Alternative

«Wir wollen eine Alternative bieten» – in Lausanne produzieren sie «Fairtrade»-Porno

Meli Boss produziert Fairtrade-Pornos in Lausanne. (Bild: watson.ch)

Meli Boss produziert Fairtrade-Pornos in Lausanne. (Bild: watson.ch)

Die Pornoindustrie gerät immer wieder in die Kritik; Sexismus, Rassismus, Ausbeutung. In der Romandie produziert nun eine Gruppe Lausanner ethische Pornos. Was das bedeutet und warum auch in ihren Filmen Frauen gewürgt werden. Eine Spurensuche in Lausanne.

Bananen ohne Fairtrade-Label sind schon fast eine Sünde. Bei anderen alltäglichen Dingen wie Pornos ist der Gedanke daran abwegig. Warum? Dies fragte sich auch die 30-jährige Lausannerin Meli Boss. Sie und fünf weitere gründeten die Plattform «Oil Productions» und produzieren seit einem Jahr ethische Pornos. Nun stehen sie kurz vor der Veröffentlichung ihrer ersten fünf Filmen.

Die Lausannerin heisst die Journalistin mit einer Umarmung und drei «Bisous» willkommen – ungewöhnlich für eine Interview-Begrüssung. Doch die Porno-Produzentin und -Darstellerin ist nicht zurückhaltend. So erzählt sie auch offen von ihrer einjährigen Sex-Blockade, ihrem ersten Porno-Dreh, bei welchem sie die Blockade lösen konnte und von ihren Traumas, die sie im Zusammenhang mit Sex erlebt hat.

Für ihre Masterarbeit ist Boss in die Welt der alternativen Pornos abgetaucht. Sie lebte sechs Monate in Berlin, der Hochburg der Fairtrade-Pornos, und wollte dann selber Hand anlegen. So traf sie auf Nora Smith, die für ihre Diplomarbeit einen Porno drehen wollte. Nach einem feuchtfröhlichen Abend sei für sie klar gewesen: «Machen wir es jetzt, sonst machen wir es nie!». Kurze Zeit später war ihr erster ethischer Pornofilm im Kasten.

Die 30-jährige Meli Boss hat zusammen mit fünf anderen die Porno-Plattform «Oil Productions» gegründet.

Die 30-jährige Meli Boss hat zusammen mit fünf anderen die Porno-Plattform «Oil Productions» gegründet.

Boss' Erscheinungsbild lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sie gerade fünf Pornofilme mit produziert und bei einem selber mitgemacht hat: Strickjäckchen, wolliger Rock, Stiefeletten, Kurzhaarschnitt. Auf den zweiten Blick passt es zu ihrer Tätigkeit: Die ethischen Pornos sollen echt, ungeschminkt und ungezwungen sein.

Der unethische Porno

Doch Porno und Ethik – wie passt das zusammen? Diese Frage stellt man sich zu Recht. Denn die Berichte über Ausbeutung, Gewalt, Sexismus, Rassismus und Prostitution in der Pornoindustrie sind präsenter denn je. Nicht nur der Umgang mit den Darstellerinnen und Darstellern, sondern auch die Inhalte zeigen ein deprimierendes Bild: Eine Studie hat die 50 populärsten Pornofilme in den USA analysiert – das Ergebnis: 88 Prozent der Szenen zeigen körperliche und 48 Prozent verbale Gewalt an Frauen.

Die britische Professorin und Autorin Gail Dines hat für ihre Dissertation tausende Pornos geschaut und schrieb in ihrer Arbeit über die alarmierende Härte und Gewalttätigkeit des heutigen Durchschnittpornos. Bilder, die noch vor zehn Jahren nur selten zu sehen waren, seien mittlerweile Standard. So seien Doppel- und Dreifachpenetrationen keine Ausnahme mehr. Ihre Analyse deckt sich mit den Äusserungen von zahlreichen ehemaligen Porno-Darstellerinnen. In Interviews berichten sie über ihren Betäubungsmittel-Konsum, ohne den sie die brutalen Sexualpraktiken nicht ausgehalten hätten.

Im Dokumentarfilm «Pornocracy» zeigt die Ex-Pornodarstellerin Ovidie zudem, wie die Gratis-Pornoseiten die Arbeit der Porno-Darstellerinnen noch härter gemacht haben. Durch die sogenannten Tube-Seiten wurden die Frauen zur Billigware – sie müssen für immer weniger Geld immer heftigere Dinge vor der Kamera tun.

Was ist ethischer Porno?

Zurück in Lausanne bei der ersten ethischen Porno-Produktion der Schweiz. Trotz den Vorwürfen will die Fairtrade-Porno-Produzentin Meli Boss den Mainstream-Porno, wie sie ihn nennt, nicht verteufeln. «Wir sind uns bewusst, dass Mainstream-Porno problematisch sein kann.» Aber sie würden ihn nicht abschaffen wollen und konsumierten ihn selber auch. «Wir bieten einfach etwas anderes an und hoffen, dass die Leute es auch mögen und sich mehr bewusst werden, welche Pornos sie schauen.»

Denn wer ihre Pornos schaut, könne sicher sein, dass hier ist alles fair vor sich gegangen sei. Für das Kollektiv beginnt die Ethik bereits bei der Auswahl der «Performer», wie sie die Porno-Darstellerinnen und -Darsteller nennen. «Uns ist die Diversität und sexuelle Integrität sehr wichtig», sagt Boss. Ob bei der Sexualität, Herkunft oder dem Aussehen – sie würden möglichst viel abbilden wollen. So erzählt sie, dass eine körperlich beeinträchtige Person sich bei ihnen für einen Dreh gemeldet hat und sie nun auf der Suche nach einem Gegenüber seien.

Am Set will «Oil Productions» einen «Safe Space» schaffen und probieren, eine Intimität zwischen allen beteiligten Personen herzustellen. Auch mit den Leuten hinter der Kamera. Bevor sie beginnen zu drehen, diskutieren sie mehrere Stunden über die Sexualität. Ein Dreh kann deshalb gut bis zu acht Stunden dauern. Während dieser Zeit ist jeweils eine Person damit beauftragt, sich vor, während und nach dem Dreh um die Leute zu kümmern; etwas zu trinken anbieten, eine Pause einläuten oder auch darüber zu sprechen, falls etwas für jemanden nicht mehr stimmt.

300 Franken Lohn für einen Dreh

Anders als bei den herkömmlichen Pornos, bei welchem in den meisten Fällen alles vorgeschrieben ist, gibt es bei den Filmen von «Oil Productions» kein Skript. «Wir lassen die Performer einfach machen.»

Wer jetzt denkt, dass bei den Pornos von «Oil Productions» keine Gewaltszenen zu sehen sind, täuscht sich. «Auch bei uns könnten Frauen gewürgt werden, wenn eine Frau darauf steht.» Es gäbe mit zwei Ausnahmen – Sex mit Kindern und Tieren – praktisch keine Limits. Wenn jemand eine sexuelle Vorliebe ausleben wolle, sei das umso besser. Denn sie will zeigen, dass es nicht nur den einen Sex gibt. «Vorausgesetzt, dass die Person das wirklich will. Wir zwingen niemanden, irgendetwas zu tun», sagt Boss. Der ethische Aspekt der Pornos geht bei «Oil Productions» auch nach dem Dreh noch weiter. «Wenn die Performer uns morgen sagen würden, dass sie den Film nicht mehr online haben wollen, würden wir ihn sofort löschen», so die 30-Jährige.

Fairtrade-Pornos erwecken den Eindruck, nur für Frauen zu sein. Doch dem ist nicht so: «Ethischer Porno ist zwar feministisch, das heisst aber nicht, dass ihn nur Frauen schauen», erklärt Boss. Doch die Porno-Filme vom Lausanner Kollektiv haben um einiges weniger Dynamik, als man es sich von anderen Pornos gewohnt ist. Im einen Porno beträufelt eine Frau eine andere mit Kerzenwachs, mehrere Minuten lang sieht der Zuschauer keine andere sexuelle Interaktion. In einem weiteren streicheln sich die Darstellerin und der Darsteller primär, viel mehr ausser einer Penetration mit einem Anal-Plug passiert nicht.

«Ich verstehe diese Kritik. Aber vielleicht ist Porno einfach langweilig. Man ist nicht involviert und schaut nur zu. Beim Mainstream-Porno zappen sich die Leute durch die Clips. Bei ethischen Pornos geht das meistens nicht.» Die Pornofilme seien länger und nicht kostenlos verfügbar.

Ihr erster Film «Exodia» ist zwar auf ihrer Webseite noch gratis abrufbar, bei den kommenden Pornos wird sich das aber ändern. Wie viel sie kosten werden, ist noch nicht klar. Es werde jedoch nicht viel mehr als fünf Franken sein. «Wir wollen die Konsumenten sensibilisieren und zeigen, dass man für ethischen Porno bezahlen muss.» Denn die faire Entlöhnung der Darstellerinnen und Darsteller ist teil des Konzepts. Im Moment bezahlt das Kollektiv 300 Franken pro Person und Drehtag. Und das grösstenteils aus eigenem Sack. Einmal hätte ihnen ein Mann Geld gespendet und gesagt: «Ich will, dass mein Sohn einmal ethisch vertretbaren Porno schauen kann.»

Dass sich der Vater Gedanken über den Pornokonsum seines Sohnes macht, verwundert nicht. 44 Prozent aller Jugendlichen in der Schweiz haben bereits Pornofilme geschaut. «Generation Hochleistungssex» werden sie genannt, denn sie würden Hardcore-Pornos schauen, bevor sie das erste Mal Händchen gehalten haben und seien deshalb überfordert im echten Sexleben.

Die sexuelle Bildung steht für «Oil Productions» an oberster Stelle. «Wenn sie schon Pornos schauen, dann lieber unsere.» Aber sie wollen nicht nur bei Jugendlichen Aufklärungsarbeit leisten, sondern auch bei den Erwachsenen. «Wir wollen ihre sexuelle Einstellungen und Vorstellungen erweitern.» Vielleicht auch wegen dieser Mission sagt Boss: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles nicht gut läuft. Diese Pornos zu machen, gibt unserem Leben Sinn», sagt die 30-Jährige.

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