Wenn Dominik Groenveld seine Bürotür in Baden-Dättwil aufstösst, beginnt seine Schicht in der Kupfermine. Seit drei Jahren hat er die Kontrolle über deren Herzstück – eine 25 Meter hohe «Wäschetrommel», in deren Innern Felsbrocken so hart gegeneinander geschleudert werden, dass hinten nur noch Sand herauskommt. Seitdem Groenveld am Ruder ist, arbeitet die Anlage noch ein Stückchen besser. Darauf ist der studierte Physiker stolz: «Um mehr als zwei Prozent konnten wir den Durchsatz der Mühlen steigern», sagt er. Dies aus einer ohnehin schon hocheffizienten Anlage herauszukitzeln, ist durchaus bemerkenswert.

Stillstand kostet Geld

Den Ortskundigen wird es natürlich sofort aufgefallen sein: Baden im Aargau hat sicher einiges zu bieten, eine Kupfermine ist jedoch nicht darunter. Auch in der übrigen Schweiz gibt es keine. Trotzdem beschäftigt der Energie- und Automationskonzern ABB eine ganze Mannschaft von Minenspezialisten in Dättwil. Der Clou: Die ABB-Leute überwachen und kontrollieren Minen auf der ganzen Welt aus der Ferne.

Groenvelds Mine liegt in Nordschweden. Er hat den Algorithmus programmiert, der die Anlage in Aitik unweit der Stadt Gällivare steuert. Gibt es Probleme, weist er die Arbeiter vor Ort an – oder greift gleich selbst ein. Die Anlage in Aitik ist bisher die einzige, deren Normalbetrieb von der Schweiz aus geregelt wird. Bei den anderen überwacht ABB, warnt bei Unregelmässigkeiten im Betrieb und leistet im Notfall Hilfestellung. Bares Geld können die Minenbetreiber so sparen, denn der Ausfall der Mühle kostet bei grossen Anlagen bis zu eine Million Franken am Tag.

Fortschritt kostet Jobs

Die Digitalisierung, hier gibt es kaum noch Zweifel, verändert die Wirtschaft – und mit ihr den Wirtschaftsstandort Schweiz. Während Studien bisweilen von Millionen Jobs ausgehen, die wegen der Digitalisierung weltweit gestrichen werden – das Weltwirtschaftsforum WEF etwa schockierte Anfang Jahr mit einer Zahl von netto fünf Millionen –, sind hierzulande gewisse Verschiebungen bereits spürbar. Der Trend geht weg von der Massenproduktion und hin zu spezialisierten Tätigkeiten, die ein hohes Ausbildungsniveau voraussetzen.

Dabei bringt der technologische Fortschritt völlig neue Arten von Arbeitsplätzen hervor. So können die ABB-Spezialisten in Dättwil nun dank modernster Technik von der Schweiz aus die Minen ihrer Kunden in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika überwachen. Dominik Groenvelds Job ist einer, den es vor fünf Jahren so noch nicht gab. Und es ist einer, dem ähnliche folgen werden — vor allem in der Schweiz.

Veränderung kostet Nerven

Zu Recht ist die hiesige Wirtschaft stolz auf die im internationalen Vergleich nach wie vor hohe Industriequote. Der harte Franken und die voranschreitende Digitalisierung nagen indes kräftig an dieser. So kräftig, dass nicht wenige vor einer Deindustrialisierung des Landes warnen. Die Frage sei erlaubt: Ist das, was Groenveld macht, noch Industrie? Irgendwie schon, schliesslich geht es um riesige Maschinen. Irgendwie aber auch nicht, denn Algorithmen programmieren auch seine Kollegen in der IT-, Pharma- oder Bankenbranche.

Wenn sich der Schraubenschlüssel entmaterialisiert und – wie im Logo zu dieser Serie – zu Bits und Bytes wird – sprich: Hardware zu Software wird, verschwinden dann die Industriejobs zugunsten von Arbeitsplätzen im Bereich der Dienstleistungen? Oder verändert sich schlicht die Industrie? Fakt ist: Industrielle Erzeugnisse sind heute andere als noch vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten. Bei der ABB ist heute jedes zweite Produkt softwarebasiert. Die Verschiebung, so viel ist sicher, wird weitergehen. Viele sehen die Entwicklung gar erst am Anfang.

Vorsprung kostet Mühe

Um darauf eingestellt zu sein, muss die Schweizer Wirtschaft vor allem eines sein: innovativ. So sehen das die Ökonomen der UBS. Sie fordern von der Politik ein klares Bekenntnis zur hiesigen Forschung und Entwicklung. Diese müsse auch weiterhin in der Schweiz beheimatet sein. Sonst laufe man Gefahr, die Poleposition unter den Staaten Europas in Sachen Innovationskraft zu verlieren.

Bevor die Wirtschaft die Renditen der Digitalisierung abschöpfen kann, stehen demnach einige Pflichtübungen an. Zunächst einmal gelte es, die Abwanderung von Forschung ins Ausland zu stoppen und die bereits ausgelagerten Aktivitäten zurück ins Land zu holen. Ende der 1980er Jahre seien 46 Prozent der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung seitens der Schweizer Unternehmen ins Ausland geflossen, 2012 waren es bereits 54 Prozent. Ein Grund dafür sei, dass Firmen ihre Forschungsaktivitäten immer näher an ihre Absatzmärkte heranrücken. So verlagerte etwa die ABB bereits vor 10 Jahren ihr Robotik-Kompetenzzentrum nach Schanghai. Auch den Pharmariesen Roche hat die UBS als einen ausgemacht, der seine Forschungsaktivitäten zunehmend in die Zielmärkte verlegt.

Um dies einzudämmen und die für die Digitalisierung so wichtige Innovationskraft in der Schweiz zu stärken, schlägt die UBS vor allem zwei Dinge vor: die Beziehung zur EU stärken und die Unternehmenssteuerreform III umsetzen. Eine Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung ist das sicher noch nicht. Eine erste Weichenstellung indes allemal.