Erziehung

Wie Musik unsere kulturelle Identität prägt

Zusammen musizieren verleiht den Kindern ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Zusammen musizieren verleiht den Kindern ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Singen und Lieder beeinflussen Kinder positiv – und zwar schon im frühen Babyalter. Doch in der Schweiz fehlt weitgehend die gezielte Förderung, kritisiert Entwicklungspsychologin Stefanie Stadler Elmer.

Seit über 30 Jahren beschäftigen Sie sich als Entwicklungspsychologin mit dem musikalischen Lernen. Hand aufs Herz: Macht Musik schlau?

Stefanie Stadler Elmer: Welche Wirkung Musik auf die Intelligenz hat, ist für mich nicht relevant. Viel mehr muss man die Tradition des Singens von Spielliedern und Versreime als eine frühe Form der Einführung in Kultur und Sprache verstehen, die von den älteren Generationen an die jüngeren vermittelt wird. Jedes Kind hat ein angeborenes Potenzial zur Musikalität – und lässt sich auf emotionaler Ebene von Musik beeinflussen.

Was löst Musik bei den Kindern emotional konkret aus?

Allen voran sind Kinder von sich aus interessiert an Klängen. Durch gemeinsames Singen und Musizieren fühlen sie sich zugehörig. Dazu kommt: Kinderlieder – wie beispielsweise «Ringel, Ringel Reihe» oder «Alli mini Entli» – lassen sich fast endlos wiederholen und variieren. Das erzeugt bei den Kindern ein Gefühl der Vertrautheit. Daneben lernen sie zuzuhören, sich zu konzentrieren und sich mit ihrer Stimme oder durch andere Bewegungen zu beteiligen. Singen und Musizieren ist Aktivierung und Beruhigung zugleich.

Im hessischen Herborn sind Sie seit fünf Jahren daran, gemeinsam mit dem Leitungsteam in einer Kita eine Musikkultur zu entwickeln. Wie muss man sich dort den Alltag vorstellen?

Der Tag beginnt mit gemeinsamem Singen und hört damit auch auf. Dazwischen können die Kinder wählen, was und wie lange sie etwas machen möchten. Das offene Konzept bietet ihnen Möglichkeiten zum Basteln, Malen, draussen zu spielen – oder eben zu musizieren. Wir beteiligen uns mit den Kindern auch an musikalischen Anlässen wie beispielsweise an einer Orchesterprobe oder wir treten gemeinsam mit einer lokalen Band auf. Im Team ist das Thema «Musik» ein fester Bestandteil der Weiterbildung und von Teamsitzungen.

Da tummeln sich sicher mehrheitlich Kinder von sensibilisierten Eltern.

Nein, überhaupt nicht! Die Kinder haben zu 70 Prozent einen Migrationshintergrund. Musik ist dabei eine ideale Form, Kinder abzuholen und in eine Gemeinschaft zu integrieren.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Da gibt es verschiedenste! Wir hatten einen 4-jährigen Buben mit spanisch-italienischen Eltern. Als er zu uns kam, war er sehr introvertiert, schüchtern und sprach kaum. Dann entdeckten wir seine Fähigkeit, beim gemeinsamen Trommeln die Gruppen anzuführen und komplizierte Muster zu spielen. Einmal spielte er einer Erzieherin so eines vor, das sie nachahmen sollte. Als sie das Muster falsch spielte, sagte er bestimmt: «Nein, nicht so – so!» Und trommelte exakt die gleichen Takte nochmals vor. Durch das Musizieren ist sein Selbstbewusstsein gewachsen, er hat sich geöffnet und in die Gruppe integriert. Ein anderes Kind hat sich selbst einen Sprachfehler abgewöhnt.

Erzählen Sie!

Wir lassen die Kinder oft ihr eigenes Singen mit dem Computer aufnehmen. Ein Bube sang jeweils «Bruder Jakob». Er hatte dabei Mühe mit dem «sch». Ich wies ihn darauf hin, dass er bei der Stelle «schläfst du noch» «släftst du noch» sang. Wir übten dann die Aussprache, hörten die Stelle in seiner Aufnahme an, und er begann von sich aus, besonders auf diese Stelle zu achten, zu üben und sich zu verbessern. Das Singen motivierte ihn, an seiner Aussprache zu arbeiten. Nun wird er später keinen Logopädie-Unterricht mehr brauchen!

Schön – aber liessen sich solche Erfolge nicht auch mit Sprechunterricht, Bewegungstherapie oder anderen Formen der Frühförderung erzielen?

Sicher gibt es verschiedene Wege, ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Für mich ist Musik indes das ideale Mittel: Es braucht zunächst nichts ausser die Stimme und lässt sich in unterschiedlichsten Altersgruppen gemeinsam praktizieren. Musizieren vereint Wahrnehmung, Bewegung, Kreativität und Kommunikation – und ist eine uralte Tradition. Wer früh mit Singen, Tanzen und Musizieren anfängt, öffnet sich den Zugang zur enorm reichhaltigen Musikkultur. Leider geht diese Tradition etwas verloren.

Warum?

Es ist nicht mehr im Alltag verankert. Früher sang man in Familien, im Kindergarten und in der Schule, während des Arbeitens, des Wanderns oder an Festen. Doch unser Liedgut verschwindet. Welche Lieder können wir heute noch gemeinsam singen?

Wie könnte man dieser Entwicklung entgegenwirken?

Singen und Musizieren braucht einen höheren Stellenwert in der Ausbildung. Und zwar von der Kleinkinderzieherin über die Kindergärtnerin bis hin zur Schulstufe. Musik gehört zur Allgemeinbildung wie Deutsch oder Mathematik. Schliesslich prägen Musik, Gesang und Sprache unsere kulturelle Identität und Gefühle und bilden eine Einheit.

Wie meinen Sie das?

Unsere Stimme dient schon von früh an der Mitteilung. Gerade bei Babys ist es hochinteressant zu beobachten, wie sie ihre Eltern klanglich imitieren. Diese Klangmelodien erreichen das Baby emotional und sind zugleich die Brücke für den Spracherwerb. Im Grunde genommen singen Babys, bevor sie sprechen können!

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