Im Stich gelassen

Wie die Schweiz im zweiten Weltkrieg zwischen richtigen und falschen Schweizern unterschied

Die Schweiz kümmerte sich während des Naziterrors nur halbherzig um ihre 700 Bürger in deutschen Konzentrationslagern.

«Es konnte jeden treffen.» Das schreiben die Autoren Balz Spörri, René ­Staubli und Benno Tuchschmid über die Schweizer, die in Nazikonzentrationslagern gelandet sind. Die Zahl der Menschen insgesamt, die Opfer der ­Naziterrorherrschaft wurden, geht in die Millionen. Die Bezeichnung «Schweizer» muss näher bestimmt werden. Die Autoren haben 719 Schicksale ausfindig gemacht (512 Männer, 207 Frauen). 456 überlebten die Lager nicht. Von ihnen waren 391 Männer und Frauen anerkannte Schweizer Staatsbürger (201 sind in den Lagern oder kurz nach der Befreiung gestorben). Die übrigen wurden in der Schweiz geboren.

Die Zahlen stören den Lesefluss, aber sie müssen sein. Denn man erinnert sich sonst nicht an die Opfer. Verhaftet wurden sie, wo die meisten gelebt haben – im Ausland. Und gestorben sind sie – die allermeisten – im Ausland.

Dieses Buch über die Schweizer KZ-Häftlinge wirft ein Licht auf Schicksale, die in der Geschichtsschreibung bisher kaum aufgetaucht sind. Obwohl zum Komplex Schweiz–Nazideutschland–Zweiter Weltkrieg schon so viel geschrieben worden ist.

Und einem beim Lesen auch so viel wieder bekannt vorkommt. Das handelnde Personal ist auf deutscher wie auf Schweizer Seite meist bekannt. Bekannt von den Geschichten, die bereits mehr oder weniger aufgearbeitet wurden: die Flüchtlinge, die nachrichtenlosen Vermögen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Nazideutschland.

Die Haftgründe waren manchmal nur Bagatellen

Es konnte wirklich jeden treffen. Die Haftgründe – so weit bekannt – waren oft auch Bagatellen: freche Sprüche über die NS-Herrschaft oder die Hakenkreuzfahne war nicht gegrüsst worden. Viele Verhaftete waren allerdings aktiv in der Résistance oder im europäischen Widerstand. Beim einen oder anderen Fall dürfte auch der Spionage- oder Nachrichtendienstvorwurf zugetroffen haben. Und viele waren Juden.

Besonders nach 1939 «verschwand» man einfach im Konzentrationslager. Vorher wurde man nach der Verbüssung einer Gefängnisstrafe «in Schutzhaft» genommen. Das «Verschwinden» wurde auch als psychologische Abschreckung gebraucht. Wer sich gegen das Regime stellte, sollte bei Nacht und Nebel aus dem Verkehr gezogen werden. Ohne dass Verwandte, Freunde und Bekannte etwas über den Verbleib erfahren konnten. Das sollte dem Regime den Schein des Unangreifbar-Mächtigen verleihen.

Die Drohung war wirksam. Nicht nur psychologisch, sondern auch real. «Routinemässig» hätten die Schweizer Gesandtschaften in Deutschland oder in anderen von den Nazis besetzten Ländern hin und wieder nach dem Verbleib von Landsleuten gefragt. Gezielt gesucht und interveniert wurde nur in Einzelfällen. In Deutschland praktizierte der Gesandte Hans Frölicher seinen bereits aus den anderen Erzählungen bekannten «Umschmeichel-Modus».

Nur die Nazis nicht reizen, so verstand er seinen Dienst. Erst gegen Ende 1944, als die Niederlage Nazideutschlands unübersehbar wurde, reagierte er alarmistischer. Jetzt müsse man handeln, meldete er, denn die Häftlinge drohten im allgemeinen Untergang umgebracht zu werden.

Ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Paul Dinichert. Der haute hin und wieder auf den Tisch, verwies auf Völker­recht und internationale Abkommen. Er nahm den Schutz der Schweizer Bürger ernst. So schwierig und im Einzelfall erfolglos das war. «Schule Dinichert!» notierte Frölicher als Anmerkung, wenn einer seiner Leute etwas gar forsch bei den Nazibehörden nachgefragt hatte.

Frölicher machte, was der Bundesrat 1938 beschlossen hatte: «Rückkehr zur integralen Neutralität. Kampf für die Unabhängigkeit des Landes. Und Pflege freundschaftlicher Beziehungen mit allen Staaten, also auch mit Hitlerdeutschland.»

Es konnte jeden treffen. Mit dem Lagersystem hatten die Nazis nach dem Brand des Reichtagsgebäudes begonnen, Regimegegner wurden in Massen verhaftet, und die Gefängnisse waren überfüllt.

Das «Schutzhaft-System», die willkürliche Verhaftung nicht nur durch die Polizei, sondern im NS-System auch durch Parteiorganisationen wie SA, SS oder die Gestapo, war ein mächtiges Instrument, mit dem der NS-Staat gegen missliebige und ­andere Gegner vorging. Die Opfer ­waren rechtlos. Es wirkte bald nicht nur gegen politisch Anders­denkende, sondern erstreckte sich auch auf Menschen, die nicht ganz der of­fiziellen Linie folgten. Sie alle steckte man ins KZ.

Das KZ schied «ordentliche, linientreue NS-Deutsche» vom Rest. So war es gedacht. Wer dort landete, hatte auch mit dem Stigma zu kämpfen, ein Mensch zu sein, der nicht den Anforderungen entsprach. So wurde sogar von den Schweizer Behörden unterschieden: Verdiente es ein Verhafteter, dass man sich für ihn einsetzte, oder war er gar kein «richtiger Schweizer»?

«Schweizer zweiter Klasse» ganz im Sinn der Nazis

Behörden und Diplomaten wurden zu Richtern. Die Beschränkung auf den Einzelfall war eine auf die «guten Schweizer». Die Autoren schreiben: «Die einzelnen Ämter, Diplomaten und Bundesräte waren sich dabei weitgehend einig: Kriminelle, ‹Asoziale›, Behinderte, Kommunisten, Widerstandskämpfer, Menschen, die Juden geholfen hatten, ‹Zigeuner›, Homosexuelle, Schweizerinnen, die einen Ausländer geheiratet hatten, Doppelbürger sowie Juden galten als Schweizer zweiter Klasse.»

Die Autoren stellen konsterniert fest: «Dies waren fast exakt die gleichen Menschen, die auch die Nationalsozialisten als ‹minderwertig› ­betrachteten – eine Übereinstimmung, an der seitens der Schweizer Behörden offenbar niemand Anstoss nahm.»

Das Schema ist bekannt aus der Flüchtlingsdebatte. «Politische» waren – weil kommunismusverdächtig – nicht genehm. Und Juden musste nicht geholfen werden. Hin und wieder liest man sogar, «Widerstandskämpfer hätten halt damit rechnen müssen, verfolgt zu werden». Die Denkschablone blieb bis weit nach dem Krieg wirksam, wenn es um die Entschädigungen ging. Anerkannt als Verfolgte wurden die Menschen, die das KZ-System überlebt hatten, fast nicht. Sie konnten auch nicht darüber sprechen, denn niemand wollte das offenbar hören. Albert Mülli, ein KZ-Überlebender, hielt nach dem Krieg Vorträge über das, was er erlebt hatte. Aber er hörte bald damit auf.

Der Gestus ist vertraut. Die offizielle Schweiz schien geschockt durch die unverhüllte Nazibrutalität. Man wollte lange nicht wissen und sehen, was wirklich geschah. «Gräuel-Propaganda», die Entschuldigung war nur allzu willkommen. Ob das ein moralisches Defizit ist oder nicht, muss man nicht entscheiden. Aber die Ausrede: Man hätte alles Mögliche getan, um den Menschen zu helfen, gilt nicht.

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