Es brauchte den Klimawandel und den Kalten Krieg, um den Tambora wieder aus den Tiefen des historischen Gedächtnisses hervorzuholen. 1815 ist zwar eine durchaus dominante Zahl in den Geschichtsbüchern, aber sie steht für das Ende der Napoleonischen Kriege, für die Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress. Im April 1815, als im fernen Indonesien – von niemandem bemerkt in Europa – der Tambora explodiert, landet Napoleon Bonaparte in Antibes und startet zu seinen «100 Tagen». Eigentlich wollte man ihn auf der Insel Elba vom Polit-Geschäft fernhalten. Aber der Korse feiert ein Comeback. Dann ist, nach der Schlacht von Waterloo, der Napoleon-Spuk endlich vorbei. Erst jetzt «zeigt» sich die Tambora-Explosion. Caspar David Friedrich, William Turner und John Constable, um nur die berühmtesten aus der Künstlergemeinde zu nennen, malen Landschaften und Seesichten mit sensationell farbigen Himmelserscheinungen im Hintergrund. Die Schwefel- und Staubwolken, die der Tambora in die Atmosphäre gejagt hat, sorgen überall für spektakuläre Sonnenuntergänge.

Wir haben derlei auch schon gesehen. 2010, als auf Island der Eyjafjallajökull ausgebrochen ist. Die Staubwolke hat den Flugverkehr auf der Nordhalbkugel empfindlich gestört. Im Unterschied zu Islands Vulkanen verbreiten sich die Asche- und Schwefelwolken der indonesischen Vulkane nicht nur über der nördlichen Halbkugel, sondern wandern rund um die Erde. Und beeinflussen so das globale Wetter und das Klima viel gravierender.

Im April 1815 explodierte der Tambora auf der Insel Sumbawa in Indonesien. Auf der VEI-Skala (Volcanic Explosion Index, 1–8) wird der Tambora-Ausbruch mit 7 klassifiziert. Die Explosion des Vesuv (79 n. Chr.) hat VEI=5. Vor rund 70 000 Jahren explodierte der Toba im heutigen Indonesien (VEI=8), das hätte beinahe zur Auslöschung der Menschheit geführt. Bereits im Jahr 1809 muss es eine Explosion mit VEI=6 gegeben haben, aber man weiss nicht, wo. Eine VEI=7-Explosion 1258 führte zur «kleinen Eiszeit». Der Pinatubo 1991 rangierte auf einem VEI von 5 bis 6. (chb)

«Nukleare und Vulkan-Winter»

Lange wollte man nicht wahrhaben, dass Vulkanausbrüche globale Auswirkungen haben können. Man hielt sie für lokale Ereignisse. So nahm man 1815 vom Tambora kaum Notiz. Erst die Explosion des Krakatau 1883 (vielleicht ein VEI=6 wie der Pinatubo 1991) schaffte es auf die Frontseiten der europäischen Blätter – da war aber der Telegraph schon erfunden.

Dass sich die Aerosole der Vulkanausbrüche wirklich in der Atmosphäre ausbreiten und das Wetter beeinflussen können, realisierte man erst richtig in der Zeit des Kalten Krieges. Die Supermächte belauerten sich gegenseitig und suchten in der Atmosphäre nach nuklearem Fallout, um sich gegenseitig Atomtests vorhalten zu können. Dabei kam man auch auf das Phänomen des «Nuklearen Winters», langfristige Klimabeeinträchtigungen durch Aerosole, die in der Atmosphäre das Sonnenlicht filtern oder gar nicht durchlassen.

«Vulkanischer Stealth-Bomber»

Wenn wir schon beim Kalten Krieg sind: In seinem Buch «Tambora. The Eruption That Changed the World» (2014) nannte der Autor Gillen D’Arcy Wood den Tambora einen «vulkanischen Stealth-Bomber» des frühen 19. Jahrhunderts. Nicht, dass niemand sich an 1816 erinnern würde. All die «Jahre ohne Sommer» oder «Das Jahr der Bettler», wie es in Deutschland hiess, in der Schweiz war es kurz das «Hungerjahr». Die Folgen waren verheerend, nur wusste niemand um die Ursache.

Und das ist das wirklich Gespenstische an der Geschichte. Wie fragil von Menschen eingerichtete Systeme sind - und wie ausgesetzt natürlichen Bedrohungen. «Kultur und Zivilisation», schrieb Will Durant, «sind nur geologisch geduldet» – oder Max Frisch sagte es noch prägnanter über die «Naturkatastrophen»: «Katastrophen erlebt nur der Mensch, sofern er sie überlebt.»

Beim Klima ist der Streit noch nicht ganz ausgestanden: Kausalität oder Koinzidenz? Hängen die Klimaveränderungen mit der menschlichen Aktivität zusammen oder finden sie nur zufällig gleichzeitig statt?

Die moralische Komponente

Irgendwo dazwischen liegt der «Fall Frankenstein». Dass Mary Shelley die Geschichte aus Anlass des schlechten Wetters 1816 schrieb, ist unbestritten. Aber wenn man ein bisschen aufmerksamer liest, kann man schon ein paar Sachen zusätzlich entdecken. In ihrer Vorrede 1831 schreibt Mary Shelley, dass ihr der Gedanke des künstlichen Lebens Horror verursacht hätte. Im Rückblick auf den Roman ist das verständlich. Beim Lesen erfährt man von diesem Schlüsselmoment aber nicht viel. Die Episoden vorher und nachher werden eingehend geschildert, wie das Monster belebt wird, bleibt weitgehend offen. Elektrizität muss eine Rolle in der Imagination gespielt haben, das lag gewissermassen auch 1816 in der Luft. In Briefen schreibt Mary Shelley von ungewohnt heftigen Gewittern und Blitzen, die es 1816 gab, auch im Roman erlebt der Held im Alter von 15 Jahren ein zerstörerisches Gewitter.

Der Roman ist umständlich und verschachtelt erzählt. Man muss aufpassen, wer gerade wem was erzählt. Auch das Monster erhält Raum und berichtet glaubhaft von seiner quälenden Einsamkeit. Frankenstein selbst schwankt, und willigt bei der berühmten Konfrontation auf dem Montblanc zuerst ein, seinem Monster eine Gefährtin zu basteln. Dessen Bösartigkeit ist auch für ihn und in diesem Moment von aussen induziert. Das Monster kann unwidersprochen davon reden, wie es war, «als ich gut war». Es geht also eher um ein moralisches als um ein «technisches» Problem. Hätte sich Frankenstein beizeiten um sein Monster gekümmert und es «sozialisiert», anstatt wegzurennen, wäre all das Unheil nicht passiert.

Bereits im 19. Jahrhundert konnten Familienverhältnisse kompliziert sein. 1816, mit 18 Jahren, verliess Mary Godwin das Londoner Haus ihres Vaters, der als Anarchist galt. Ihre Mutter, die Feministin Mary Wollstonecraft, war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Zusammen mit ihrem Liebhaber Percy Bysshe Shelley und ihrem gemeinsamen Baby ging es in die Schweiz. Marys Stiefschwester Claire Clairmont war auch dabei. Sie war fasziniert vom Dichter Lord Byron (und von ihm schwanger). Er hatte England verlassen müssen, weil sein Lebenswandel und sein Liebesleben allzu freizügig waren. Shelley hatte ein Haus am Genfersee gemietet, Byron die in der Nähe gelegene Villa Diodati. Weil es dauernd regnete, beschloss die Gruppe, sich mit Schauergeschichten am Kamin zu unterhalten. Am 18. Juni 1816, während ein wilder Sturm über der Genferseeregion tobte, kam es zum «Horror-Story-Contest». Mary Shelley schrieb «Frankenstein oder Der moderne Prometheus» (erschienen 1818). Byron skizzierte eine Vampirgeschichte, die später von seinem Leibarzt John Polidori unter Byrons Namen veröffentlicht wurde. (chb)

Mary Shelley und die Liaison mit Lord Byron

Bereits im 19. Jahrhundert konnten Familienverhältnisse kompliziert sein. 1816, mit 18 Jahren, verliess Mary Godwin das Londoner Haus ihres Vaters, der als Anarchist galt. Ihre Mutter, die Feministin Mary Wollstonecraft, war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Zusammen mit ihrem Liebhaber Percy Bysshe Shelley und ihrem gemeinsamen Baby ging es in die Schweiz. Marys Stiefschwester Claire Clairmont war auch dabei. Sie war fasziniert vom Dichter Lord Byron (und von ihm schwanger). Er hatte England verlassen müssen, weil sein Lebenswandel und sein Liebesleben allzu freizügig waren. Shelley hatte ein Haus am Genfersee gemietet, Byron die in der Nähe gelegene Villa Diodati. Weil es dauernd regnete, beschloss die Gruppe, sich mit Schauergeschichten am Kamin zu unterhalten. Am 18. Juni 1816, während ein wilder Sturm über der Genferseeregion tobte, kam es zum «Horror-Story-Contest». Mary Shelley schrieb «Frankenstein oder Der moderne Prometheus» (erschienen 1818). Byron skizzierte eine Vampirgeschichte, die später von seinem Leibarzt John Polidori unter Byrons Namen veröffentlicht wurde. (chb)

Frankensteins «Hungermonster»

So, wie es geschildert wird, kann es gut sein, dass man Frankensteins Monster im Hungerjahr 1816 auf der Strasse begegnet ist. Shelley schreibt zwar nicht vom Hunger, aber von der Einsamkeit und dem Leiden. Die entscheidenden Szenen finden aber auf Gletschern oder in der Eiswüste der Arktis statt. Weit weg von der Gesellschaft. Und erst Ausgrenzung und Isolierung haben das Monster «böse» gemacht. Und das Selbstopfer nach Frankensteins Tod – das Monster errichtet sich selbst am Nordpol einen Scheiterhaufen – hat einen stark moralischen Appeal. Wie schnell geht und wie wenig braucht es, um aus einem Menschen ein Monster zu machen?

«Frankenstein» ist deshalb weniger ein Stück «Anti-Science-Fiction»; eher ein moralischer Appell, in harten Zeiten Menschlichkeit nicht zu vergessen.