man darf gespannt sein, denn ihn erwartet von Forscherkollegen heftiger Gegenwind. Sie bemängeln, dass er bislang nichts vorzuweisen hat ausser einem Video und zwei nachträglich eingereichten Einträgen in einer staatlichen Datenbank für klinische Studien. Es gibt also noch keine Veröffentlichung in einer unabhängigen, von renommierten Forschern überprüften Fachzeitschrift. Deshalb spricht Genetiker Gaetan Burgio von der Australian National University sogar davon, dass man Hes Experiment «nach aktuellem Wissensstand als gescheitert» ansehen müsse.

Zu denken gibt in diesem Zusammenhang auch, dass He bei seinem Projekt angeblich mit einem Bio-Technologen von der Rice University in Houston zusammengearbeitet hat. Doch dort weiss man überhaupt nichts davon, der betreffende Professor soll jetzt ausführlich dazu befragt werden.

Eine Luftnummer ist jedenfalls nicht ausgeschlossen. Dies würde dann an den Fälschungsskandal um Hwang Woo-Suk erinnern. Der koreanische Gen-Forscher hatte 2004 behauptet, ihm sei das therapeutische Klonen mit menschlichen Zellen gelungen – also der Transfer humanen Erbguts in eine zellkernlose Eizelle, aus der dann embryonale Stammzellen gezüchtet werden. Woo-Suk kam damit sogar in die Fachzeitschrift «Science». Doch einige Wochen später wurde er als Fälscher entlarvt, und die moderne Genetik verlor viel von ihrer Glaubwürdigkeit.

Dies würde ihr auch drohen, wenn sich Hes Experiment als haltlos herausstellen sollte. Und es würde eine der perspektivreichsten Methoden der Gen-Technik treffen: CRISPR/cas. He will mit dieser wie eine molekulare Schere funktionierenden Technik ein Gen eliminiert haben, das normalerweise für ein Protein codiert, auf dem der HI-Virus die Körperzellen entern kann. Solch ein Schnitt wäre in der Tat eine Revolution in der Aids-Prävention. Doch falls er nur eine Luftnummer ist, wäre das Ansehen der CRISPR/cas- Forschung erst einmal ruiniert, und das wäre schade. Gilt sie doch als grosser Hoffnungsträger der Medizin, beispielsweise in der Xeno-Transplantation, also der Verpflanzung von Schweineorganen in den Menschen. Denn dabei kommt es oft zu Abstossungsreaktionen – und mithilfe von CRISPR/cas könnte man die Tierorgane so verändern, dass unser Immunsystem sie in Ruhe lässt.

He ist nun gefordert, seine Studie detailliert zu dokumentieren. «Sein Video wirft viele Fragen auf», betont Burgio. So sei beispielsweise über- haupt nicht klar, inwieweit sich der genetische Eingriff überhaupt auf das Protein ausgewirkt hat, das den Virus in die Zelle schleust.

Tabubruch als Provokation?

Ob He sein Experiment dokumentieren kann oder nicht, ist noch offen. Doch die Frage bleibt: Was wollte er eigentlich damit erreichen? Neben dem Ehrgeiz, sich in die Geschichtsbücher zu schreiben, könnte man sich vorstellen, dass er austesten wollte, ob die Reaktionen eher in Richtung Akzeptanz ausfallen würden, wenn er HIV-infizierten Vätern die Gewissheit geben könnte, HIV-freie Kinder gezeugt zu haben. Es gehe um das Tabu der klinischen Anwendung, sagt die Medizin-Ethikerin der Universität Zürich, Nikola BillerAndorno. «Das Tabu entspricht aber den Konventionen des Europarats und der Unesco», sagt Biller-Andorno. Würde die klinische Anwendung, das Einpflanzen gentechnisch veränderter Embryonen in eine Gebärmutter, einmal akzeptiert, «würde mancher Wissenschafter nicht lange warten, wenn erst einmal therapeutische Erfolge vorlägen».

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