Ein kirgisischer Reiter treibt seine Schafherde über die Weide. Es ist ein schönes Bild aus einer fremden, faszinierenden Welt. Doch immer mehr Reisenden genügt es nicht, im Vorbeigehen solche Bilder zu knipsen. Sie fragen sich: Was mache ich eigentlich hier? Und sie wollen mehr. Sie wollen das unbekannte Leben hinter den Bildern, Gerüchen und Klängen näher kennen lernen; wollen wissen, wie eine Familie in einem Land lebt, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen nur knapp über hundert Franken liegt. Sie wollen erfahren, was andere Menschen sich erhoffen, was ihnen Sorgen bereitet – und wofür sie kämpfen. Seit acht Jahren entwickelt Globotrek zusammen mit Helvetas Kleingruppenreisen mit Familienanschluss, auf denen solche Begegnungen möglich sind (siehe Box).

Die Schlaglöcher im Asphalt, die grauen Gebäude in stalinscher Architektur, die unleserliche Schrift und die Mischung aus alten Autos und Pferdegespannen machen uns bewusst, dass wir in Kirgistan gelandet sind – in einem Land, das fast keiner kennt. Hier ist ein Pferd noch ein grosser Besitz, die Berge sind namenlos und unberührt. Kirgistan, das die Steppen Zentralasiens überragt und zu 94 Prozent gebirgig ist, wird oft «zentralasiatische Schweiz» genannt. Kirgistan ist aber auch ein Land der wilden Tiere, der Oasen, glitzernden Seen und Hochweiden – und der überschwänglichen Gastfreundschaft.

Obschon sich die Republik seit ihrer Unabhängigkeit 1991 stark entwickelt hat und über Gold, Kohle, Öl oder Kupfer verfügt, lebt die Mehrheit der Landbevölkerung noch immer unterhalb der Armutsgrenze. Jeder zwanzigste Kirgise hat weniger als Fr. 1.25 pro Tag zur Verfügung. Viele Junge zieht es nach Russland; ihre Rücksendungen entsprechen beinahe einem Drittel des Bruttoinlandproduktes.

Osch und sein heiliger Berg

Ausgangspunkt unserer Reise ist Osch in Südkirgistan. Die heutige Industriestadt ist mit ihrer 3000-jährigen Geschichte etwa so alt wie Rom. Im 10.  Jahrhundert war Osch ein Handelszentrum an der alten Seidenstrasse, welche nach China, Indien und Afghanistan führte. Heute zählt der Ort rund 250'000 Einwohner. Überragt wird Osch vom «Thron des Salomo». Der 1110 Meter hohe Berg, dessen Form einer schwangeren Frau ähnelt, gehört zu den Heiligtümern der muslimischen Welt. Frauen pilgern zum Sulejman-Berg, um Fruchtbarkeit zu erflehen. Mohammed soll hier gebetet haben. Seit 2009 zählt das Ensemble mit Felsen, Grotte, Mausoleen und Felszeichnungen zum (ersten kirgisischen) Unesco-Weltkulturerbe.

Vorbei an den Minaretten des einstigen Herrschers Timur (14. Jh.), geht unsere Reise weiter durchs Fergana-Tal, wegen seiner Fruchtbarkeit die Kornkammer Zentralasiens genannt. Im Helvetas-Büro in Dschalalabat bereitet man uns ausführlich auf den bevorstehenden Aufenthalt bei den Bio-Bauern vor. Wir fahren noch ein Stück, vorbei an Weizen-, Mais-, Kartoffel- und ersten Baumwollfeldern. Zur Sowjetzeit wurden hier riesige Baumwollkolchosen bewirtschaftet.

Heranwachsende Burschen auf klapprigen Fahrrädern und erste vollbepackte Eselskarren kreuzen unseren Weg. Das Dorf unserer Gastfamilien besteht aus einfachen Bauernhäusern, die weit verstreut an einer staubigen Schotterstrasse liegen. Am Wegrand verkaufen Bauern frische Äpfel, Kürbisse und Melonen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Kirgistans lebt von der Landwirtschaft. Seit 2004 fördert Helvetas den Bio-Anbau von Baumwolle. Jetzt, Ende September, ist Erntezeit; sie ist kurz und arbeitsintensiv – und so sind auf den Baumwollfeldern auch unsere helfenden Hände willkommen.

Mit gebückten Rücken schlagen wir uns durch die Feldreihen; nur langsam füllen sich unsere Pflückschürzen. Bald einmal spüren wir die ungewohnte Belastung im Kreuz – hinzu kommen die Sonne, die vom Himmel brennt, die raue Erde, die kratzenden Sträucher. Dennoch macht die Arbeit Spass. Manchmal wird sogar gesungen. Fleissige Frauen, erzählt man uns, pflückten bis zu 170 Kilo Baumwolle pro Tag.

Die Betätigung auf dem Feld gibt uns Gelegenheit, am Alltag der lokalen Bevölkerung teilzuhaben, ohne einem Einheimischen einen Arbeitsplatz streitig zu machen. Man plaudert mit den Kindern, die einige Brocken Schulenglisch erproben – und trinkt mit Familie und Verwandten Grüntee oder Kumys, vergorene Stutenmilch, die an Joghurt mit Bier erinnert und mehr als gewöhnungsbedürftig ist. Daneben erkunden wir die Umgebung bei Wanderungen und besuchen die lokale Schule. Wegen der mangelhaften Infrastruktur können in Kirgistan nur vier von fünf Kindern den Unterricht besuchen. Veraltete Bücher, Lehrermangel und fehlende Strukturen tragen dazu bei, dass Kirgistan beim Pisa-Test bereits zweimal den letzten Platz belegte.

Auch in der Küche dürfen wir mit anpacken. In Kirgistan wird mit viel Fleisch, Knoblauch und Zwiebeln gekocht. Ein Essen beginnt meist mit einer Suppe. «Beschbarmak» (fünf Finger) ist das Nationalgericht – Nudeln mit Schaffleisch. Es trägt seinen Namen, weil es mit blossen Händen gegessen wird. Gelegentlich backen wir das kirgisische Brot. Der Teig wird zu runden Fladen geformt und über der frischen Glut an die Lehmofenwand geklebt. Zum Essen setzt oder kniet man sich auf ein Kissen am Boden. Manchmal sitzen wir bis in die Nacht mit unseren Gastgebern im Hof, singen, tanzen, lachen. Nicht nur wir haben Fragen; die Bauernfamilien scheinen an unserem Leben interessiert.

Baumwolle pflücken in Kirgistan

Baumwolle pflücken in Kirgistan

Stausee und Steppenebene

Nach sieben Nächten auf ausgebreiteten Baumwollmatten freuen wir uns auf ein richtiges Bett. Ein solches erwartet uns im Suusamyr-Tal. Die Fernstrasse M41 führt uns den gigantischen Toktogul-Stausee entlang. Mit 280 Quadratkilometer Fläche ist er halb so gross wie der Bodensee; die Staumauer ragt 215 Meter in die Höhe. Das Suusamyr-Tal ist ein riesiges Steppenplateau, 2300 Meter über dem Meeresspiegel. Die Landschaft mit ihrer Weite erinnert an die Mongolei. Nahezu 6000 Kirgisen leben hier unter härtesten Bedingungen. Zu sowjetischen Zeiten grasten auf der Sommerweide fast vier Millionen Schafe. Ein Viertel ist davon übrig geblieben. Ein grosser Teil des Tales wurde zu Ackerland.

Bevor wir am Issyk-Kul («warmer See») ein paar Stunden die Beine hochlegen, weihen uns Landfrauen in die Kunst der Shyrdak-Herstellung ein. Die doppelt genähten, puzzleartigen Filzteppiche haben eine jahrtausendealte Tradition. Die intensiven Farben und Motive – stilisierte Tierhörner, Adlerklauen oder schneebedeckte Berggipfel – versinnbildlichen den Wunsch nach Fruchtbarkeit, Geborgenheit und Glück. Shyrdaks werden in Handarbeit hergestellt, schmücken die Jurten und werden häufig als Mitgift geschenkt.

Eine Naturgewalt

Der Issyk-Kul (1600 m ü. M.), der zweitgrösste Hochgebirgssee der Erde, lockt Touristen wie Einheimische an seine Gestade. Vom Sandstrand aus hat man eine eindrückliche Fernsicht zu den teilweise schneebedeckten Gipfeln des Terskey-Alatau-Gebirges. Ein blaues Stück Himmel soll hier auf die Erde gefallen sein, meinte einst der 2008 verstorbene kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow.

Zu Sowjetzeiten hat die UdSSR im Issyk-Kul U-Boote getestet, heute urlauben im Sommer vor allem Russen und Kasachen hier. Der Issyk-Kul, in den über hundert Flüsse münden, ist eindrückliche 189 km lang. An den bewaldeten Bergflanken rund um den See leben Wölfe, Hirsche und andere Wildtiere.

Dank seiner warmen Quellen und seines vergleichsweise hohen Salzgehaltes friert der Issyk-Kul auch bei Lufttemperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius im Winter nicht zu. In der letzten Zeit entdeckten Wissenschafter auf seinem Grund Spuren und Überreste von Monumenten, Siedlungen und Gräbern, die vermutlich aus der Zeit zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. stammen.

Einige Kilometer nördlich des Issyk-Kul liegt das Tschong-Kemin-Tal mit seinem Nationalpark. Hier bestimmen Weiden, Pinienwälder und mehrere Viertausender das Landschaftsbild. Eine Morgenwanderung bringt uns zu den Sommerweiden der Nomaden mit ihren Schaf- und Pferdeherden. Mit einer Lässigkeit, wie man sie sonst nur von Cowboys kennt, reiten die Kirgisen an uns vorbei. Nicht umsonst lautet ein kirgisisches Sprichwort: «Ein Kirgise wird auf dem Pferd geboren.»

Schmelztiegel Bischkek

Natürlich verabschieden wir uns nicht von Kirgistan, ohne zuvor Bischkek besucht zu haben. Die kirgisische Hauptstadt (875'000 Einwohner) befindet sich dort, wo die kasachische Steppe auf die majestätischen Schneegipfel des Tien Schan – in China die Himmelsberge genannt – trifft. Bischkek ist durch seine Geschichte als Handelsstadt ein Schmelztiegel der Kulturen: Neben einer grösseren westlichen «Community», Russen und Kasachen leben hier auch viele Chinesen. Obwohl noch immer stark von der sowjetischen Plattenbau-Architektur geprägt, ist Bischkek eine überraschend moderne Stadt mit breiten Boulevards, imposanten Monumenten und – rund zwanzig – grünen Parks. Im Geschichtsmuseum kann man eine interessante Sammlung von kirgisischen Waffen, Schmuck und Trachten bestaunen; aber auch das Parlamentsgebäude, das Lenin-Denkmal und der farbenfrohe Osch-Basar sind einen Besuch wert.

Letzterer lässt uns in die Blütezeit der Seidenstrasse eintauchen. Hier bietet eine freundliche Händlerschar in einem Labyrinth aus schmalen Gässchen neben Brot, Früchten, edlen Gewürzen und Gebirgshonig auch Tabak, Stoffe, Filzwaren und sogar Schachspiele mit kirgisischen Figuren an. Blut- und Leberwürste liegen aufgetürmt neben Schwarten, Haxen und anderen Fleischstücken. Überall wird emsig gefeilscht.

Garküchen mit Spezialitäten wie «Manty», gefüllte Teigtaschen, oder «Plow», ein Reisgericht mit Lammfleisch und Karotten, laden zu einem Imbiss ein. In der Teestube lässt sich das bunte Markttreiben beobachten. Im Gegensatz zum Süden sitzen wir hier in Nordkirgistan auf Stühlen an Tischen.

Wir nutzen die Gelegenheit, um uns mit letzten Souvenirs einzudecken. Vielleicht werden wir eines Tages zurückkehren – in diese andere Schweiz.

Korrektur: Die Spuren und Überreste von Monumenten, Siedlungen und Gräbern am Grund des Issyk-Kuls stammen vermutlich aus der Zeit zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. und nicht aus der Zeit zwischen dem 1. Jahrtausend und dem 2. Jahrtausend. Wir entschuldigen uns für den Fehler.