Der Mensch stirbt zwei Mal. Einmal bei seinem physischen Tod. Das zweite Mal, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Letzteres wäre Xavier Mertz beinah zugestossen. Der Basler Jurist war der erste Schweizer, der den Boden der Antarktis betreten hat. «Ich gedenke, an verschiedenen Orten der Südpolargegenden die Schweizer Fahne zu hissen», schrieb er in seinem letzten Brief aus der tasmanischen Hafenstadt Hobart an seine Familie in Basel. Das war im Dezember 1911, kurz bevor Mertz und 17 weitere Männer in See stachen.

Die australische Expedition unter der Leitung des Geologieprofessors Douglas Mawson war ein prestigeträchtiges Unterfangen. Australien war damals erst seit zehn Jahren eine autonome Nation. Im Wettrennen um den noch unerforschten sechsten Kontinent wollte man vorne mit dabei sein. Der Expeditionsleiter Mawson schaffte es später auf die australische Hundertdollarnote. Andere Teilnehmer zierten lange Zeit die Briefmarken der australischen Post. Noch heute wird die Erinnerung an das Abenteuer von der «Mawson’s Huts Foundation» hochgehalten. Und der Schweizer Xavier Mertz? Sein Schicksal geht – zumindest in seiner Heimat – für gut 100 Jahre vergessen.

Aus dem Schlaf erweckt

Der Schweizer Journalist und Autor Jost Auf der Maur recherchierte Anfang 2013 eigentlich über das Werk von Roberto Donetta, eines Fotografen, der das Leben im Bleniotal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert hat. Bei seinen Nachforschungen stiess Auf der Maur jedoch auf eine ganz andere Geschichte. In einer österreichischen Fachzeitschrift las er, dass im Basler Staatsarchiv Dutzende 100-jährige Bilder aus der Antarktis eingelagert sind. Der Fotograf war: Xavier Mertz. Mit dem Bilderschatz hob der Autor gleich einen weiteren: die Abschrift zweier Tagebücher, verfasst während der Expedition.

Im November 2013 veröffentlichte Auf der Maur gemeinsam mit dem Basler Historiker Martin Rickenbach einen Text- und einen Bildband «Xavier Mertz. Verschollen in der Antarktis». Das Naturhistorische Museum Basel widmete dem verlorenen Sohn eine kleine Ausstellung. Ansonsten war die Resonanz in der Heimatstadt von Mertz dürftig.

Die Tragödie im Eis

Xavier Mertz ist nicht einer jener betuchten Abenteurer und Weltreisenden aus den vermögenden Basler Familien. Er ist ein Secondo. Sein Vater, Emile Mertz, wandert aus Frankreich in die Stadt ein. Am St. Albanweg betreibt er eine kleine Maschinenbaufabrik. Emile ist ein schwieriger Charakter, ein Choleriker, der eines Tages von der eigenen Familie in die psychiatrische Klinik eingewiesen wird. In einem Wutanfall hat er zwei seiner drei Söhne mit einer Pistole bedroht. Der eben promovierte Jurist Xavier führt die Firma während der zwei Jahre, die sein Vater in der Klinik darbt. Seine Abenteuerlust ist jedoch stärker als der Wunsch, Maschinen zu produzieren. Xavier Mertz erfährt von der bevorstehenden Antarktisexpedition, fährt nach London und bewirbt sich bei Douglas Mawson für die Crew.

Als erfolgreicher Bergsteiger und Skifahrer scheint Mertz prädestiniert für eine Reise ins ewige Eis. Mawson ernennt ihn zum Transportchef. Zurück in Basel, deckt sich Mertz beim Sportgeschäft Kost & Cie an der Freien Strasse mit Eispickeln, Gletschereisen und Ski für die Expeditionscrew ein. Das hat er im Griff. Weniger taugt er für seine zweite Aufgabe. Er soll die Schlittenhunde betreuen, hat aber von Hunden keine Ahnung. Die Hälfte der treuen Vierbeiner stirbt bereits auf der Überfahrt an den Südpol. Es sind 3000 Kilometer, welche die Crew mit dem Dreimaster «Aurora» auf teils stürmischer und eisiger See hinter sich bringt, bevor das Schiff an der Commonwealth Bay anlegt. Im antarktischen Sommer bauen die Männer eine Hütte. Ebenjene «Huts», an welche die erwähnte Stiftung noch heute erinnert. Der Nachbau der pyramidenförmigen Blockhütte kann heute im Hafen von Hobart besichtigt werden.

Wie die Männergesellschaft in diesem Verschlag inmitten der Eishölle den Winter 1912 verbracht hat, dokumentieren die Fotografien und das Tagebuch von Mertz. Im Sommer teilt sich die Crew in verschiedene Expeditionsgruppen. Mertz bricht mit Mawson und dem Briten Belgrave Ninnis Richtung Osten auf. Letzterer fährt den Schlitten mit den Vorräten. Da kommt es zum Unglück. Mann, Hunde und das ganze Essen stürzen unwiederbringlich in eine Gletscherspalte. Fortan müssen Mawson und Mertz das Fleisch geschlachteter Schlittenhunde essen. Am 8. Januar 1912 stirbt Xavier Mertz völlig entkräftet in den Armen von Expeditionsleiter Mawson.

Vergessen und vermisst

Am 22. Juli 1914 klingelt es am St. Albanweg in Basel. Vor der Tür steht Mawson mit einem Paket. Darin sind die Tagebücher und ein grosser Teil der Fotografien von Mertz. Er übergibt den Nachlass der Familie. Sechs Tage später bricht der Erste Weltkrieg aus. Dass ein junger, 31-jähriger Schweizer am anderen Ende der Welt seinen Tod gefunden hat, interessiert niemanden mehr.

Wie der Nachlass ins Basler Staatsarchiv kam, ist nicht überliefert. Dass die Geschichte von Xavier Mertz so lange in Vergessenheit geriet, liegt wohl auch daran, dass sowohl seine beiden Brüder als auch seine Schwester keine Kinder hatten, die vom verschollenen Onkel hätten erzählen können. Jemand, so erfuhr Auf der Maur erst kürzlich, habe den Abenteurer jedoch zeitlebens vermisst. Die Lehrerin und spätere Schulinspektorin Elisabeth Kupferschmid hatte vergebens gehofft, dass ihr Liebster von seinem Abenteuer zurückkehrt. Sie hat nie geheiratet.

Die Antarktis verlangt Demut

Auf der Maur wird von seiner Entdeckung bis heute heimgesucht. Im Dezember 2017, 106 Jahre nach Mertz, ist er, begleitet von einem Fernsehteam, mit dem russischen Eisbrecher «Akademik Shokalskiy» von Hobart aus Richtung «Mawson’s Huts» aufgebrochen. Von dieser Reise erzählt nun ein Dokumentarfilm, der am 30. Mai auf dem Kultursender 3sat ausgestrahlt wird. In einer Reportage in der «NZZ» hat Auf der Maur Teile seines Logbuchs veröffentlicht. Er berichtet von emotionalen und realen Wellentälern, von Seekrankheit, Schlaflosigkeit und Schiffskoller. Wie die Reise auf den Spuren von Xavier Mertz ausging, sei dem Film nicht vorweggenommen. Auf der Maur sagt: «Die Antarktis verlangt Demut.»

Durch das Buch und den Film ist die Erinnerung an das tragische Abenteuer von Mertz gewährleistet. Auch Basel besinnt sich endlich seines verschollenen Sohnes. Am 16. Juni trifft sich auf Einladung von 3sat und Auf der Maur eine illustre Gesellschaft im Literaturhaus Basel. Mit dabei ist Gregory Holland, Direktor der australischen «Mawson’s Huts Foundation». Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann wird zu Ehren von Mertz eine Grussbotschaft der Stadt überbringen.