Tibet

Wie ein Schweizer am Everest für Ordnung sorgt

Einsamkeit auf dem Dach der Welt Dieses Jahr erteilt China ausländischen Bergsteigern keine Bewilligungen mehr für den Everest (im Bild).

Einsamkeit auf dem Dach der Welt Dieses Jahr erteilt China ausländischen Bergsteigern keine Bewilligungen mehr für den Everest (im Bild).

Weil ein Pole ohne Bewilligung auf den Mount Everest gestiegen ist, sperrt China den Zugang. Nun schlägt der Schweizer Expeditionsleiter Kari Kobler Peking Richtlinien für Bergsteiger vor – und rennt dort offene Türen ein.

Der australische Bergsteiger, der das Wagnis Mount Everest diesen Frühling nicht überlebt hat, liegt noch immer auf über 8300 Metern über Meer. Seine Versicherung deckte ihn nicht ausreichend. Für die Bergung des Leichnams sind sechs bis acht Sherpas nötig.

Die extrem gefährliche Mission kostet über 50 000 Franken. Geld, das auch die Familie des Verunglückten vorerst nicht aufwerfen konnte. Bis sie sich schliesslich via einen australischen Bergführer an den Schweizer Extrembergsteiger Kari Kobler wandte mit der Bitte, den Leichnam doch noch zu bergen.

Seit Jahren organisiert der 62-jährige Kari Kobler Expeditionen zum Everest. Auf der Nordseite, in Tibet, das zu China gehört, ist Kobler der Platzhirsch. Im Base-Camp kennt jeder Kari. Die Bitte aus Australien will er nicht ausschlagen. Und so hat er vor, den verunglückten Australier zu bergen, wenn in einem Jahr von Mai bis April die nächste Saison am Everest ansteht.

Genau hier liegt aber der Haken. Weil ein polnischer Bergsteiger diesen Frühling den Everest von Nord nach Süd überstieg, ohne vorher bei den Chinesen und Nepalesen die nötigen Bewilligungen eingeholt zu haben, ist der Zugang via Tibet nun gesperrt.

Der Vorfall hat für den Polen strafrechtliche Folgen und er darf das Gebiet jahrelang nicht mehr betreten. Es bewog die für die Bewilligung auf Chinas Seite zuständige China Tibetan Mountaneering Association (TMA) dazu, ausländischen Bergsteigern vorerst gar keine Bewilligungen mehr zu erteilen (die «Nordwestschweiz» berichtete).

Schwarze Liste für Unseriöse

Zwar wagt sich in diesem Jahr wegen des einsetzenden Monsuns kaum jemand mehr auf den Everest, Kari Kobler aber wollte im Herbst mit Expeditionsteilnehmern aus der Schweiz von Tibet aus an den 8201 Meter hohen Cho Oyu. Diese Expedition muss er nun
abblasen.

Um wenigstens nächstes Jahr wieder an den Everest zurückkehren zu können, ist Kobler nun aktiv geworden. Er hat der TMA eine Liste von Bedingungen vorgeschlagen, an die sich die Bergsteiger künftig halten sollen, um überhaupt eine Bewilligung zu kriegen. «Es ist einfach höchste Zeit, dass sich die Bergsteigerszene Gedanken macht, wie die Probleme an den hohen Bergen gelöst werden können», sagt Kobler zur «Nordwestschweiz».

Am ehesten sieht er eine solche Möglichkeit auf der chinesischen Seite. An die Seite Nepal hat er keine Erwartungen mehr: «Wir können nicht darauf warten, dass die von Anarchie geprägte nepalesische Regierung endlich reagiert.»

Kari Koblers Vorschriften-Katalog soll den Wild-West-Zuständen auf dem Dach der Welt ein Ende setzen. Er beinhaltet Mindeststandards zur Abfallentsorgung sowie Mindestvorschriften zu mitgeführtem Sauerstoff, Ausrüstung und engagierten Sherpas. Zudem müssen Bergsteiger eine genügende Versicherungsdeckung nachweisen.

Zu guter Letzt sollen Agenturen, die grundlegende Regeln missachten, auf einer schwarzen Liste landen. Auf der Nordseite buhlen nebst einer einzigen tibetischen Agentur vor allem internationale Bergsteigerbüros wie Koblers Firma sowie zahlreiche nepalesische Firmen um die zahlungskräftige Everest-Klientel.

Zwar startet der Grossteil der Bergsteiger nach wie vor von Nepal aus, doch der Nordzugang gilt als weniger gefährlich. Weil die Kosten für Expeditionen beidseits des Everest fast deckungsgleich sind und sich Jahr für Jahr mehr Bergsteiger in Nepal auf den Füssen herumtreten, prophezeit Kobler auf der Nordseite in Tibet wachsende Zahlen an Höhenbergsteigern.

China sucht Einfluss

Die zuständige TMA hätte ihm gegenüber bereits bestätigt, dass es ab nächstem Frühling wieder Bewilligungen für Everest-Besteigungen gibt, sagt Kobler. Offenbar rennt der Schweizer mit seinem Vorschriften-Katalog offene Türen ein bei der für die Bewilligungen zuständigen halbstaatlichen Organisation. Die TMA war bisher fast komplett kommerziell organisiert, finanzierte sich also über Zahlungen der Bergsteiger. Jüngst aber, so Kobler, würden die Löhne direkt von Peking bezahlt. Offenbar will Chinas Führung an Einfluss über das Hochgebirge gewinnen.

Und so lässt sich anhand der Geschichte über Schweizer Bergsteiger, die am Himalaja für Ordnung sorgen, eine andere erzählen: Wer den Mount Everest erklimmen will, der hat die Wahl zwischen Nepal und China, zwischen Chaos und Diktatur. Hat er solche Widrigkeiten erst einmal hinter sich, so muss er sich in der Todeszone einem Überlebenskampf stellen. Denn auf einer Höhe über 8000 Meter ist sich jeder selbst am nächsten.

Helfen ist auf dem Dach der Welt lebensgefährlich, Egoismus wird zur Überlebensstrategie. Davon zeugen die Toten, die wie der glücklose Australier einfach liegen bleiben. Und der Abfall, dessen Abtransport zu fest an den Kräften der Bergsteiger zehren würde. Glaubt man Kobler, dann unternimmt die nepalesische Seite viel zu wenig, um dieses Chaos einzudämmen. Oder die Bemühungen versinken im Sumpf einer grassierenden Korruption.

Dieser gesetzlose Zustand im Hochgebirge soll nun zumindest auf der Nordseite des Everest enden. China nimmt wegen des polnischen Bergsteigers, der sich nicht um die Regeln scherte, die gesamte Bergsteigergemeinschaft in Sippenhaft. Chaos und Anarchie sollen auf der Südseite, in Nepal bleiben. Einer Diktatur wie China sind sie nicht zuträglich. Schon gar nicht in der abtrünnigen Provinz Tibet.

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