Agent Orange

Wie ein Schweizer Unternehmen giftige Spätfolgen des Vietnamkriegs eliminiert

Mehr als vierzig Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges hilft ein Unternehmen im Berner Oberland mit, giftigste Spätfolgen zu eliminieren.

Dreizehn grosse Lastwagen, jeder mit einem 40-Fuss-Container drauf – insgesamt 300 Tonnen kontaminierte Aktivkohle trafen kürzlich bei der Batrec in Wimmis ein. Belastet mit dem Dioxin TCDD, einem der giftigsten Gifte dieses Planeten. Das schwarze dioxinbefrachtete Material kommt aus der vietnamesischen Hafenstadt Da Nang. Die knapp vierhundert Meter lange «MSC Istanbul» brauchte mehrere Wochen bis Rotterdam. Dort wurden die mit Kohlesäcken gefüllten zwölf Meter langen Container auf einen Rheinfrachter umgeladen und nach Basel gebracht.

Vieles an dieser Wimmis-Kohlengeschichte ist gross, sehr gross. Auch am Schauplatz Da Nang im tropischen Zentralvietnam. Da türmt sich ein Ofen auf, grösser als ein Fussballfeld und beinahe so hoch wie ein Einfamilienhaus. Gebaut ist er aus achttausend Betonklötzen. Es ist der dioxinverseuchteste Ort der Erde. Hier lag während des Vietnamkrieges der grösste amerikanische Luftwaffenstützpunkt und von hier aus starteten die meisten Agent-Orange-Sprühflüge. Damit man den Vietcong besser sehen könnte, wollte man den Dschungel entlauben. Grössere Mengen dieses Herbizides versickerten beim Umladen im Boden.

Am Ende war die Erde derart mit Dioxin kontaminiert, dass es via Trinkwasser, Fische und Enten ins Essen der Menschen gelangte. Das kaum abbaubare Agent-Orange-Dioxin (TCDD) befindet sich teilweise noch immer in Nahrungsketten. Mit Dioxinen werden heute weit über hundert Missbildungen und andere Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht. Laut der örtlichen Opferhilfeorganisation DAVA leiden allein in der Region Da Nang etwa fünftausend Menschen an den Folgen des Dioxins. Es schädigte über Generationen auch das Erbgut.

Heute ist der ehemalige US Air Force-Stützpunkt Da Nang ein Passagierflughafen. Im riesigen Betonofen an Rande der Pisten werden nach und nach viele tausend Kubikmeter vergiftete Erde erhitzt. Hohe Temperaturen machen Dioxine unschädlich. Die etwa hundert Millionen Franken teure Säuberungsaktion wird hauptsächlich von der staatlichen amerikanischen Entwicklungsagentur USAID finanziert. Im Monsterofen von Da Nang entgiften Aktivkohlefilter die entstehenden kontaminierten Dämpfe. 300 Tonnen dieser Giftkohle liegen nun im Berner Oberland, in Wimmis, im Innern der auf die Entsorgung hochgiftiger Abfälle spezialisierten Firma Batrec.

Jede Menge Dokumentation

Geschäftsführer Dieter Offenthaler erzählt, das Aufwändigste an der ganzen Prozedur sei eigentlich nicht die Dioxinvernichtung, sondern es seien die Transportbewilligungen. Weil die «Vietnamkohle», wie sie firmenintern genannt wird, Sondermüll ist, fällt sie unter die Basler-Konvention (siehe Kasten). Diese regelt den grenzüberschreitenden Transport und das umweltgerechte Management gefährlicher Abfälle. «Dabei muss gewährleistet werden, dass fast jeder Meter des Transportes rückverfolgbar ist. Sogar die Fahrroute des LKWs ist vordefiniert. Jedes Land, wo das Schiff anlegt oder die Lastwagen durchfahren, muss den Transport bewilligen. Selbstverständlich auch die Schweiz.»

Neben dem technologischen Knowhow waren es diese logistischen Kenntnisse, die den vietnamesisch-amerikanischen Auftrag eingebracht haben. Ein ganzes halbes Jahr hätten die Bewilligungsverfahren gedauert, sagt Dieter Offenthaler. Das Unternehmen, das er leitet, war einst eine Schweizer Firma, seit 2005 gehört sie zur französischen Veolia-Gruppe. In rund 75 Ländern tätig und mit einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Franken ist es der weltgrösste Umwelttechnik-Konzern.

Von 1200 auf 30 Grad

Was in der Batrec für den Laien nach einem Gewirr von Kesseln, Säcken, Rohren und Geländern ausschaut, ist in Wahrheit eine Art raffiniertes Hochtemperaturofen-System. Es ist heiss und laut in der hohen Fabrikhalle. Ein einziger Mitarbeiter, geschützt mit Maske und Atemgerät, bedient die Anlage. In der Luft feinster Kohlestaub. Im Schnitt dauert es eine halbe Stunde, bis bei 850 bis 900 Grad Celsius eine Ofenladung behandelt und das Dioxin verdampft ist. Die Dämpfe gelangen in eine Nachverbrennungskammer und dort erst werden die Dioxinmoleküle bei 1200 Grad in ihre Einzelteile zerlegt und zerstört. «Nach der Nachbrennkammer wird der Dampf von 1200 Grad auf 30 Grad abgeschreckt. Durch dieses Abschrecken verhindert man, dass sich Dioxine neu bilden können», erklärt Dieter Offenthaler, promovierter Metallurge, Österreicher und Batrec-Geschäftsleiter.

Ursprünglich wollten die USA die «Vietnamkohle» verbrennen. Dann erfuhren die Verantwortlichen von der Firma in Wimmis, eine der weltweit wenigen, die Aktivkohle von Dioxinen befreien könne, so Offenthaler. «Und zwar so, dass sie nachher wieder verwendbar ist.» Zudem, so vermutet der Geschäftsleiter, sei dieses Recycling billiger als eine Verbrennung. Die 300 Tonnen zu reinigen kostet etwa 500 000 Franken, bezahlt von den USA. Die entgiftete Aktivkohle kommt später zum Beispiel in Abwasser- und Abgasbereichen wieder zum Einsatz. Die aus Kokosnussschalen hergestellte Aktivkohle hat einen Dioxingehalt, der den Grenzwert um das Zweihundertfache überschreitet. Aktivkohle ist eine Art Zaubermittel. Ein einziges Gramm dieses sehr porösen Materials habe eine innere Oberfläche von bis zu 2000 Quadratmetern, sagt Dieter Offenthaler. Drauf sind Schadstoffe wie Dioxine fix gebunden. Flächenmässig entsprechen 300 Tonnen Aktivkohle etwa 14,5 mal der Schweiz.

Am Ende des ganzen Prozesses bleibe lediglich CO2 übrig, Kohlendioxid, wie es bei Verbrennungsprozessen entsteht. Trotzdem sei die Ökobilanz sehr positiv. «Hätte man alles in der Sondermüllverbrennungsanlage vernichtet, wäre die gesamte Kohle in CO2 umgewandelt worden. Bei uns wird bei der thermischen Behandlung nur ein Bruchteil davon zerstört und verbrannt. Über 95% der Kohle bleiben erhalten. Das bedeutet: Unser CO2-Ausstoss ist im Vergleich zur Hochtemperaturverbrennung minimal.»

Im Laufe dieses Jahres werden in Wimmis weitere 350 Tonnen hochgiftige Aktivkohle aus Da Nang erwartet. Zwar ist es vietnamesischen Wissenschaftlern gelungen, Bakterien zu züchten, die Dioxine vernichten. Ob es allerdings je möglich wird, auf biologischem Weg grossen Mengen beizukommen, ist ungewiss. In Vietnam gibt es nämlich neben Da Nang rund dreissig weitere Agent-Orange-vergiftete Hotspots, die Mensch und Natur gefährden. Allerdings weiss bis heute niemand, wer die Sanierungen bezahlen soll.

Peter Jaeggi ist freischaffender Journalist und Autor des Buches «Krieg ohne Ende» (Fotos Roland Schmid), das die Spätfolgen des Vietnamkrieges dokumentiert. Siehe www.agentorange-vietnam.org

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