Die Wehen setzen gegen Morgen ein, ein paar Stunden später ist der Bub da. Die Hebamme gratuliert zur Geburt, «das hat er verdient», sagt sie. Rhea und Florian Leiser* bitten das Krankenhauspersonal, sie mit ihrem Sohn alleine zu lassen. Kein Kilogramm schwer liegt er unter einem warmen Tuch auf der Brust seiner Mutter. Er ist ganz ruhig, macht ab und zu einen Atemzug.

Zwei Stunden lebte Leisers zweites Kind nach der Geburt. «Wir haben ihn gestreichelt, geweint, uns ihm erklärt. Wir haben ihm gesagt, dass wir ihm Leid ersparen wollten», erinnert sich Rhea Leiser. «Und wir haben ihn wieder und wieder um Verzeihung gebeten.»

Der kleine Bub wuchs während 24 Wochen und 6 Tagen in Rhea Leisers Gebärmutter heran. Dann wurde die Geburt eingeleitet, die zum Tod des Buben führen würde. «Für mich als Mutter ist es etwas vom Schlimmsten, meinem Kind mit der Geburt das Leben zu schenken und es ihm gleichzeitig wieder zu nehmen», sagt Rhea Leiser.

Dass sie je gezwungen sein würden, eine solche Entscheidung zu treffen und ein solches Erlebnis durchzumachen, hätten die Eltern eines gesunden Mädchens sich im schlimmsten Albtraum nicht vorgestellt. Und doch: Die ständig verbesserten vorgeburtlichen diagnostischen Möglichkeiten bringen mit sich, dass man mehr sieht. Mehr Beruhigendes. Und auch mehr Beunruhigendes.

Manche Eltern finden Trost in der Vorstellung, dass ihr Kind zu den Sternen weitergeflogen ist. Szene aus «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry (1943).

Manche Eltern finden Trost in der Vorstellung, dass ihr Kind zu den Sternen weitergeflogen ist. Szene aus «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry (1943).

Zwar sprechen Gynäkologinnen und Gynäkologen zum Teil mit schwangeren Frauen früh in der Schwangerschaft darüber, welche Tests es gibt und welche Folgetests nach einem auffälligen Befund möglich wären. Dann entscheiden sich die Schwangeren für oder gegen diese Untersuchungen. Doch für die allermeisten Schwangeren gehört etwas ganz selbstverständlich zu den Kontrollen dazu: der Ultraschall. «Häufig fehlt das Bewusstsein, dass Ultraschall zur Pränataldiagnostik gehört», sagt Franziska Maurer, Hebamme und Leiterin der Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod (FPK) in Bern. «Viele Schwangere haben mehr als die zwei bis drei vorgegebenen Ultraschalluntersuchungen. Es kann zu Zufallsbefunden kommen, die Eltern unvorbereitet treffen.»

Wer erfährt, dass sein ungeborenes Kind eine Fehlbildung hat, muss entscheiden. Welches Leben ist lebenswert? Ist das Leben mit einem behinderten Kind für die Eltern, die Familie, die Geschwister tragbar?

Der Bauch von Rhea Leiser wölbte sich bei dieser zweiten Schwangerschaft schon nach wenigen Wochen sichtbar. Zum Zeitpunkt der Diagnose war sie kugelrund, bewegte sich langsam und steif wie eine Hochschwangere. «Ich war im sechsten Monat schwanger», sagt sie. «Ich wusste gar nicht, dass man die Schwangerschaft noch abbrechen kann.» Man kann. Das Gesetz erlaubt medizinisch indizierte Schwangerschaftsabbrüche auch nach der 12. Schwangerschaftswoche (siehe Box).

Um die 500 Schwangerschaften werden in der Schweiz jedes Jahr nach der 12. Woche beendet. Das sind 4 Prozent aller Abtreibungen. Für das Jahr 2012 registrierte das Bundesamt für Statistik 119 Abbrüche zwischen der 17. und 22. Woche. Bei 37 Abbrüchen waren die Frauen schon in der 23. Woche oder darüber.

Gemäss nationalen Empfehlungen sollen Abtreibungen nur bis zur vollendeten 24. Woche durchgeführt werden. Denn danach ist das Kind potenziell lebensfähig. So liegt genau hier die Schwelle, bei der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz bei Frühgeburten versuchen, das Kind zu retten. Sabine Tanner von der Universität Basel zitiert in ihrer Dissertation zu ethischen Problemstellungen bei pränataler Diagnostik und spätem Schwangerschaftsabbruch (2011) eine Studie, wonach 20 Prozent der Kliniken in der Schweiz «in extrem seltenen, medizinisch indizierten Ausnahmefällen auch nach der 24. Woche» Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Um zu verhindern, dass das Kind mit Lebenszeichen zur Welt kommt und ihm ein langsames Ersticken während einer Einleitung zu ersparen, wird der Fötus manchmal im Mutterleib getötet (Fetozid).

Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten ist, desto gewichtiger muss der Grund sein, das Kind abzutreiben. Deshalb reden immer mehr Menschen mit, je später die Diagnose kommt. Am Universitätsspital Basel beispielsweise kümmert sich ein «speziell geschultes und professionelles Behandlungsteam» um die Patientinnen. «Die niemals einfache Entscheidung wird gemeinsam erarbeitet, häufig wird dafür auch ein Ethikkonsil einberufen», heisst es auf Anfrage. Die Entscheidung zu einem späten Schwangerschaftsabbruch sei nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Mitarbeitenden sehr belastend.

Allfällige Hilfsangebote und Gespräche mit geschulten Fachleuten ändern aber kaum etwas daran, dass Eltern sich in den Tagen, in denen sie sich zu einer Entscheidung durchringen müssen, sehr alleine fühlen.

Nur eine Woche, bevor sie ihren sterbenden Sohn in den Armen halten wird, geht Rhea Leiser unbekümmert zum Organscreening. Die Ärztin braucht lange. Schickt die Patientin zur Toilette, bittet sie zu trinken, aufzustehen, herumzugehen, sich wieder hinzulegen. Wieder und wieder setzt sie das Ultraschallgerät an. «Ich kann etwas im Gehirn nicht sehen», sagt sie schliesslich. Ein MRI bringt zwei Tage später Gewissheit: Leisers Sohn ist schwerst behindert.

Woran genau ihr Kind gelitten hat, behalten Florian und Rhea Leiser für sich. «Dadurch schützen wir uns», sagt Florian Leiser. «Mit den Konsequenzen unserer Entscheidung müssen wir als Eltern alleine fertig werden. Eine allfällige Beurteilung durch Dritte zu spüren, würde uns aufzeigen, wie empfindlich und verletzlich wir sind, was unsere Entscheidung betrifft. Und wie schwierig es ist, damit umzugehen, dass es für unseren Sohn keine bessere Lösung gab.»

Bis zur Schock-Diagnose empfand Rhea Leiser jeden Tritt ihres Kindes in ihren Bauch als willkommenen Gruss. Danach aber schien jede Bewegung des Buben ihr wie ein Schmerz. «Ich fühlte mich wie eine Verräterin», sagt sie. «Er wähnte sich in meinem Bauch in Sicherheit. Ich aber plante seinen bevorstehenden Tod.»

Franziska Maurer betreut seit vielen Jahren Eltern, die erfahren haben, dass ihr Kind eine Fehlbildung hat. Sie sagt, viele Betroffene distanzierten sich innerlich von ihrem ungeborenen Kind, um überhaupt einen Entscheid fällen zu können. «Die erste Reaktion ist, alles schnell hinter sich zu bringen. Der – meist unnötige – Zeitdruck von aussen unterstützt dies noch.»

Doch das sei für das weitere Leben nicht dienlich. Es sei ein Trugschluss, zu meinen, der Schwangerschaftsabbruch könne etwas quasi ungeschehen machen. Maurer ermutigt Eltern, die vor einer Abtreibung stehen, ihrem Kind eine «würdevolle Begrüssung und einen würdevollen Abschied im weitesten Sinn» zu geben. «Mit den Schuldgefühlen müssen die Eltern leben. Trotzdem – oder gerade darum – kann es Erleichterung bringen und Versöhnung bedeuten, wenn Paare es schaffen, aktiv fürsorglich etwas für ihr Kind zu tun.»

Für Rhea und Florian Leiser war es zunächst unvorstellbar, ihr sterbendes oder tot geborenes Kind zu halten. Nach Gesprächen mit erfahrenen Hebammen jedoch wollten sie beide ihre Rolle als Eltern ihres zweiten Kindes so lange als möglich ausfüllen.

Ihr Sohn ist in ein Körbchen gebettet, das mit Rosenblättern und Efeu geschmückt ist. Er trägt winzige Kleider und eine Mütze, die seine Eltern für ihn gekauft haben. Sie setzen einen kleinen Plüschbären neben ihn. Draussen staut sich die Hitze in den Strassen, Menschen in Flipflops ziehen Richtung Fluss. Drinnen sitzen die Eltern neben ihrem toten Kind. Die grosse Schwester des Buben und die Grosseltern kommen, um ihn zu begrüssen und zu verabschieden.

Trauerbegleiterin Margrit Maurer aus Zürich erlebt betroffene Eltern häufig als innerlich zerrissen. «Sie trauern um ein Kind, das sie sich gewünscht haben. Doch sie mussten sich eingestehen, dass sie die Kraft für ein Leben mit diesem Kind nicht haben», sagt die Hebamme. Paaren, die sich nach einer Pränataldiagnose dazu entschieden haben, ihr Kind nicht auszutragen, werde vom Umfeld teilweise auch weniger Raum zum Trauern eingestanden. «Manchen Betroffenen schlägt die Haltung entgegen ‹Du wolltest das ja so›», sagt Maurer.

Noch ist kein Jahr vergangen. Nur noch selten werden Leisers auf den Verlust ihres Kindes angesprochen. Sie aber denken jeden Tag daran. Ihr zweites Kind gehört zur Familie. Auch ganz offiziell: Ihr Sohn ist im Familienbüchlein erfasst.

*Namen geändert